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Vom Fluch, Missfallen zu erregen
14. April 2008 von Matthias

Es muss dem Reisenden auch erlaubt sein, respektvoll die nicht ganz so wunderbaren Seiten des Landes zu erwähnen, dessen Gastfreundschaft er in Anspruch nimmt, natürlich ohne der Versuchung zu erliegen, pauschale Verurteilungen abzugeben. Usus mag es sein, jede Nichtigkeit, die einem zu Hause nicht einmal ein müdes Achselzucken abringen würde, mit berauschten Superlativen der Begeisterung zu bedenken („Die Busse! So pünktlich und so sauber!“) sowie über die Unannehmlichkeiten des Reisealltags wie fehlendes Warmwasser, verschmutzte und verfilzte Abflüsse oder Bettlaken, auf denen ein Vorgänger auf äußerst unangenehme Weise verschieden zu sein scheint den dezenten Mantel des Schweigens zu breiten, aber hier auf diesem Blog fühlen wir uns nichts als der nackten, brutalen Wahrheit verpflichtet.

Und so schmerzt es mich, schonungslos den mangelnden Enthusiasmus der Dienstleistungsdienstnehmer in Chiapas an den virtuellen Pranger stellen zu müssen. Es ist verständlich, nach Jahren an der Rezeption eines Hotels oder im Büro einer Reiseagentur eine tiefe und ehrliche Antipathie gegenüber den Klienten bzw. Touristen zu entwickeln, ja der erfahrene Reisende erwartet es nicht anders und begegnet herzlicher Freundlichkeit deshalb auch wie einem seltenen Diamanten; aber ebenso wie der verhärmte, abgeklärte Arzt immer ein aufmunterndes Wort für die eingebildeten Leiden seiner Stammpatienten übrig hat, so gehört ein Mindestmaß an Professionalität in der Interaktion mit Kunden eigentlich schon zu den wünschenswerten Eigenschaften eines Angestellten in der Dienstleistungsbranche. (Und da Heinz mich für den vorangegangenen Satz wegen der Überschreitung des zumutbaren Limits an Nebensätzen sowieso schon hassen wird, habe ich auf die geschlechtsneutrale Verwendung von Ausdrücken wie „eines/r Angestellten“ schweren Herzens verzichtet).

Mariam, Anne und James Ein Beispiel soll dies illustrieren. Wir, das sind Mariam aus Kanada (ursprünglich Afghanistan, dann Indien, jetzt Vancouver), Doris aus der Schweiz, Anne aus Berlin (ja, dieselbe wie in meinem Oaxaca / Casa Verde Beitrag) und James aus Australien, großes, blondes und dreitagebärtiges Objekt ihrer Verzückung, stehen im Hippie-Dschungel-Paradies von El Panchan bei Palenque an der Rezeption einer hölzernen travel agency – Baracke und hätten gern ein Taxi gerufen. Die Dame hinter dem Tresen, ein Telefon in Griffweite, winkt nur müde ab, das mache sie nicht, wir möchten uns doch ins nahegelegene Restaurant begeben und es dort versuchen.

Mariam und der DschungelÄhnlich abweisend und mit kaum unterdrückter Verachtung begegnet uns ein paar Tage zuvor das Personal des ansonsten durchaus empfehlenswerten Planet Hostels in San Cristobal.

Wir sind ein gerade noch erträgliches Ärgernis, ein notwendiges Übel, das einmal mehr verdeutlicht wie schön die Arbeit in der Touristikbranche ohne Touristen sein könnte; keine große Überraschung eigentlich, und vielleicht ist diese unverhohlene Ablehnung im Grunde ehrlicher und begrüßenswerter als die falsche Patina aus Freundlichkeit, die einem sonst manchmal entgegengebracht wird. Ich möchte meinen Hang zu Übertreibungen nicht missverstanden wissen; wer hier in Mexiko den Menschen herzlich begegnet, erlebt eine typisch lateinamerikanische Mischung aus Lebensfreude und Offenheit, die in – sagen wir mal – Wiener U-Bahnen nie anzutreffen sein wird.

Regenwald bei PalenqueWarum also ausgerechnet in manchen Backpacker-Absteigen der Missmut und die schlechte Laune unter den Beschäftigten grassieren, mag sich mit dem Verhalten mancher ReisekollegInnen erklären lassen, die das Land lediglich als Möglichkeit sehen, ausgelassen zu feiern, sich nicht um Sitten und übliche Verhaltensweisen scheren, und nicht auf den gewaltigen Einkommensunterschied achten. Hier sind wir, verlustieren uns nach Lust und Laune, werfen mit vergleichsweise hohen Beträgen um uns und reisen ohne absehbares Ende, während die Leute, die unsere Bettwäsche wechseln, unser Bier bringen oder uns vom Busbahnhof ins die Unterkünfte fahren außer diesen kurzen Einblicken in unsere Ausgelassenheit vermutlich nie die Chance haben werden, es uns gleichzutun. Was nimmt es da Wunder, wenn wir Unmut erregen – zumal wir nur ein temporäres Phänomen darstellen; wie Geister ziehen wir in unserer geschützten Rucksacktouristenblase durchs Land, ohne individuelle Spuren zu hinterlassen, saugen Eindrücke und Erfahrungen auf und lassen Geld und, manchmal, Neid zurück.

Das macht echte Begegnungen zwischen Menschen so wunderbar; sei es das kurze Gespräch mit einem jungen Englischstudenten über die Tücken der englischen Sprache, die Begegnung mit Casa Verde oder der Moment, wo wir mit Einheimischen ins Gespräch kommen, ohne dass wir ein Ticket kaufen wollen und ohne dass sie etwas zu verhökern hätten.

* * *

Mariam ist die verlorene afghanische Schwester von Julia und Sissi; dieselbe Stimme, dieselbe Gestik, funkelnde Augen und ein Temperament, dem alle Unbill der Welt nichts anhaben zu können scheint. Sie ist, wie James es so treffend formuliert, a social butterfly, kommt leicht mit allen Menschen ins Gespräch, lächelt viel und gibt jedem einzelnen ihrer Gesprächspartner das Gefühl, sich ihr oder ihm ganz allein und individuell zu widmen.

Sie hat etwas verquere Ansichten zu Themen wie Krebs (eine von Menschen geschaffene Krankheit), hält es für möglich, dass wir alle nur genmanipulierte Objekte eines gewaltigen Experiments sind und liest Bücher von Eckhart Tolle. Sie isst langsam und mit Hingabe, skizziert, zeichnet und notiert in einem großen schwarzen Notizbuch, liebt Saul Williams, Ernest Hemingway, schöne Männer und schöne Frauen gleichermaßen, ist Künstlerin und nach eigenen Angaben noch ziemlich unerfahren in Beziehungsfragen.

Sie wird bis Ende Juni in Mittelamerika unterwegs sein; während meine nächsten Wege mich aber nach Yucatan und vielleicht Belize führen werden, wendet sie sich schon bald direkt nach Guatemala.

„Die ist so süß“, sagt Anne, „wenn ich ein Typ wäre, würde ich mich unauffällig an sie ranmachen.“

Die reisenden Musiker einer nordkalifornischen Band, die 5000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt hat und die letzten zwei Abende hier in El Panchan, dieser Ansammlung aus cabanas, Hütten und Häusern auf Stehlen im Dschungel knapp zwei Kilometer von den weltberühmten Ruinen entfernt, aufgetreten sind, liegen ihr jedenfalls bereits zu Füßen.

* * *

Ruinen von PalenquePalenque und sein Hippie-Anhang El Panchan existieren eigentlich nur, damit die Touristen irgendwo in der Nähe der Ruinen wohnen können. Was durchaus verständlich ist, selbst für jemanden wie mich, der sich normalerweise nicht unbedingt alle alten Steinhaufen en detail ansehen muss, erweisen sie sich als majestätische Überraschung. Und bestätigen einmal mehr die alte Theorie, dass es einen sehr guten Grund für den Gringo-Trail gibt, diese Reiseroute in Lateinamerika, der fast alle Ausländer, vulgo Gringos, mehr oder weniger folgen. Weil er nämlich tatsächlich sehens- und erlebenswert ist.

Die Ruinen von PalenqueUnd wenn wir dazu noch das Gruppenerlebnis von ein paar zusammengewürfelten Leuten aus aller Welt bekommen, umso besser.

„Woher kommt ihr?“ fragen uns die Taxifahrer, wenn wir zu fünft in ein Taxi klettern.

„Australien, Deutschland, Schweiz, Österreich und Kanada“, halte ich für eine erwähnenswerte Antwort.

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Befremden auf allen Seiten
14. April 2008 von Matthias

LeserInnen dieses kleinen Reisetagebuches verleihen in privater Korrespondenz ihrem Befremden Ausdruck oder zweifeln gar an der Tatsache, dass wirklich ich es bin, aus dessen Feder diese mexikanischen Impressionen fliessen.

Rainer droht gar damit, die Fortsetzung seiner Teilnahme am überschaubaren Lesezirkel einzustellen, wenn nicht ein Beweis für die wahre Identität des Autors erfolgt.

 Dies sei hiermit als geschehen zu betrachten.

Ein ausführlicherer Beitrag aus den verregneten Dschungeln um die Maya-Ruinen von Palenque folgt hoffentlich demnächst. Verkompliziert wird dieses noble Unterfangen durch die Beschränktheit der zur Verfügung stehenden Bandbreite, des sich daraus ableitenden Verbots von Skype, Youtube und aller sonstigen Audio- und Videostreams, die Nichtexistenz eines WLANs und die Fülle der berichtenswerten Ereignisse, aus denen euer Korrespondent nach reiflichem Abwägen eine Auswahl treffen wird müssen.

Und ausgerechnet jetzt brennt in Linz ein Domänencontroller durch und treibt meinen armen Ersatz in den Wahnsinn.

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