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Playing the Belizeans at Football
26. April 2008 von Matthias

Wir fahren nach Dangriga…Wir erreichen den letzten Bus von Belize City nach Dangriga auf der Straße vor der Station beim Wegrollen. Menschengetümmel, Chaos, Lachen und keuchende Trucks ringsum. Freundliche Hände stoßen rückwärts die Tür auf, um unsere großen Rucksäcke hinter die letzte Sitzreihe zu hieven, während der Bus mit laufendem Motor unschlüssig verharrt. „Get in the bus, man”, fordert mich jemand mit Baseballkappe auf, „come on, go!” Ich lasse meinen Rucksack also im Stich, laufe nach vorn und klettere hinter meinen neuen Reisebegleitern (Anna, Griechin aus Kanada, Carmen aus Colorado und Daniel aus Berlin) in einen gebrechlichen Urgroßvater des Transportwesens, einen ehemaligen US-amerikanischen Schulbus wie aus einem idyllischen Fünfziger-Jahre Schinken. Die Menschen hängen bereits aus den Fenstern, aber irgendwie kommen wir noch hinein, Daniel hat sogar seinen Tramperrucksack noch auf dem Rücken.

Während der Fahrer die zulässige Bauartgeschwindigkeit bereits auf dem Weg aus der Stadt heraus überschreitet, bahnen Anna und ich uns millimeterweise unseren Weg durch die lebhaft durcheinanderrufenden Fahrgäste, die zu dritt und zu viert auf den kleinen Plastikdoppelsitzen hocken und wie die sprichwörtlichen Sardinen aneinandergedrängt stehen (und gegen den intimen Kontakt zu manchen der hübschen Mädchen hier habe ich nicht notwendigerweise etwas einzuwenden, auch wenn die das möglicherweise anders sehen; anmerken lassen sie sich jedenfalls nichts).

Ein Fahrrad verunmöglicht uns das Vorstoßen zur Sichtkontrolle unseres Gepäcks. „Sorry, I just want to check that my bag made it onto the bus”, sage ich, im hinteren Drittel des schaukelnden Gefährtes gestrandet – und ganz ohne schlechtes Gewissen, denn im Karibik-Staat Belize ist Englisch die offizielle Amtssprache. „No worries, man”, antwortert der baseballbekappte Helfer von vorhin, durch das Gewimmel hindurchbrüllend „ I got your bag right here. It’s safe.” Und da wir mittlerweile schon gut zehn Minuten unterwegs sind, gebe ich halt einfach auf – wenn er nicht hier ist, freut sich halt jemand Bedürftiger aus Belize über mein iranisches Paykan-T-Shirt, meine Unterwäsche und meine Malaria-Medikamente.

Ich versuche also, mich zu entspannen und die Fahrt zu genießen. Und was für eine Fahrt es ist – neben uns eine junge Mutter mit zwei Töchtern, von denen die kleinere fröhlich und unermüdlich Klassiker des internationalen Kinder-Songbooks wie den „ABC-Song” zum Besten gibt. In der letzten Reihe sitzen zwei junge Männer aus Caye Caulker, die entweder auf wirklich coolen Drogen sind oder sofort ihre eigene Sitcom bekommen sollten (wenn ich so darüber nachdenke, ist da eigentlich nicht wirklich ein Widerspruch). Teenies und Rastamen, ganze Familien und wir anscheinend die einzigen Touristen, während die Sonne langsam von Gold zu Rot wechselt und sich in Richtung Guatemala dem Horizont nähert. Draußen rauschen grüne Wiesen und Felder, Palmen, vereinzelte Holzhäuser und -hütten und staubige Straßen vorbei.

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Von Mexiko nach Belize über die Grenze zu kommen, ist als hätte man ein paar tausend Kilometer zurückgelegt und wäre in einer Karibikstaat-Karikatur gelandet, so eklatant ist der Unterschied. Um auch wirklich jedem zu verdeutlichen, dass die Uhren hier anders gehen, müssen wir sie gleich mal eine Stunde zurückstellen. Wo mexikanische Busreisen geordnete Angelegenheiten mit Computertickets und Sitzplatznummern sind, wie in Chile oder auf der Panamericana in Peru, ähneln sie in Belize mehr einer interessanten Mischung aus Volksfest und Familientreffen – mit knapp über zweihunderttausend Einwohnern im ganzen Land hat es tatsächlich den Anschein, dass hier alle einander von irgendwoher kennen.

Eigentlich wollte ich die der Küste vorgelagerte Korallenriff-Insel Caye Caulker in der Nähe des weltberühmten Taucherparadieses Blue Hole aufsuchen und mich in einem weiteren Backpacker-Hostel dem wonnigen Nichtstun zwischen Schnorcheln und Partys hingeben, aber Anna, die bereits neunmal in Belize war, rät mir davon ab (uns eigentlich, denn in Chetumal und später im verfrüht abfahrenden und um eine Stunde zu spät ankommenden Bus nach Belize City bilden wir vier eine spontane Reisegemeinschaft). Also fahren wir stattdessen in den hereinbrechenden Abendstunden nach Dangriga, einer Stadt ohne herausragende Eigenschaften, von wo aus wir tags darauf nach Placencia fahren wollen.

Das Wort „Stadt” ist hier übrigens anders auszulegen als sonst üblich; Belize City, diese Weltmetropole, dieser Schmelztiegel der Nationen, diese Oase der Hochkultur und der architektonischen Weltwunder, dieses Mekka des internationalen Pauschaltourismus, bringt es gerade einmal auf siebzigtausend Einwohner und teilt mit La Paz in Bolivien das Schicksal, irrtümlich für die Hauptstadt gehalten zu werden. Asphalt bleibt den wenigen Durchzugsstraßen vorbehalten, die Häuser sind großteils einstöckig, windschief und aus rohen Brettern, von denen die Farbe abblättert. Kurz gesagt, die Art Stadt, die sogar in einem an kulturellen Highlights nicht unbedingt reichen Land wie… sagen wir mal, Moldawien, einem Reiseführer maximal die Erwähnung wert wäre, sich das nicht anzutun.

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Belize ist eine explosive Mischung aus spanischer, karibischer und Maya-Kultur mit rund 70% Mestizen und Menschen schwarzafrikanischer Herkunft; gesprochen wird neben dem bereits erwähnten Englisch auch Creole, Spanisch und einige weitere indigene Dialekte. Hartnäckig hält sich das Gerücht, es sei nicht sicher, hier zu reisen; mein Reiseführer berichtet beispielhaft von einem US-Studenten, der 2005 in Belize City vor seinem Hotel erwürgt wurde, in Tulum haben mich erfahrene Hardcore-Backpacker gewarnt, nicht in der Dunkelheit irgendwo anzukommen, und als ich mit Anna ins Gespräch komme, meint sie, die Möglichkeit in Betracht ziehend, dass wir keinen Anschlussbus nach Dangriga mehr erwischen könnten: „Please God, let’s not spend a night in Belize City. So many people are on crack there – I don’t know why, but that’s just the way it is.”

Und das von einer Frau, die das Land kennt und liebt. Während wir noch mit einem Taxifahrer verhandeln, ob der uns die 105 Meilen nach Dangriga fährt (er will 150 Belize-Dollar, das sind 75 US-Dollar für alle vier), erspäht er den oben geschilderten Bus, der eigentlich die Station schon verlassen hat und wir nehmen, wie es so unfallheischend heißt, die Beine in die Hand.

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Mittlerweile sind ein paar Leute ausgestiegen und Anna und ich finden jeweils einen Sitzplatz – hintereinander (Carmen und Daniel sind irgendwo weiter vorn im Bus außer Reichweite).

„You wanna sit next to your girl?” werde ich gefragt.

“It’s fine, I don’t really know her anyway. We’ve just met today.”

“You just met today? And now you’re travelling together?”

“There’s four of us, actually.”

“But the other two…”

“They, too, don’t know each other.”

“Shit, man, nobody knows nobody? That’s hilarious.”

Und an den anhaltenden Heiterkeitsausbrüchen unserer Mitfahrgäste gemessen, ist es das wirklich.

Während einer kurzen Pause in Belmopan, das mit Sucre in Bolivien die Tatsache teilt, eine unbekannte Hauptstadt zu sein (zwölftausend Menschen finden hier ihre Heimat, bestenfalls eine Handvoll Straßenzüge in Mexiko City) steigt eine singende, schäkernde Burgerverkäuferin in den Bus, die lediglich an meinem Vegetarismus scheitert – und den letzten Burger im Rahmen einer gesungenen Auktion versteigert.

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Das schöne DangrigaHarris oder Harrison (so genau weiß ich das immer noch nicht), einen jungen Spieler der Fußballnationalmannschaft von Belize, lernt Daniel im Bus noch kennen. Es gäbe einen Marathon morgen Abend ab sechs Uhr, als Auftakt eines Turniers würden zwölf Fußballmannschaften je zweimal fünfzehn Minuten gegeneinander antreten, bis in die frühen Morgenstunden hinein.

Natürlich werden wir uns das nicht entgehen lassen, beschließen wir, im Durchschnitt sind wir doch ziemliche Fußballfans (Daniel fanatisch und ich zum Beispiel überhaupt nicht).

Dangriga bei TagNachdem wir am nächsten Tag also die Abreise verschoben und Dangriga erkundet haben (Riverside Cafe? Check. Strand? Check. Holzhäuser auf Stehlen? Check. Dahintümpelnde Boote? Check.), sowie uns über unsere bisherigen Reisen ausgetauscht haben, treffen wir uns mit Harrisons Team und verbringen die nächsten Stunden am Fußballplatz, mit der Mannschaft plaudernd, während der Geruch von glühendem Gras die Luft schwängert.

Daniel und HarrisonNachtfußballmarathon in BelizeAls leidenschaftlicher Laienfußballer darf Daniel sogar ins Dress schlüpfen und beim zweiten Spiel mitspielen. Der charmante Berliner, der tatsächlich ständig Dinge wie „Total krass” oder „Wie geil ist das denn?” von sich gibt, ist seit sieben Monaten unterwegs, hat noch ein Jahr vor sich und verdient sich mit seinem Blog nicht nur ein paar Euronen Taschengeld von einem Berliner Journalisten, sondern auch einen Platz in meiner „Andere Weltreisende” Linkliste als „Rambanyflash“, wie er sich nennt.

Gewinnen wir? Keine Ahnung. Während ich diese Zeilen schreibe, ist der Marathon noch im Gange; aber anders als ihr werde ich es ehebaldigst erfahren.

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Nebenbei: auf einem meiner Dangriga-Straßenfotos entdecke ich beim Durchblättern einen Vogelsuizid im rechten mittleren Bildbereich. Zum Vergrößern wie immer einfach auf das Bild klicken:

Ein Vogel stürzt sich kopfüber auf die Straße

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Tulum - Strandidyll mit Maya-RuinenAus meinem Lassen-wir-doch-Mexiko – noch-Revue – passieren – Beitrag ist nicht wirklich etwas geworden, auch meine Abenteuer in Tulum fallen der Schere und Zensur bzw. dem Zeitmangel zum Opfer. Auf keinen Fall aber, weil nichts Erzählenswertes geschehen wäre, im Gegenteil. Ruinen? Magisch über dem türkisblauen karibischen Meer. Strand? Paradiesisch. Hostel? Billig und großartig zum Leute-Kennenlernen. Horrorfilmreife Käferplage im Doppelbett meiner Zimmergenossen, eines schottisch-australischen Pärchens inklusive. Und eine charmante, witzige, kluge und hübsche Schweizerin mit dem bezaubernden Namen Anne Chantal, die ich an meinem Geburtstag am Strand antreffe. Endlich eine Gesprächspartnerin, die meine Begeisterung für Stiller Has nachvollziehen kann.

Das Wiedersehen mit Sinead aus Irland und einem Kanadier, dessen Name mir leider wieder entfallen ist, die ich beide noch aus San Cristobal kenne, ist da gerade noch the icing on the cake.

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Arbor del Tule
03. April 2008 von Matthias

Wir brauchen ein bisschen mehr Landeskunde hier. Kopfhörer, Biersorten, Backpackergeplänkel, alles gut und schön, aber wo bleibt da Mexiko selbst? Sollte dieser Blog nicht ein Loblied auf die mexikanischen Berge, Hochebenen, Strände, Dschungel und Kakteenlandschaften sein, auf die lauten Märkte, die farbenprächtigen Gewandungen, auf Tequila und Mezcal, auf Kathedralen und Kloster, auf die Gegensätze zwischen Stadtleben und den Indios auf dem Land, auf so typische Gerichte wie Tortillas, Tacos, Mole, diversestete pollos, und nicht zuletzt auf Chilli, Pfeffer und Knoblauch?

Nein.

Dafür gibt es Reiseführer und Bildbände, Reiseberichte und einschlägige Romane. Aber ein bisschen Lokalkolorit kann nicht schaden

Mit Dingen wie “der größte, längste, älteste, schönste” was-auch-immer darf man bzw. frau es nicht so genau nehmen. In Albanien zum Beispiel, in Korca, steht ein kleines Kirchlein, das als älteste Kirche des Balknas bezeichnet wird. Dabei ist es unwesentlich, dass unweit davon, in Voskopoja nämlich, Kirchen stehen, deren Baujahr noch weiter in der Vergangenheit liegt, Fakten sind einer guten Legende und einer Touristenattraktion bekanntlich noch nie im Weg gestanden.

Alt, älter, am ältestenIn El Tule, zwölf Kilometer östlich on Oaxaca, steht der älteste Baum der Welt. Der Stamm mißt 42m Umfang, seine Höhe beträgt ebenfalls über vierzig Meter. sein Alter wird auf über 2000 Jahre geschätzt. Um den Baum herum ist ein kleiner Zaun errichtet, vermutlich um Liebespaare davon abzuhalten, ihre Namen und Herzen in den Stamm zu schnitzen.Was zwei Jahrtausende überdauert hat, kann ja nuir ein gutes Omen für eine Beziehung sein…

[Edit: Megan aus Australien behauptet, es sei nicht der älteste Baum der Welt, sondern der mit dem größten Stammdurchmesser. Same difference.]

Kurioses Faktum aus dem Reiseführer: in Huatulco am Meer gibt es ein Restaurant mit dem wohlklingenden italienischen Namen Il Giardio del Papa, dessen italienischer Küchenchef einmal der Koch des Papstes war.

Interessant wäre, warum der sich nach Mexiko absetzen hat müssen.

“Hören Sie, Signore, Arsen? Das ist ja richtig old-school.”

“Man hat ja schließlich Prinzipien, Euer Eminenz. Nichts anderes wäre für den Heiligen Vater respektvoll genug. Wenn schon Attentat, dann mit Stil.”

“Sie gefallen mir, Signore. Ich schlage Ihnen was vor: Sie verschwinden aus Rom und versprechen, nie wieder zurück zu kehren und ich regle das mit der Polizei. Wer weiß, vielleicht kann ich Ihnen sogar ein kleines Restaurant am Starnd zuschanzen. In irgendeinem Land weit weg. Argentinien. Oder Mexiko.”

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