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‘Kinky’ is not the answer
20. April 2008 von Matthias

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Rückseite von Tickets der INAH
(Instituto Nacional de Antropología e Historia)

Die Mayas; hunderte Seiten hab ich jetzt schon über sie gelesenValladolid is a dump, schreibe ich an Ling-An, etwas frustriert von der Tatsache, dass kein billiges Zimmer frei ist (bzw. ich keines gefunden habe), es konservativ geschätzte 95 Grad im Schatten haben dürfte (Celsius natürlich) und ich in einer Nobelherberge absteigen muss (die Art von Unterkunft, wo sich das Personal nach dem Aussprechen des Wortes dormitorio – „Nein, wir haben keinen Schlafsaal” – genötigt sehen würde, sich den Mund mit Seife auszuwaschen, weshalb ich mir die Frage gleich spare). Schweren Herzens blättere ich also meine rund 30 Euro für die Nacht hin – um dasselbe Geld hätte ich in Palenque acht Nächte bleiben können – und beziehe meine Kemenate mit Blick auf den Swimming Pool und Klimaanlage. Ein hoteleigenes WLAN gibt es auch. Wie fein.

Und Säulen…Die Ruinen von Chichén Itzá können mit denen von Palenque aus rein atmosphärischer Sicht nicht wirklich mithalten; noch eine riesige Maya-Pyramide, mehr Säulen, mehr Inschriften. Auch ein Brunnen für Opfergaben darf nicht fehlen, und ein Liter Mineralwasser kostet genauso viel wie die vierzigminütige Busfahrt hierher – würde Tulum nicht die Aussicht auf ein paar Tage Strand bieten, ich würde die Ruinen dort ohne Gewissensbisse links liegen lassen.

* * *

Heinz schreibt als Reaktion auf meinen vorherigen Beitrag:

Sehr geehrter Herr [xxx]!

Wegen wiederholter und willentlicher Verstoesse gegen die Bestimmungen der Union des Travelleurs du Monde International (UTMI) wurden Sie von einem unabhaengigen, ehrlichen und anstaendigen Gericht zu einer Zahlung eines Bussgelds in der Hoehe von 96 Schweizer Franken verurteilt. Die Ihnen zu Last gelegten Vorwuerfe lauten:

- Ueberschreitung der Nebensatzbegrenzung in einem oder mehreren elektronisch gefuehrten Journal zur oeffentlichen Konsumation um mehr als 5 (in Worten fuenf) NPs

- Oeffentliche Zurschaustellung von uebermaessiger Lebensfreude in o.g.
Journal in einer Art und Weise, die geeignet ist, die Daheimgebliebenen in tiefste Depressionen zu stuerzen

- Nichteinhaltung der vorgeschriebenen Mindestfrequenz an Depeschen in o.g. Journal

Gegen diesen Bescheid kann innerhalb einer Frist von 2 Stunden ab Urteilsverkuendung durch persoenliche Vorsprache in einer lokalen Dependance der UTMI Einspruch erhoben werden. Ihre naechstgelegene Zweigstelle entnehmen Sie bitte dem Aushang im Keller der Zentralen Dachorganisation in Genf.

Mit freundlichen Gruessen,
Heinz [xxx]
Leiter der Bestrafungsabteilung
Strenge-Kammer-Gasse 17
4242 Wels/Karpfenbach

* * *

Antonio „Negro” Aguilar ist so etwas wie eine lebende Legende in Valladolid, behauptet mein Reiseführer, Inhaber eines Sportartikelgeschäfts und Radverleihs, vermietet er auch die billigsten Zimmer in der Stadt. Nach meiner Ankunft wollte ich mich schon wegen eines Fahrrads erkundigen und die günstige Bleibe in Anspruch nehmen, doch erst nachdem ich mein überteuertes Ersatzquartier bezogen habe, öffnet sein Geschäft wieder die Pforten. Auf einem Schemel hockt ein älterer Herr, an dem ich beim besten Willen nichts Schwarzes entdecken kann, in nichts als unterhosenkleine Shorts gewandet, die Hände auf den wuchtigen, übereinandergeschichteten Wölbungen seines Bauches gefaltet und starrt mich missmutig an.

Never judge a book by its cover. Ich begrüße ihn freundlich, was er mit einem ungeduldigen Seufzen quittiert. Also frage ich auf Spanisch nach den Preisen eines Leihrades, worauf er nur müde in Richtung einer mit der gewünschten Information beschrifteten Tafel winkt. Ich wolle morgen früh gleich losradeln, ob um acht schon offen sei. „A las siete”, antwortet er laut und, wie ich nicht umhinkomme festzustellen, unfreundlich. Na ja, noch jemand, der unter der Flut von Touristen kaputtgegangen ist, denke ich bei mir, als ich schweren Herzens in mein dekadentes Domizil zurückkehre, um mich meinem Abendessen aus Keksen und mexikanischen Süßspeisen zu widmen.

Am nächsten Morgen ist dann wirklich Antonio im Geschäft. Schwarzhaarig, schlank, sehr freundlich lächelnd und auf Anhieb sympathisch. Und will für die kommende Nacht für ein Zimmer mit Bad und Ventilator weniger als ich anderorten für ein Schlafsaalbett bezahlt habe.

* * *

Méridas ehemaliger BahnhofMérida vor ein paar Tagen war ebenfalls nicht gerade ein durchschlagender Erfolg; ein kleineres körperliches Gebrechen, wie Experten vermuten von einer vegetarischen Pizza verursacht, hat meiner Motivation, mich mit der yucatan’schen Hauptstadt eingehend auseinanderzusetzen, wenig Vorschub geleistet. Beim Durchstreifen der hitzeflirrenden Gassen und Plätze stoße ich aber auf die aufgelassene Eisenbahnstation, von außen ein schmuckes Gebäude, das sofort mein Interesse weckt. Speziell für meinen guten Freund Christoph, von dem wir annehmen dürfen, dass er diesen Blog nicht oder zumindest nicht mit der gebührenden Aufmerksamkeit verfolgt, da er mir schöne Grüße nach Südamerika sendet, breche ich in das Gelände ein, klettere zwischen und in den skelettierten, vor sich hinrostenden Zügen herum und mache Fotos, bis mich ein unversehens auftauchender Wächter, der einen Kollegen in seinem umfangreichen Bauchraum verstecken könnte, unter Androhung von Polizeigewalt hinauswirft. Angesichts der überall verstreuten Bierflaschen, Kondome und Einwegspritzen wage ich leise Zweifel an seinen Fähigkeiten zu hegen, unwillkommene Eindringlinge fernzuhalten, äußere diese Einschätzung allerdings nicht.

Züge - dieser hier gut erhaltenGraffiti-Kunst in Mérida„Aber es war doch nicht abgesperrt”, erkläre ich wahrheitsgemäß, nachdem ich vorher circa zehn Minuten lang gebraucht habe, um eine tatsächlich unversperrte Seitentür ausfindig zu machen. Für Nini schnappschieße ich beim Hinausgehen noch ein paar weitere, allerdings wenig aufsehenerregende Buchstabengraffiti.

* * *

Ich antworte Heinz:

Sehr geehrter Herr [xxx],

als Inhaber eines Befreiungsscheines F-81 der UTMI, wie sie seit 1998
an besonders suizidgefaehrdete Reisende ausgestellt werden und ferner
als langjaehriger Laienrichter beim Berufungsgericht der
Dormitory-Streitschlichtungsstelle Lateinamerika Nord (BG S-LAN /
UTMI) muss Ihnen bei der uebereilten Ausstellung des
Bussgeldbescheides ein Fehler unterlaufen sein.

Ich muss Sie daher ersuchen, die Aktenlage nochmals sorgfaeltig zu
pruefen, ehe die Situation fuer Sie unangenehme Konsequenzen hat.

Mit freundlichen Gruessen,
Matthias [xxx]
UTMI Mitglieds-Nr. 00000012
UTMI-Laienrichter 0002

Merida / Yucatan, Mexiko

* * *

Das Hostal Zocálo in Mérida gehört einem etwa fünfzigjährigen Mexikaner mit grauem Pferdeschwanz, der die Säulengänge und hohen Räume wie ein Patriarch durchschreitet und nachlässig hingeworfene Anweisungen an das diensteifrige Personal ausstreut. Bei meinen Erkundigungen, ob jemand die Passphrase für das vorhandene Drahtlosnetzwerk kennt, stoße ich zunächst auf eine Mauer des Schweigens und der Verleugnung („WLAN haben wir hier nicht”), bis ich schließlich eine blonde Frau ausmache, die über ihren Laptop gebeugt eindeutig GMail benutzt.

Unter Aufbietung meines ganzen Charmes verwickle ich sie unauffällig in ein Gespräch („Sorry, but do you know the passphrase to the wireless internet connection they seem to have here?”) und entlocke ihr schließlich das begehrte Geheimnis. Joanna (den Namen habe ich geändert) sieht aus wie fünfunddreißig, ist sechsundvierzig, hat einen Sohn, der mit seiner Freundin in Rosenheim (Deutschland) lebt und ist die Lebensgefährtin des grauhaarigen Patriarchen. Als sie erfährt, dass ich aus Wien stamme, wird sie hellhörig, ihr Sohn werde dort nämlich hinziehen, wie Wien denn so sei, sie sei ja mal in Rosenheim gewesen, das sei ja furchtbar kalt dort, und Wien solle ja überhaupt noch viel windiger sein. Und ob es überhaupt coole, liberale Leute dort gäbe, oder nur lauter konservative Traditionalisten.

Sie selbst sei aus Louisiana, was bei mir neben Sümpfen und Cajun-Küche sofort Assoziationen an religiöse Südstaaten-Fundamentalisten und den Ku-Klux-Klan weckt; insofern würde ich Wien durchaus als liberal bezeichnen. Joanna hat die letzten zwei Jahre in China Englisch unterrichtet und ist seit drei Monaten in Mexiko, wo sich eben diese etwas heikle Liebesgeschichte ergeben hat.

Also erzähle ich ihr vom ersten Bezirk, von der Ringstraße, vom Rathausplatz, vom Kino unter Sternen und Christkindlmärkten, vom Schloss Neugebäude und vom Prater. Von den Klischees, die stimmen, und den schönen Dingen, die eigentlich Klischees sein müssten, wenn die Welt mit rechten Dingen zuginge. Außerdem von Kleingeist und Fremdenhass, von Fiaker- und Kaffeehauskitsch und von den Unterschieden zu Deutschland.

In der Nacht, während alle anderen entweder schon schlafen oder noch aus sind, setze ich mich an den Tisch, wo wir Gäste sonst das gemeinsame Frühstück einnehmen und versuche, auf meinem Laptop etwas Train zu programmieren (fragt lieber nicht). Das Angebot meines Schlafsaalkollegen Carlos, der, wenn ich das richtig verstanden habe (wir müssen Spanisch reden, Carlos kann erstaunlicherweise noch weniger Englisch als ich Spanisch), für die staatliche Lebensmittelaufsicht oder so arbeitet, noch in eine Disco zu gehen, lehne ich dankend ab. Carlos, der erst gegen drei Uhr nachmittags seine Arbeit aufnimmt und davor unmotiviert im Hostal herumlungert, ist um etwa zehn Uhr nachts sturzbetrunken mit diesem Vorschlag wieder aufgetaucht. Was immer seine genaue Jobbeschreibung ist, so schlimm kann es nicht sein.

Mit uns im Zimmer ist noch ein gebürtiger Schotte, der in Cancún als Paraglide-Ausbilder gearbeitet hat und jetzt auf Jobsuche ist sowie eine etwa fünfzigjährige Frau aus Tschechien, die die letzten drei Monate allein durch Mittelamerika gerucksackreist ist – wenn ich einmal fünfzig bin, möchte ich auch so cool sein wie sie.

Es ist nach Mitternacht, als Joanna ihrerseits ihren Computer an den Frühstückstisch schleppt um, wie sie sagt, eine Kurzgeschichte zu schreiben.

Sie erzählt unaufgefordert aus ihrem Leben, und davon, dass ihr Freund ständig etwas mit anderen Frauen habe. Und sie ständig auf Frauen aufmerksam mache, mit denen sie (Joanna) doch Sex haben solle. „Are you a writer?” fragt sie plötzlich, „please say no.”

Also verneine ich pflichtgemäß. Erleichtert fährt sie fort, mir ihr Herz auszuschütten. Wir trinken Rum (zunächst mit Ananassaft, dann pur), und immer, wenn sie meint, ein verdächtiges Geräusch gehört zu haben, versteckt sie mein Glas. Wir müssen hin und wieder Deutsch reden (das sie ganz gut kann), da ihr Freund Englisch versteht. Er sei so verliebt in sie gewesen, und jetzt rede er dauernd von anderen, besonders wenn er high sei.

„Now, suddenly, I’m not enough. I’ve never had to deal with rejection before.” Das kann nicht stimmen, denke ich mir, und: ich könnte dir was von Abweisung erzählen.

„He was out with his friends, doing some lines”, sagt sie, „and when he came home… You know, I don’t think ‘kinky’ is the answer.”

Ich pflichte ihr bei. “Kinky can be fun, but it’s never a solution for anything”, stelle ich meine Lebenserfahrung unter Beweis; gleichzeitig wird mir etwas mulmig. Ich will diese Unterhaltung über das Privatleben meines Gastgebers eigentlich gar nicht führen – diese Lateinamerikaner sind ja gerüchteweise eher heißblütig und Joannas Geheimnistuerei widerspricht dieser Vermutung auch nicht gerade, also suche ich nach einer unauffälligen Möglichkeit, mich zurückzuziehen. Bevor ich diesen Plan allerdings in die Tat umsetzen kann, geht sie ihrerseits schlafen.

Ich wende mich wieder Access und Visual Basic zu, doch es sind kaum fünfzehn Minuten vergangen, als eine Tür knallt und sie mit verquollenen Augen an den Tisch stürzt. Er lasse sie nicht schlafen, der alte Lustmolch, ob ich glaube, dass sie ihn verlassen solle? Er war so ein toller Mann eigentlich. Früher. Drei Monate lang. Oder so.

Ich weiß nicht warum, es kann am Alkohol liegen, aber ich verleihe meiner gerade erst geborenen Vermutung Ausdruck, die Männer in patriarchalischen Gesellschaften würden nur deshalb so attraktiv auf emanzipierte Frauen wirken, weil sie endlich einmal die klassische Rolle des Eroberers ohne Wenn und Aber einnehmen würden, so anders als die einschlägig vorgewarnten Weicheier daheim. „But in reality, their strength is based on the lack of strength and empowerment of the women in their societies.” Den Rest will ich euch ersparen, mit ausreichend Rum hat sich das durchaus sinnvoll angehört.

„So do you think I should leave him?”

Ich sage ja (ich weiß, ich weiß) und fürchte mich den ganzen folgenden Tag ein bisschen vor dem Zorn des Patriarchen.

Joanna is gone.

* * *

Heinz antwortet:

Sehr geehrter Herr [xxx]!

Natuerlich wurde vom hochwohlgeborenen und unfehlbaren Gericht keine wie auch immer geartete Verfehlung begangen. Der Ihnen zugewiesene Pflichtverteidiger durfte waehrend der Verhandlung gemaess Paragraph 692 der Vereinsstatuten im benachbarten Gebaeude verweilen und hat die Rechtmaessigkeit aller Vorgaenge auch ohne die eigentlich vorgesehene Androhung der Blendung bestaetigt.

Der von Ihnen angesprochene Dispens wurde Ihnen zwar von einem offiziellen Organ gewaehrt, ist aber leider nicht als Beweismittel zulaessig vor einer Disziplinarkommission nach Verordnung 04-TRT OLEAT.
Dazu muesste er durch einen von der Vollversammlung einstimmig beschlossenen Ergaenzungsbescheid F-81 ZULU zu einem Substantum Novum erhoben werden, der dann In Corpus Res vor einer Commissio Glavinaris Divinorum ad acta gelegt werden kann.

Da wir aber keine Unmenschen sind, werten wir Ihre Ausfuehrungen als Gnadengesuch und verzichten auch auf die in der Strafprozessordnung festgelegten Kniefaelle zu dessen Beruecksichtigung. Ihnen wird in den naechsten Tagen bezueglich Anklagepunkt 1. eine Ausnahmegenehmigung zugestellt, die Ihnen eine Anhebung der Nebensatzquote fuer 2008 um 10% p.m. gewaehrt (bitte beachten Sie, dass bei einer Nichtausschoepfung des Kontingents dieses verfaellt). Weiters wird die Euphorietoleranz in Ihrem Fall gemaess der im Befreiungsschein F-81 vorgegebenen Werte eingestellt. Gegen Punkt 3. hilft aber kein Einspruch und kein Rekurs.

Dadurch entsteht kein Praezedenzfall und keinerlei Rechtsanspruch in zukuenftigen Faellen. Die hier dem zu strafenden Subjekt vorenthaltene Haerte muss in anderen Faellen nachgeholt werden.

Mit nachsichtigen Gruessen,
Heinz [xxx]
Grossmeister III. Klasse
Traeger des Goldenen Shashlyk-Spiesses fuer Usbekistan-Veteranen

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Wieviel ist von den 96 Franken jetzt noch zu zahlen?

[Nur falls noch Unklarheiten bestehen: auf die kleinen Bilder klicken, dann kommt die größere Version zum Vorschein. Ich sag ja nur...]

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