 |
Koh Tao
20. Dezember 2009 von hekker
Also so retrospektiv gesehen muss ich schon sagen, dass ich ein bisserl ein Trottel bin. Die Idee zu diesem Ausflug wurde ja im September geboren, als ich, ehrlich gesagt, einfach nur von Wien die Nase voll hatte und weg wollte. Je naeher der Abflug dann rueckte, desto weniger enthusiastisch wurde ich: Weil 1. Eh so viele coole und liebe Leute in Wien, warum weg? und 2. Diplomarbeit total spannend und viel zu tun, also warum weg? Aber, wie ich schon zu Matthias gesagt habe, nachdem wir das stickige und stinkende Bangkok verlassen hatten und in der vierten schlafarmen Nacht in Serie um 1 in der Frueh auf einer Betonwuesten-Faehrhafenraststaette mit streunenden Hundsviechern und Reggae-ghettoblasternden Finnen nach 7stuendiger Fahrt aus dem raeudigen Bus geworfen wurden, mit Aussicht, die naechsten 6 Stunden da auf das Boot zu warten, das nochmals ein paar Stunden brauchen wuerde, damit wir auf einer Partytaucherinsel mit Bummbumm-Musik und Pseudopizza dem jungen Volk beim Kuebelcocktailsaufen zuschauen koennen: “Best fucking Holiday ever!”. Und das, liebe Leute, war noch, bevor ich zum ersten Mal unter Wasser geatmet habe.
 Und deswegen.
Weil saugeil, die Taucherei. Aber nochmals kurz zurueck vorher: Naemlich, auch die Faehrhafenwarterei war eigentlich ziemlich lustig, und das nicht nur retrospektiv. Wir haben es uns auf 2 Holzbaenken gemuetlich gemacht, ein paar Changs aus der Dose getrunken, geraucht, geplaudert und dann ein wenig dahingedoest. Weil, was soll man machen, aendern kann man das jetzt auch nicht mehr, und rumjammern verdirbt Laune, also abfinden, das Beste draus machen. Warum kann ich das nicht immer?
2 Sachen muss ich auch noch gestehen: 1. habe ich in aergster patscherter Touri-Manier meine Kamera im Bus verschmissen und der Busfahrer hat sie fuer mich aufgehoben. Ein Hohelied auf die Thais darf angestimmt werden 2. ist mir bei der Bootsfahrt furchtbar schlecht geworden, aber nach nix schlafen und nur Bier und Cola und Kaffee fuer 20 Stunden, wer kann einem das veruebeln (hrhrhr).
Irgendwie gab’s dann auch gar keine Diskussion mehr, ob ich einen Tauchkurs machen soll. Das hat sich einfach so ergeben. Ich dachte ja immer, das waer ausser fad nur anstrengend. Man braucht 1000 Ausruestungssachen, die 200 kg haben, wird ziemlich nass und dann sieht man nur Fische. Irgendwie wie Trekking im Aquarium. Und Fische schmecken mir ja nicht mal, also warum anschauen. Saeugetiere sind viel lieber und ausserdem naeher verwandt. Aber dann wurde ich nach ein wenig herumtheoretisieren heute das erste Mal ins H2O+NaCl gelassen.
Hier ist ein Absatz notwendig, um die lebensveraendernde Bedeutungssymbolik klar zu machen.
Ok, noch einer, das reicht sonst nicht.
Also: Es ist super. Beschreiben kann man das eh nicht. Ich habe mich nicht mal so bloed angestellt – waehrend die anderen noch Regulator purgen lernten, haben ein australischer Mitstudent und ich uns schon gegenseitig fotografiert, Yoga-Positionen simuliert, bloede Scherze getrieben und das Beste: Am Ruecken liegen und raufschauen, wie die Blaserln aufsteigen und an der glitzernden Wasseroberflaeche zerplatzen. Spaeter dann war ich eh nimmer so toll (das Notfallsnuckeln beim Divebuddy-Secondary habe ich voll verpatzt, gleich mal verkehrt rum reingesteckt, das Mundstueck), aber lustig war’s trotzdem. Und wenn man dann einmal atmet und halbwegs gesteuert rumtaumelt im Wasser, sieht man auf einmal die Fischerln und ich muss sagen, selbst diese hundsgewoehnlichen Standardstrandfische schauen aufregend cool aus, wenn man ihnen Aug in Aug gegenueberschwebt. Aber schon alleine das Gefuehl, da unten zu schweben, die Geraeusche, wie alles so anders aussieht, es ist unwahrscheinlich unvergleichlich, unbeschreiblich.
Wie auch immer, kurz drauf war eh wieder Auftauchen und Rausgehen angesagt, weil ich natuerlich der erste Luftlose war (vor lauter Aufregung?). Ein paar Grundsachen kann ich schon, und morgen geht’s dann auf einen richtigen Tauchgang. Oh weh. Nochmals etwas Fuercht, Angst, Schreck, weil viel tiefer und Korallen und so. Schaffe ich den Druckausgleich? Werde ich stolpern und mit der Tauchflasche 2000 Jahre Korallen zerbrechen? Werde ich meinen Divebuddy unabsichtlich den Luftschlauch abreissen? Kriege ich Tiefenkoller, Lungenembolie und Sauerstoffvergiftung mit Stickstoffknie? Die Antwort gibt’s morgen, um dieselbe Zeit.
PS: 5 weitere Einsatzgebiete fuer einen Hut:
- Dezent Wertsachen abdecken, wann im Lokal gach aufs Klo muss
- Laestige Moskitos erschlagen
- Nass aufsetzen gegen Hitze
- Ironisch rumgehen und Geld einsammeln, nachdem man vor Publikum spektakulaer gestolpert ist, irgendwas fallengelassen hat oder sonstwie schadenfreudeerregend aufgefallen ist.
- Klobrillen abwischen vorm Niedersetzen
Man sieht schon, der letzte Verwendungszweck ist fuer den Hut immer eher sehr final.
Tags: bier, Busfahren, fisch, koh tao, Tauchen, Thailand, Zweifel Posted in Thailand | 1 Kommentar »
Was auch mal gesagt werden muss
19. Dezember 2009 von Matthias
Reden wir Klartext.

Bekanntlich ist ja nicht alles Gold, was glänzt, und auch beim Reisen ist nicht alles eitel Sonnenschein, Friede, Freude und Eierkuchen. Und damit ihr euch im winterlichen Österreich auch einmal gut fühlen könnt vor den Feuern eurer Kamine, geschart um die Punschstände eures Vertrauens oder unter bauschigen Decken und Polstern mit dem Buch oder Partner eurer Träume, möchte ich undankbarerweise unsere Zeit auf einer sommerlich heißen subtropischen Palmeninsel dazu nutzen, einmal gepflegt zu raunzen. Weil darauf haben die LeserInnen dieses Blogs doch gewartet, seien wir uns ehrlich, diese ewige Selbstbeweihräucherei der Backpacker stellt einen ja unter ungeahnten Erfolgsdruck.
“Und dann waren wir Wasserfall-Kite-Diving zur Entspannung nach dem dreitätigen Untertags-Höhlenhöllentrekking”, tönt es allerorten in Guest Houses und auf Facebook-Seiten von jugendlichen Reisenden mit Waschbrettbäuchen und Bikinifiguren wie aus der Sports Illustrated, oder “dort haben wir in den Bergen ein verstecktes Dorf gefunden, wo seit dreißig Jahren kein westlicher Tourist mehr war, und die Mönche dort haben uns in die jahrtausendealten Geheimnisse der Seelenwanderung eingeführt.”
Was soll man da denken, wenn man verschwitzt und mit rebellierendem Magen mit scheinbar eine halbe Tonne wiegendem Marschgepäck gerade den letzten Bus der Woche aus einem staubigen Vier-Häuser-Kaff verpasst hat, nachdem einen ein Taschendieb um die letzten Baht gebracht hat? Warum haben alle anderen immer so viel mehr Spaß?
So liegt es wieder einmal an mir, die Tradition des erbarmungslos beinharten Journalismus aufrecht zu erhalten und, wie eingangs erwähnt, klar und deutlich die beschwerlichen Facetten des Backpacking anhand aktueller Beispiele aufzuzeigen (Business-Reisende mögen die mangelnde Anwendbarkeit der folgenden Bemerkungen auf Vier-Sterne-Hotels verzeihen, ich bin mir sicher, auch sie haben mit diversen Widrigkeiten wie nicht richtig gekühlten Weinen oder zu kleinen Suiten zu kämpfen):
(1) Transportwesen
Von engen Bussitzen über schnarchende Mitfahrer, quengelnde Kinder und Übelkeit erregende Bootsfahrten reicht hier das Spektrum der Unannehmlichkeiten. Und wenn nach ein paar Stunden der süßliche Gestank der chemischen Toilette sich via Klimaanlage im ganzen Bus verbreitet und einem nach sechs Stunden auch das Kamasutra oder Pikram-Yoga keine Position mehr bietet, die nicht schmerzt und zu orthopädisch bisher unbekannten Verkrümmungserscheinungen führt, dann weiß man, dass das erst der Anfang war. Dass unsere Busfahrt von Bangkok nach Chumphon diesmal mit sieben Stunden eher kurz war, mag als Glücksfall gelten.
(2) Raststätten und Häfen
In diesem Blog habe ich Autobahnraststätten einmal als Metastasen der Zivilisation bezeichnet – und das sind sie, erfüllt von Neonlicht, Ölflecken, mumifizierten Sandwiches, die nur deshalb keimfrei sind, weil kein Parasit, der etwas auf sich hält, sich dort hineintrauen würde. Strafverschärfend kommt hinzu, wenn man sechs Stunden dort totschlagen muss, bis das Boot nach Koh Tao fährt. Nebenstehendes Foto zeigt mitnichten ein Flüchtlingslager nach dem Tsunami von 2004, sondern ein paar Backpacker, die sich die Wartezeit durch auf-dem-kalten-Boden-liegen-und-nicht-schlafen-können vertreiben, dieses absolute Highlight, das zum Gap-Year dazugehört wie die Geschlechtskrankheiten.
(3) Wetter
Ja klar, 35 Grad im Schatten sind nicht unsuper, solange man auch wirklich im Schatten ist. Ein Cocktail in der Hand, ein Palmenstrand und ein paar lustige junge Leute gelten in derlei Situationen als willkommene Accessoires. Weniger super sind 35 Grad im Schatten in der Sonne, mit dem Gepäck am Rücken und vier Kilometern Fußmarsch durch eine verstopfte Innenstadt, wo es alle anderen Verkehrsteilnehmer aufeinander abgesehen haben. Oder, wenn es nach der Ankunft auf der Tropeninsel als erstes mal gleich regnet und bewölkt ist. Aber Heinz und ich hoffen ab morgen auf sonniges Tauchwetter.
(4) Beschiss als Institution
Als westlicher Tourist hat man bekanntlich zuhause, dort wo die Straßen mit Gold gepflastert sind, einen Gelddrucker stehen, sodass es nicht nur legitim, sondern geradezu ein moralischer Imperativ für die Einheimischen ist, einen auszunehmen. Das fängt damit an, dass prinzipiell nie Wechselgeld zur Hand ist, dass der Taxifahrer sich weigert, das Taxometer einzuschalten und sich nicht scheut, einen fünffach überhöhten Preis zu verlangen, um einen dann garnicht zu dem Tempel zu bringen, zu dem man wollte (oder maximal zu einem versperrten Hintereingang) und verkündet “Is closed today. Maybe come back tommorrow. Maybe now go shopping, yes?” und zehn Minuten später steht man im Trödelladen seines Buders, einen “echt antiken” Buddha in Händen und wechselt seine Dollar in eine vor zwanzig Jahren aufgelassene, nun wertlose Währung. Aber wo soll da ein Unrechtsbewusstsein herkommen, wenn in vielen Staaten, so auch hier in Thailand, die Regierung derlei Praktiken dadurch legitimiert, dass sie hochoffiziell als Eintritt zu den Kulturdenkmälern von Ausländern einfach ein Vielfaches verlangt?
(5) Moskitos, Sandfliegen…
Schluss jetzt, wem mache ich etwas vor? Es geht mir, wieder einmal, großartig. Ich kann ja nicht für Heinz sprechen, der gerade schläft, während ich draussen unter einem Holzdach im Nieselregen in sein Netbook hacke, aber es könnte wirklich schlimmer kommen. Reisen ist gar nicht öd; und so wahnsinnig beschwerlich ist es auch nicht. Manchmal anstrengend, hin und wieder mühsam, aber immer auf eine Weise lebendig, die der Alltag zuhause nicht kennt.
Und was will man schließlich mehr?
Tags: Betrug, Boot fahren, Busfahren, Insel, raunzen, Tauchen, Wetter Posted in Thailand | Kommentare deaktiviert
Wie ich zum dritten Mal in meinem Leben nach Lima kam
16. August 2008 von Matthias
Aus diesem Zeitungsabschnitt (siehe Bild) lernen wir, dass annähernd jeder zehnte Russe, der im Internet ist, einen Blog hat – ob das Verhältnis im deutschsprachigen Raum ähnlich ist?
* * *
Geld sparen bekanntlich immer gut, besonders wenn die Galapagos-Inseln gerade einen Krater in die arg mitgenommene Reisekasse geschlagen haben. Aus diesem Grund verzichte ich darauf, von Ecuador nach Peru zu fliegen und entscheide mich, wie ja auch schon in ganz Mittelamerika, für den Bus, denn als echter Backpacker wäre es ja unzulässig, sich nur die Rosinen aus dem Kuchen zu klauben. Ab und an muss mensch neben den mitternächtlichen Saufgelagen in diversen Jugendherbergen auch den Mut haben, den weniger glorreichen Facetten des Reisealltags ins Auge zu sehen, in diesem Fall prognostizierten 38 Stunden Busfahren inklusive Grenze und Umsteigen.
Der Tag der Abreise lässt sich gut an, beim Foto-DVD-nach-Hause-Schicken auf dem Postamt kann ich einer Österreicherin mit der gewaltigen Summe von 85 Cent aus der Patsche helfen und beim anschließenden Frühstück entspinnt sich ein ziemlich interessantes Gespräch über Spiritualität, Lebenseinstellung, Schreiben, Reisen und Europa vs. Lateinamerika, das mir einigen Stoff zum Nachdenken für die kommenden Strapazen geben wird. So packe ich also meine sieben Sachen (je mehr ich aussortiere und da lasse, desto schwerer und unhandlicher wird mein Rucksack, verstehe das, wer will), laufe ein paar Stunden iPod-hörend durch Quito (Song zum Tag You Can’t Always Get What You Want von den Rolling Stones, auch wenn Postamt-und-Frühstücks-Erika da anderer Ansicht ist als Jagger und Richards), verabschiede mich von Romina und den anderen Leuten im El Cafecito und finde mich schließlich nach sechs Uhr abends beim Busbahnhof von Panamericana Ecke Reina Victória und Cristobal Colón ein.
Es bleibt nicht bei achtunddreißig Stunden.
Es werden achtundvierzig.
Wer so etwas nicht erlebt hat, kann sich das schwer vorstellen. 48 Stunden in einem klimatisierten Bus mit breiten, superbequemen Sitzen, die sich in eine nahezu bettartig horizontale Position bringen lassen, sind bereits eine Tortur. Die Hälfte ist schon anstrengend genug. Aber der erste Bus, der während der ersten Nacht von Quito nach Huanquillas an der Grenze kriecht, ist alles andere als bequem; für eine dreistündige Ausflugsfahrt würde er gerade noch reichen, aber als Ort zum Schlafen ist er einer rutschenden Geröllhalde in einer Gewitternacht nur dadurch überlegen, dass sich wenigstens einige Fenster schließen lassen und somit nicht alle Passagiere klatschnaß werden. Die ersten Trombose-Toten werden nach zehn Stunden achtlos aus dem fahrenden Bus geworfen.
Guter Dinge setzen sie mich an der ecuadorianischen Grenzkontrolle, die sinnvollerweise außerhalb von Huanquillas ein paar Kilometer vor der eigentlichen Grenze liegt, auf die Straße, damit ich mir meinen Ausreisestempel holen kann, teilen mir mit, dass ich mein Gepäck dann schon irgendwie im Büro der Busfirma finden werde und fahren weg. Weil nachdem wir ungefähr zwei Stunden nicht eben fahrplanmäßig damit vertrödelt haben, irgendwelche alten Mutterln über von Maultieren eifersüchtig behütete Feldwege kilometerweit in die Pampa bis vor die Haustür zu fahren, wäre es wirklich zu viel verlangt, fünf Minuten auf den einzigen Ausländer zu warten, bis der sich seinen Stempel abholt
Zwei freundliche Typen mit Moped, die neben dem architektonisch bewundernswert häßlichen Gebäude der Einwanderungsbehörde herumlungern, händigen mir die notwendigen Formulare zum Ausfüllen aus, doch als sie nach meinem Pass greifen, um mir die Arbeit abzunehmen (wer nicht richtig reden kann, wird auch nicht schreiben können, vermuten sie), muss ich sie in ihre Schranken weisen – mein Pass ist mein Pass.
Anschließend gehen wir Geld wechseln, wobei sie mir vormachen wollen, dass der Kurs bei zwei peruanischen Soles für einen Dollar liegt (anstatt bei zwei komma acht). Freundlich weise ich sie auf ihr Versehen hin, woraufhin wir alle ein bisschen lachen und uns wundern, wie schnell der Dollar nicht im Wert gefallen ist, na ja, man kennt das. Zu dritt auf einem Moped schlängeln wir uns durch LKWs und hupende Autos die letzten paar Kilometer ins Grenzdorf, wo sich herausstellt, dass diese scheinbar freundliche Hilfeleistung nun von meiner Seite doch bitte durch die Kleinigkeit von fünf Dollar zu entlohnen wäre. Und wie durch ein Wunder sollen das mit einem Mal zwanzig Soles sein. Meine Verblüffung über diesen wirklich erschreckenden Wertverlust der amerikanischen Währung führt zu einiger Verstimmung und einer langen Disukussion über Benzinpreise und Moped-Reparaturkosten, der ich mich schließlich nur durch vorgetäuschtes Unverständnis entziehen kann.
Mein Gepäck ist tatsächlich beim Busbahnhof gelandet, wo ich es mit Freudentränen in den übermächtigten Augen in Empfang nehmen darf. Eine atemberaubend hübsche, junge Peruanerin mit quengelndem Kleinkind wird von der Dame hinter dem Panamericana-Schalter damit beauftragt, mich nach Tumbes auf der peruanischen Seite zu bringen, weshalb wir uns in ein Sammeltaxi, vulgo colectivo, zwängen – zu sechst. Mit dem Fahrer sind wir sieben, und meine Kinderliebe wird durch den Kleinen, der mir seine schmutzigen Sandalen während der halbstümndigen Fahrt grob geschätzt 419 Mal ins Gesicht steckt auf eine harte Probe gestellt. Den Beifahrersitz teilen sich zwei übergewichtige Männer, die jeweils allein Platzprobleme gehabt hätten – zu zweit ergibt das ein völlig neues Körpergefühl, das sie widerstandslos ertragen. Der graubärtige Uniformierte unbestimmbaren Alters, der sich die Rückbank mit uns teilt, erträgt die Eskapaden des Kindes mit rollenden Augen.
In Tumbes verbringe ich die nächsten fünf Stunden wartenderweise auf dem wenig charmanten Busbahnhof, um dann gegen Abend endlich weiterzukommen – das Ganze wäre nicht so schlimm, wenn es nicht so hoffnungslos ineffizient wäre. Um acht Uhr früh an diesem Morgen waren wir laut Angabe meines GPS 1009 Kilometer von Lima entfernt, um neunzehn Uhr sind es 905 Kilometer, am nächsten Tag um acht Uhr früh dann 389, als die Busfahrer beschließen zu streiken und den Bus in irgendeinem Provinznest stehenlassen.
Die Passagiere meutern, schreien und brüllen überhaupt wenig würdevoll herum, während ich müde und hungrig in meinem Schafskrimi lese, den ich auf dem Galapagos-Kreuzschiff gefunden habe. Mindestens drei Stunden werde es dauern, bis die Busgesellschaft Ersatz aus Trujillo organisiert habe, wird uns mitgeteilt. Ha, denke ich mir da, da lasse ich doch glatt nocheinmal umgerechnet fünf Dollar springen und fahre mit einem anderen Bus die letzten sechs Stunden bis Lima.
“Ja, ja, wir fahren in fünf Minuten”, versichert mir der Mann am Schalter der Konkurrenz und gutgläubig händige ich ihm mein Geld aus. Zweieinhalb Stunden später fahren wir dann wirklich los und brauchen für die letzten sechs Stunden achteinhalb.
Der absolute Höhepunkt der Reise ist allerdings der Ort, wo wir ankommen, denn Lima ist nicht gleich Lima. Anstatt eines internationalen Terminals mit Geldautomaten, kalten Getränken, Taschendieben, Taxis und Touristen fahren wir auf einen unasphaltierten Parkplatz, wo rostige alte Busse ihren geheimnissvollen nächtlichen Beschäftigungen nachgehen, inmitten von halbverfallenen Lehm- und Wellblechbaracken. Es ist kein Ausdruck meiner Übertreibungsgabe, wenn ich anmerke, dass tatsächlich eine Mülltonne brennt. Männer in Unterhemden und mit schweren Säcken auf den Schultern trotten mißmutig herum, Jugendliche hängen in widerwärtigen Trauben in Schatten und Nischen und tun so, als ob sie das alles nicht wirlich etwas anginge. Ich erwarte halb, einen Rapstar anzutreffen und einen Regisseur, der Cut brüllt.
Mit meinem Rucksack könnte ich genausogut ein “Bitte rauben Sie mich aus!”-Schild herumtragen (wie das “I hate niggers”-Schild, das Bruce Willis in Die Hard 3 in Harlem um die Brust hängen hat, nur dass das in Wirklichkeit leer war und die Schrift ein filmischer Spezialeffekt, um den armen harten Mann nicht unnötig in Gefahr zu bringen, während mein Rucksack leider nur zu echt ist).
Anyway, ich tue, was Backpacker in Lateinamerika nur in Ausnahmefällen tun – in Ermangelung eines erkennbaren Taxis wende ich mich an einen Polizisten, der aus einem der Busse herausklettert (Polizei sonst immer eher Ursache denn Lösung von Backpackerproblemen) und der gute Mann bringt mich ganz ohne Bakschisch-Forderung ein paar Straßen weiter, bis wir, mitten im nächtlichen Slum, ein altes, röchelndes Taxi gefunden haben. Der Polizist fragt mich, wo ich hinfahre, notiert sich den Namen des Fahrers und die Nummer des Kennzeichens und solcherart in Sicherheit gewogen, werde ich zu meinem gewünschten Hostal gebracht.
Dass dort nichts mehr frei ist und die anschließende, frustrierende Zimmersuch-Odysee sind allerdings Teile einer anderen Geschichte, die hier gnädigerweise nicht mehr erzählt werden wird.
* * *
Und falls es noch jemanden interessiert: die Einreise in die USA war visumfrei und völlig unproblematisch.
* * *

Hier, auf diesem Steg in Miraflores (Lima) war ich mit Eva im Februar 2001 während meines ersten Peru-Aufenthalts Abschiedsessen. Nur dass es damals sonnig war.
Tags: Busfahren, Reiserealität Posted in Ecuador, Peru | 2 Kommentare »
|

|
|