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Was auch mal gesagt werden muss
19. Dezember 2009 von Matthias

Reden wir Klartext.

Chinatown in Bangkok

Bekanntlich ist ja nicht alles Gold, was glänzt, und auch beim Reisen ist nicht alles eitel Sonnenschein, Friede, Freude und Eierkuchen. Und damit ihr euch im winterlichen Österreich auch einmal gut fühlen könnt vor den Feuern eurer Kamine, geschart um die Punschstände eures Vertrauens oder unter bauschigen Decken und Polstern mit dem Buch oder Partner eurer Träume, möchte ich undankbarerweise unsere Zeit auf einer sommerlich heißen subtropischen Palmeninsel dazu nutzen, einmal gepflegt zu raunzen. Weil darauf haben die LeserInnen dieses Blogs doch gewartet, seien wir uns ehrlich, diese ewige Selbstbeweihräucherei der Backpacker stellt einen ja unter ungeahnten Erfolgsdruck.

“Und dann waren wir Wasserfall-Kite-Diving zur Entspannung nach dem dreitätigen Untertags-Höhlenhöllentrekking”, tönt es allerorten in Guest Houses und auf Facebook-Seiten von jugendlichen Reisenden mit Waschbrettbäuchen und Bikinifiguren wie aus der Sports Illustrated, oder “dort haben wir in den Bergen ein verstecktes Dorf gefunden, wo seit dreißig Jahren kein westlicher Tourist mehr war, und die Mönche dort haben uns in die jahrtausendealten Geheimnisse der Seelenwanderung eingeführt.”

Was soll man da denken, wenn man verschwitzt und mit rebellierendem Magen mit scheinbar eine halbe Tonne wiegendem Marschgepäck gerade den letzten Bus der Woche aus einem staubigen Vier-Häuser-Kaff verpasst hat, nachdem einen ein Taschendieb um die letzten Baht gebracht hat? Warum haben alle anderen immer so viel mehr Spaß?

So liegt es wieder einmal an mir, die Tradition des erbarmungslos beinharten Journalismus aufrecht zu erhalten und, wie eingangs erwähnt, klar und deutlich die beschwerlichen Facetten des Backpacking anhand aktueller Beispiele aufzuzeigen (Business-Reisende mögen die mangelnde Anwendbarkeit der folgenden Bemerkungen auf Vier-Sterne-Hotels verzeihen, ich bin mir sicher, auch sie haben mit diversen Widrigkeiten wie nicht richtig gekühlten Weinen oder zu kleinen Suiten zu kämpfen):

(1) Transportwesen
Von engen Bussitzen über schnarchende Mitfahrer, quengelnde Kinder und Übelkeit erregende Bootsfahrten reicht hier das Spektrum der Unannehmlichkeiten. Und wenn nach ein paar Stunden der süßliche Gestank der chemischen Toilette sich via Klimaanlage im ganzen Bus verbreitet und einem nach sechs Stunden auch das Kamasutra oder Pikram-Yoga keine Position mehr bietet, die nicht schmerzt und zu orthopädisch bisher unbekannten Verkrümmungserscheinungen führt, dann weiß man, dass das erst der Anfang war. Dass unsere Busfahrt von Bangkok nach Chumphon diesmal mit sieben Stunden eher kurz war, mag als Glücksfall gelten.

(2) Raststätten und Häfen
Ruhende BackpackerIn diesem Blog habe ich Autobahnraststätten einmal als Metastasen der Zivilisation bezeichnet – und das sind sie, erfüllt von Neonlicht, Ölflecken, mumifizierten Sandwiches, die nur deshalb keimfrei sind, weil kein Parasit, der etwas auf sich hält, sich dort hineintrauen würde. Strafverschärfend kommt hinzu, wenn man sechs Stunden dort totschlagen muss, bis das Boot nach Koh Tao fährt. Nebenstehendes Foto zeigt mitnichten ein Flüchtlingslager nach dem Tsunami von 2004, sondern ein paar Backpacker, die sich die Wartezeit durch auf-dem-kalten-Boden-liegen-und-nicht-schlafen-können vertreiben, dieses absolute Highlight, das zum Gap-Year dazugehört wie die Geschlechtskrankheiten.

(3) Wetter
Ja klar, 35 Grad im Schatten sind nicht unsuper, solange man auch wirklich im Schatten ist. Ein Cocktail in der Hand, ein Palmenstrand und ein paar lustige junge Leute gelten in derlei Situationen als willkommene Accessoires. Weniger super sind 35 Grad im Schatten in der Sonne, mit dem Gepäck am Rücken und vier Kilometern Fußmarsch durch eine verstopfte Innenstadt, wo es alle anderen Verkehrsteilnehmer aufeinander abgesehen haben. Oder, wenn es nach der Ankunft auf der Tropeninsel als erstes mal gleich regnet und bewölkt ist. Aber Heinz und ich hoffen ab morgen auf sonniges Tauchwetter.

(4) Beschiss als Institution
Als westlicher Tourist hat man bekanntlich zuhause, dort wo die Straßen mit Gold gepflastert sind, einen Gelddrucker stehen, sodass es nicht nur legitim, sondern geradezu ein moralischer Imperativ für die Einheimischen ist, einen auszunehmen. Das fängt damit an, dass prinzipiell nie Wechselgeld zur Hand ist, dass der Taxifahrer sich weigert, das Taxometer einzuschalten und sich nicht scheut, einen fünffach überhöhten Preis zu verlangen, um einen dann garnicht zu dem Tempel zu bringen, zu dem man wollte (oder maximal zu einem versperrten Hintereingang) und verkündet “Is closed today. Maybe come back tommorrow. Maybe now go shopping, yes?” und zehn Minuten später steht man im Trödelladen seines Buders, einen “echt antiken” Buddha in Händen und wechselt seine Dollar in eine vor zwanzig Jahren aufgelassene, nun wertlose Währung. Aber wo soll da ein Unrechtsbewusstsein herkommen, wenn in vielen Staaten, so auch hier in Thailand, die Regierung derlei Praktiken dadurch legitimiert, dass sie hochoffiziell als Eintritt zu den Kulturdenkmälern von Ausländern einfach ein Vielfaches verlangt?

(5) Moskitos, Sandfliegen…
Schluss jetzt, wem mache ich etwas vor? Es geht mir, wieder einmal, großartig. Ich kann ja nicht für Heinz sprechen, der gerade schläft, während ich draussen unter einem Holzdach im Nieselregen in sein Netbook hacke, aber es könnte wirklich schlimmer kommen. Reisen ist gar nicht öd; und so wahnsinnig beschwerlich ist es auch nicht. Manchmal anstrengend, hin und wieder mühsam, aber immer auf eine Weise lebendig, die der Alltag zuhause nicht kennt.

Eine neue TauchinselUnd was will man schließlich mehr?

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