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So fucking fragile
von Matthias

Das hier – in Tegucigalpa, im tristen Stadtteil Comagüela – muss das mit Abstand traurigste und heruntergekommenste Internetcafe sein, in dem ich je war. Drei antike Rechenknechte, von denen einer ein rein ornamentales Dasein fristet und nicht einmal eingeschaltet ist, zwei Ventilatoren und ein abgehalfteter Typ hinter dem Tresen, der honduranische Talkshows schaut.

Als ich mit meiner Infektion zu Dr. John komme (wir befinden uns für die Dauer des restlichen Beitrags wieder auf Utila, jener Karibikinsel, die in so starkem Kontrast zu der honduranischen Hauptstadt steht wie… nun, wie das, was mensch sich gemeinhin unter einem Arzt vorstellt zu Dr. John), muss ich erst einmal warten. Aber ich bin vorgewarnt, Dr. John zu sehen sei, so informiert man mich, eine Tagesbeschäftigung. Offziell ist die Utila Community Clinic zwischen zehn und zwölf Uhr für Patienten geöffnet, aber meist taucht Dr. John erst gegen Mittag auf und widmet sich dann den Rest des Nachmittages ausführlich seinen Patienten.

Dr. John, eigentlich Dr. John Patrick McVay, ist aus Ohio (USA) und lebt seit sechs oder sieben Jahren auf Utila, wo er in seiner Kapazität als Unikum, Sonderling und hervorragender Arzt über das Schicksal seiner Schutzbefohlenen wacht.

Er hat wirres Haar, das sogar meine Frisur wie aus einer Friseurwerbung wirken lässt, einen wuchernden Bart und läuft mit nacktem Oberkörper oder in Hawaiihemden herum, kurz er wirkt wie eine Mischung aus Obdachlosem und gestrandetem Hippie nach einer langen, interessanten Drogenkarriere. Dass der Mann Arzt ist (und will ich den Berichten der anderen Glauben schenken, ein verdammt guter noch dazu, mit einem eigenen Fanclub auf Facebook), erscheint geradezu absurd.

“Aren’t you scared”, fragt er mich. “I would be scared if my doctor looked like a bum.” Er grinst.

“On a scale from one to ten, ten being the most serious, this is a nine”, konstatiert er etwas später, meine Infektion betrachtend. “You’re sure you’re not in pain? You should be climbing the walls, screaming for painkillers about now.”

“It’s annoying, but it’s not painful”, sage ich. Mein Freund Peter, der meine Weltreise sorgenvoll verfolgt und mich bereits vor Jahren als hoffnungslosen Hypochonder enttarnt hat, wenn es ums Reisen geht, kann bei Bedarf bestätigen, dass ich niemand bin, der trotz peinigender Schmerzen die Zähne zusammenbeißt und so tut, als ob nichts sei; nein, diese harte Männer-Romantik überlasse ich gern leidensfähigeren Zeitgenossen. Wenn mir etwas nicht wehtut, dann tut es nicht weh.

In den folgenden Tagen, während Dr. John mit zunächst geringem Erfolg versucht, mich mit Antibiotika wiederherzustellen, haben wir Gelegenheit, einander etwas besser kennen zu lernen. Das Eis bricht, als ich mit meinem Neil Young T-Shirt bei ihm auftauche (“What do you have there?” fragt er und ich starre verunsichert an mir herunter, sicher, dass er irgendein weiteres Symptom gefunden hat. “No, there, your T-Shirt.”) Er habe Neil Young mindestens hundert Mal live gesehen, eigentlich sei er ja gar kein Fan, aber seine Exfreundin sei einer gewesen, und was tue man(n) nicht alles, ich wisse das sicher. Trotzdem überlege er, mein T-Shirt zu erwerben. Nicht verkäuflich, muss ich ihm bescheiden, ein Memento an einen gelungenen Abend.

Er persönlich sei ja seit seiner Collegezeit ein Lou Reed-Fan. Der ehemalige Velvet Underground Frontman sei auch der Grund, warum er heute noch immer Sonnebrillen trage, auch in der Nacht, wenn er durch Utilas Bars streife.

“If it’s that serious…”, sage ich und deute auf meine Infektion. Vielleicht sollte ich ein Spital aufsuchen, denke ich.

“You don’t see me running to get you on a boat, do you? As long as I’m noyt nervous, there’s no reason for you to freak out. I can deal with this.”

Und das kann er, auch wenn es wesentlich länger dauert, als geplant (ich bleibe fast eine ganze zusätzliche Woche auf Utila). Im Zuge meiner Behandlung lädt er mich auch zu sich nach Hause ein, ein geräumiges Holzhaus auf Pfählen direkt neben dem Friedhof. Die Veranda ist mit Flaggen und Tüchern verhängt – “I¡m a big fan of privacy” – und wir sitzen auf einer eingesunkenen Couch und trinken… Wasser. Der Couchtisch ist sein Grabstein, den er bereits anfertigen hat lassen, nur das Todesdatum fehlt noch.

“I’m fifty-fuckin’-four years old, my life’s over anyway. Humans were never meant to live that long. Raise your kids and then die, that’s the deal. My life is basically behind me, there’s no way it’s gonna be like it was.”

Er erzählt von seinem Leben in Ohio, von seiner Collegezeit und seiner Liebe zur (Rock)-Musik, die sich erst hier auf Utila zu einer Liebe zur elektronischen Musik gewandelt hat. “I fell in with an European crowd here, I met this girl. She was into rave and all that stuff. You know how it is, man meets girl, man follows girl.”

Von da ist es nur ein kleiner Sprung zu Extasy, das direkt von Toronto und Rotterdam nach Utila kommt (er weiß, wer Tabletten en gros einkauft und wer hier auf der Insel Tabletten herstellt) und anderen Drogen (“Three quaters of all the divers here are on drugs”) und dann berichtet er von Patienten, wer anstrengend sei (die aus den USA und aus Israel), welche ihm am liebsten seien (Australier – “just rough girls and guys. They don’t scare easily”) und welche er verloren habe. Ein Patient sei in einem öffentlichen Spital in La Ceiba gestorben, weil das für die behandelnden Ärzte einfacher sei als zwei Stunden Arbeit.

“I brought him in and asked them for oxygen. ‘We don’t have any’, they said, but, I tell you, the whole fucking emergency room was lined with oxygen bottles. I asked them for a suction machine, because the guy was bleeding, but they couldn’t be bothered. That’s when you realise that life is so fucking fragile. And when it’s over, it’s over. Let me give you a tip: always, always go to a private doctor here. And live your life while you still can.”

Das Leben auf der Insel, so idyllisch es erscheinen möge,  empfinde er zeitweise als anstrengend. “If you take the small town mentality and put it on an island, man, then things really start to get interesting. If your grandfather wasn’t born on this island, then you’ll never really belong here. They’ll smile at you and take your money, but that’s it.” In seiner Funktion als Arzt und Leichenbestatter genieße er aber zumindest den Respekt derEinheimischen.

“Being the undertaker is strange, though. You talk to them in the street one day and tie up their penises the next.”

Tie up their penises!? Alles muss ich nicht wissen.

Manches von dem, was Dr. John zum Thema zu erzählen hat, lässt Six Feet Under wie eine Gutenachtgeschichte für Kinder wirken. Kein Wunder, dass der Mann eine Legende auf Utila ist, in Blogs und Webseiten gewürdigt. Und hiermit auch hier – siehe rechts unter “Begegnungen” für einen Link zu mehr Infos und Bildern von Dr. John.

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 8. Juni 2008 um 03:09 Uhr veröffentlicht und wurde unter Honduras abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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