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Move over, Shakespeare
von Matthias

Große Enttäuschung an der Grenze zu Honduras: wir bekommen keinen neuen Stempel in unseren Pass, die neunzig Tage Aufenthaltsgenehmigung für Guatemala gelten auch für Honduras und El Salvador. Damit fällt mit einem Schlag der Hauptgrund für einen zukünftigen Besuch dieses kleinsten Landes Mittelamerikas (El Salvador eben) weg. Adie, kurz für Adrien, den Barbara und ich zusammen mit seiner Begleiterin Claire bereits in El Retiro und danach in Flores getroffen haben, hat seine neunzig Tage sowieso bereits übreschritten und dürfte daher nur nach einer Nachzahlung von hundertfünfzig Dollar einreisen.

Da er allerdings über nur unzureichende Barmittel verfügt, reicht zu unserer Verwunderung seine Versicherung, in fünf Tagen wiederzukommen und das Geld nachzubringen – da es sich ohnehin nicht um eine offzielle Strafe handelt, sondern eindeutig um einen Unter-der-Hand-Handel, nehmen wir das alle nicht sonderlich ernst. Im Endeffekt muss er nicht einmal die drei Dollar Einreisegebühr bezahlen, die wir anderen berappen müssen, die wir noch gültige Visa unser Eigen nennen.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf dem Weg von Lanquin nach Flores zu Barbara gesagt habe, dass ich Adie nicht unbedingt symphatisch finde: er ist laut, direkt, findet sich unheimlich lustig, glaubt, dass alle im Bus unbedingt seine iPod-Musik hören wollen und macht anzügliche Witze zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten.

Jetzt, ein paar Tage später (Barbara ist nicht mit nach Honduras gekommen, sie verabschiedet sich mit Vorwürfen von mir und zieht es vor, sich noch ein wenig länger in Guatemala zu verlustieren), muss ich meine Meinung revidieren. Adie ist unheimlich lustig, aber auch großzügig, voller verrückter Einfälle und ein interessanter Gesprächspartner. Anstatt eines Tagebuchs schreibt er Songtexte und Gedichte – und gar nicht einmal von der peinlichen Sorte (er verdient seinen Lebensunterhalt als Produzent elektronischer Musik).

Er und Claire sind erst seit etwa zwei Wochen gemeinsam unterwegs; sie am Ende und er in der Mitte seiner Weltreise.

Im Bus von San Pedro Sula nach La Ceiba, inspiriert von einem fanatioschen Prediger, der unter frenetischem, irgendwie für mich jedoch befremdlichen Beifall der einheimischen Fahrgäste den Weg Jesu als den einzig richtigen anpreist, schreiben wir im Schein einer unruhigen Taschenlampe gemeinsam – jeder eine Zeile – ein Gedicht, das zwar so manchen wortgewandten Lyriker vor Neid erblassen ließe, dessen zahlreiche Insideranspielungen es aber nicht zur Veröffentlichung in diesem kleinen Blog geeignet erscheinen lassen. Der Anfang

Going to Honduras on a bus
Where an annoying preacher causes a fuss
Going to the islands just to chill,
Looking for excitement and maybe a thrill,
Gonna head to the beach to get a good tan,
Eat local food and drink what we can

mag dem poesieverfallenen Publikum als kleines Appetithäppchen genügen.

* * *

Sonnenuntergang auf UtilaUtila, eine der Bay Islands vor der Küste von Honduras, ist eine idyllische Karibikinsel, die vom Tourismus ziemlich überrumpelt worden ist. Und Tourismus bedeutet in diesem Fall Tauchtourismus; auf Utila kann mensch in der treffenden Formulierung von Chris aus Wien nicht viel mehr machen als Tauchen und Saufen.

“You know that it’s getting hot when the locals start to complain”, erklärt uns Tracy aus Australien, von der ich in Kürze in meinem nächsten Beitrag mehr erzählen werde. Kaum lässt die Hitze etwas nach, kommen die Sandfliegen zum Vorschein und foltern alle Anwesenden, außer mich. Mich mögen nicht einmal die Sandfliegen.

* * *

Auf der Suche nach unserem Zimmerschlüssel fördere ich neben dem obligatorischen iPod auch ein Taschenmesser, meine Digitalkamera, einen Reserveakku, eine Reserve-SD-Card und ein Bündel unappetitlicher Geldscheine aus den diversen Taschen meiner Trekking-Hose zu Tage (warum das Geld hier und in Guatemala mit der Zeit eine geradezu widerwärtige Konsistenz gewinnt, ist ein ungelöstes Mysterium).

“I have more things in my trousers than other people in their backpacks”, murmle ich.

“Yeah, man. I’ve got the exact same problem”, sagt Adie. Claire bricht in Gelächter aus, und ich stehe wieder einmal auf der Leitung.

* * *

Beach Partz vom UDC.

Beim Ausgehen in der Nacht davor (Treetanic! Treetanic! Solltet ihr jemals nach Utila kommen, that’s the place to be. Erinnert sich noch wer an die Faszination, die Baumhäuser auf die meisten von uns ausgeübt haben, als wir Kinder waren, eine Faszination, die mit der Pubertät vom Reiz des Anbandelns und Komasaufens ersetzt wurde? Treetanic kombiniert diese ultimativen Kicks; es ist eine beliebte Bar hoch in den Baumkronen, wo halbnackte Jugendliche – und solche, die es noch sein wollen – in bester Aprés Dive-Manier Cocktails und Biere hinunterstürzen); beim Ausgehen also haben wir leicht angeheitert beschlossen, zur Beachparty in Togas zu erscheinen, die wir aus den Leintüchern unserer Schlafsaalbetten anfertigen.

Wir fallen auf jeden Fall auf damit. Ryan aus Kanada, der wie wir auch im Mango Inn logiert und dem die halbe Insel zu Füßen liegt (die Hälfte mit dem Östrogen) bringt mir Hula-Hooping bei. “That’s so gay”, ist der negativste Kommentar des ignoranten Pöbels, allgemein überwiegt die Begeisterung.

Claire, Ryan und Anna

v.l.n.r: Claire aus London, Ryan aus Kanada und Anna aus Thüringen
auf einem Katamaran

Bin das nur ich, oder scheinen auf dieser Reise ein Haufen Annes, Anas und Annas meinen Weg zu kreuzen? Die aus diesem Blog sind ja nur eine Auswahl.

* * *

Drogen sind hier ja, wie fast überall sehr leicht zu bekommen, Alkohol wird ohne Alterskontrolle ausgeschenkt. Wie furchtbar die Verhältnisse allerdings tatsächlich sind, offenbart erst dieses schonungslose Foto, das ein alkoholisiertes Kind am Steuer eines Mopeds zeigt:

Lasst euch dieses Bild eine Warnung sein

* * *

Als Adie und Claire nach El Salvador weiterreisen, verfassen wir drei die folgenden Verse bei einem gemeinsamen Abendessen in geselliger Runde, während die anderen Lyrikverweigerer Bewunderung heucheln (darunter Sineads Freundin Sian, die ich im vorherigen Beitrag als Shawn bezeichnet habe, und die unvermutet im Mango Inn aufgetaucht ist):

Sitting in Utila
    With friends one last night
Having Indian curry

    And beers by candlelight,
Sandflies are the only things
    That make us want to leave;
Having parties and fun
    Dressed in a way you wouldn’t believe
Admiring Ryan baring his arse
    On a boat to the setting sun,
Then heading back to the beach
    For more toga and hula fun.
Hanging by the pool
    Or chilling on the beach,
Watching TV on a bed,
    Air-con instead of heat,

Meeting Antonia, Phillip and Sian,
    Friends some of us already know,

On this, our last evening
    In Utila, before we finally go.

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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 29. Mai 2008 um 20:16 Uhr veröffentlicht und wurde unter Honduras abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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