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Rapidman
von Matthias

“You know that they’re calling you Rapidman now?” fragt Mel aus England. Mel sieht ein wenig so aus wie Julia (die, die gerade geheiratet hat) und hält mich am Arm fest, als ich versuche, mir mit meinem Bier einen Weg durch das überfüllte Restaurant von El Retiro zu meinem Platz zu bahnen.

El Retiro, GuatemalaEs ist italienisches Buffet heute, alles vegetarisch bis auf eine Pizzavariante mit Thunfisch: Pizzen, Lasagne, Gnocchi, Spaghetti, Knoblauchbrot, Tomaten, Zwiebel, diverse Salate und Saucen, all you can eat. Anne aus Berlin hat nicht zu viel versprochen; ich habe lange nicht mehr so gut gegessen; und das nicht erst, seit ich auf Reisen bin. Viereinhalb Euro erscheint uns ein angemessener Preis für so viel Dekadenz.

“So tell me honestly”, sage ich, “is this the story of the guy who was stupid enough to get caught in the rapids, or is it more like a hero thing?”

“It’s a hero thing”, sagt sie, “about the guy who survived the rapids.”

* * *

Vom Fluss her trägt eine seltene Brise den Geruch nach Sumpf und verrottenden Pflanzen herüber, aber abgesehen davon, kommt El Retiro einem Paradies ziemlich nahe, wenn  wir weiße Sandstrände und Palmen nicht zwingend als notwendige Ingredienzien erachten. Wir schlafen in Hängematten unter einem breiten Dach aus Holz und Stroh, aber ohne Wände, also quasi im Freien, am Ende eines schmalen Weges. Das fruchtbare Flussufer besteht aus einem Hang, auf dem die vereinzelten Holzhütten und die eindrucksvolle Konstruktion des Restaurants, das auch als Bar fungiert, nicht wie Fremdkörper, sondern wie ein Teil der Landschaft wirken.

Heiß ist es allerdings tagsüber, die Art von Hitze, die einen beim kleinsten Spaziergang in Schweiß badet, die sogar Nichtstun als unzumutbare Anstrengung erscheinen lässt, und doch ist es in Flores und Tikal gerüchteweise noch einmal um gut zehn Grad heißer. Und feuchter, aber das wird uns selbstverständlich nicht abhalten.

Ich humple und schlurfe wie ein Achtzigjähriger durch das Gelände, die Stufen erklimme ich mit einer Geschwindigkeit, die selbst das genaueste Meßinstrumentaruium hartgesottener Experimentalphysiker nur unter großen Mühen von absolutem Stillstand unterscheiden könnte, aber ich bin zumindest nicht mehr high von Schmerzmitteln. “You were strange last night”, hat mir Chantal aus Holland bei ihrer Abfahrt gesagt, “please don’t take any more of those painkillers.”

Super waren sie aber schon.

* * *

Semuc Champey, paradiesisch - aber nicht ohne“I’m not sure if I should write about this in my blog, you know”, vertraue ich Sinead aus Irland an (die ich nach Oaxaca und Tulum hier zum dritten Mal treffe, wir Gringas und Gringos machen echt alle das Gleiche), “it’s kind of embarrassing. I seem to be the only tourist that this has ever happened to, and it will only worry my parents.”

“You have to write about this”, sagt sie, “what else do you keep this blog for? And it’s actually a cool story.”

* * *

El Retiro liegt 9 Kilometer vom Naturwunder Semuc Champey entfernt, wo wir für hundertfünfzig Quetzales eine wirklich witzige Tour machen (ich nehme alles zurück, was ich jemals über organisierte Touren gesagt habe). Sinead, ihre Freundin mit dem orthographisch unmöglichen Namen, der wie Shawn klingt, aber irgendwie mit einem i geschrieben wird, ein Israeli, ein Holländer, ein mexikanisches Pärchen und ich (Barbara hält das ganze für Teenager-Unfug und erforscht die natürlichen Becken am Fluss zusammen mit einer Schweizerin auf eigene Faust) springen von einer hohen Schaukel ins Wasser, schwimmen mit einer Kerze in der Hand eine Stunde durch eine Höhle, bis wir nur noch einen Stummel Wachs in den klammen Fingern halten, springen im Dunkeln in einen nachtschwarzen unterirdischen See, dorthim, wo unser Führer mit seiner Taschenlampe deutet, weil daneben Felsen unter der Wasseroberfläche auf Touristenfleisch lauern, steigen zu einem Aussichtspunkt weit über dem Fluss hinauf, baden in den türkisgrünen Becken, klettern einen Wasserfall an einer Strickleiter hinunter und springen schließlich zwölf Meter von einer Klippe ins Wasser.

Das heißt, die meisten von uns riskieren einen Blick und verzichten dankend. Zwölf Meter in ein ringsum von Felsen gesäumtes Becken sind wirklich, wirklich hoch. Von oben zumindest.

“Ist es gefährlich?” frage ich unseren Führer, der, wenn’s hoch hergeht, halb so alt ist wie ich, auf Spanisch.

“Nein”, antwortet er, “nicht, wenn du nicht auf die Felsen springst.”

“Springst du auch?”

“Nein”, sagt er, “einmal und nie wieder.”

 Also springe ich.

* * *

Semuc Champey 2Euphorisiert und adrenalinberauscht von meinem eigenen Mut und der Erfahrung, wie einfach es letztlich war, den inneren Schweinehund zu überwinden, schwimme ich ins offene Wasser in einem weiten Bogen zum Ufer hin. Was sich angesichts der Stromschnellen, die unmittelbar an das ruhige Becken anschließen, nur begrenzt als umsichtige und kluge Entscheidung bezeichnen lässt. Ein direkteres Ansteuern der Felsen wäre ratsamer gewesen, wie ich erkennen muss, als meine Fingerspitzen wie in einem schlechten Film vergeblich versuchen, an den glitschigen Steinen Halt zu finden und mich die Strömung in die Tiefe zieht.

Ich purzelbaume also die Stromschnellen hinunter und jeder Versuch, irgendeine Art von Einfluss auf Richtung und Geschwindigkeit zu nehmen, erscheint sofort und endgültig lächerlich. Alles, was ich tun kann, ist nach Luft zu schnappen, wenn ich einmal kurz an die Oberfläche komme und zu versuchen, mit meinen Armen meinen Kopf davor zu schützen, gegen die Felsen geschlagen zu werden. Wenn da ein weiterer Wasserfall kommt, dann war’s das, finde ich die Zeit, zu überlegen, dann kassiert mein Bruder meine Lebensversicherung. Unverständlicherweise vermag selbst dieser Gedanke nicht, mir Trost zu spenden.

Wieder einmal habe ich Glück, das Schicksal spült mich in ein ruhiges Becken, von wo aus ich blutend über steile Felsen die Uferböschung hinauf in Sicherheit klettern kann. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Annahme, ich sei eigentlich nicht wirklich geeignet für die Art von Reise, die ich da unternehme, nicht von der Hand zu weisen ist.

Aber wie soll ich erklären, dass ich eigentlich wirklich guter Dinge bin? Ich habe vor ein paar Jahren beschlossen, nicht zu sterben, und obwohl mir rational klar ist, dass das Blödsinn ist, ist das psychologisch ziemlich erfolgreich.

Ich weiß einfach, dass mir nichts passieren wird. Und das ist, glaube ich, nicht einmal die Arroganz der Jugend, mit der die meisten meiner Rucksackkollegen durch die Lande ziehen.

* * *

Wir bleiben also ein wenig länger, auch wenn Barbara sich etwas langweilt, bis ich mir eine mehrstündige Busfahrt wieder vorstellen kann, ohne mich mit Schmerztabletten vollzupumpen. Mit anderen Worten: bis morgen.

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Der Beitrag wurde am Samstag, den 17. Mai 2008 um 23:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter Guatemala abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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