„Trust me“, sagt der Inder zu mir, „vertrau mir.“ Ich liege auf einem durchgelegenen Stockbett im Dunkeln, nur aus dem winzigen Vorraum fällt fahles Neonlicht in das mit Rucksäcken und Koffern vollgestellte Sechsbettzimmer. Bei jeder Bewegung, die über das vorsichtige Atmen eines unschuldig schlafenden Kleinkindes hinausgeht, wankt das ganze Bettgestell bedenklich und gibt mir das wenig schmeichelhafte Gefühl, ein gestrandeter Wal zu sein. T-Shirts liegen herum, ein Handy und ein Laptop blockieren mit klobigen Adaptersteckern die einzigen beiden freien Steckdosen.
Mein Zimmergenosse, der eigentlich nur kurz etwas holen wollte und so freundlich war, das Licht für mich abzudrehen, steht inmitten der nach Jugendzimmer riechenden Unordnung und fährt, von meinem einsilbigen Desinteresse unbeeindruckt, fort, mir von seinem Onkel zu erzählen, der einmal, wie er beteuert, über 72 Stunden am Stück wach gewesen sei.
Angefangen hat alles, wie immer, ganz harmlos. Warum ich denn nicht an der im Aufenthaltsraum stattfindenden Party teilnehmen wolle, es gehe gerade erst los. Meinem Hinweis, ich litte nicht nur unter den Folgen der Zeitverschiebung, sondern zusätzlich an einer vorausgegangenen schlaflosen Nacht, folgt das freundliche Angebot, das Licht zu löschen, das ich dankend annehme.
Meine misanthropische Hoffnung, das Gespräch werde damit ein einvernehmliches Ende finden, erweist sich als unbegründet.
Sein Onkel sei eben, so erzählt mir der Inder (unsere Nationalitäten haben wir, wie es bei Reisenden so Brauch ist, gleich zu Beginn unserer Bekanntschaft geklärt), jene bereits erwähnten 72 Stunden wach gewesen und sei seiner verständlichen Erschöpfung mit Yoga begegnet. Er habe nach ungefähr vierzig Minuten die vierte Stufe erreicht. Das Schlimmste befürchtend und immer noch auf ein jähes Versiegen der Unterhaltung hoffend, wage ich es nicht zu fragen, von welcher Art Stufe wir hier sprechen; der dem Yoga zweifellos durchaus wohlmeinend gegenüberstehenden Lesegemeinschaft sei es überlassen, sich diesbezüglich nähere Informationen zu beschaffen, so es ihr angezeigt scheint.
Nach einer Stunde schließlich hätte sich der Onkel in der sechsten Stufe befunden und habe sich – „trust me, I kid you not“ beteuert mein Gesprächspartner immer wieder – schließlich etwa einen halben Meter vom Boden erhoben und sei, im Schneidersitz verharrend eine gute Viertelstunde über dem Boden geschwebt.
„Und das hast du selbst gesehen?“ kann ich meine Neugier nicht verhehlen.
„Natürlich. Vertrau mir.“
Ich persönlich würde diese Levitation als Pointe durchaus akzeptieren und mich trotz der wummernden Musik und dem Gelächter dem Einschlafen widmen, aber die Erzählung kennt kein Erbarmen und geht weiter. Als er schließlich erwacht sei, wäre der Onkel so ausgeruht gewesen, als hätte er eine ganze Nacht und einen ganzen Tag lang geschlafen. Er habe sich vor den Augen seiner erstaunten Angehörigen mit frischem Elan seinem Tagwerk zugewandt.
„Es ist zumindest eine gute Geschichte“, konzediere ich, stoße damit aber auf rechtschaffene Entrüstung. Ob ich ihm den nicht vertrauen würde (zur Abwechslung einmal kein Imperativ, notiert der Linguist in meinem Hinterkopf).
Aus Müdigkeit meine hehren Ideale über Bord werfend, sehe ich mich genötigt, meine bedingungslose Akzeptanz zu beteuern und darf in einen vorüber gehendn Dämmerzustand versinken.
* * *
Das Bett unter mir gehört einer Britin, die das Pech hat, das Zimmer mit fünf Burschen teilen zu müssen. Zwei davon sind Franzosen, deren Englisch entweder erstaunlich mittelmäßig ist dafür, dass sie seit zwei geschlagenen Monaten in L.A. leben („Internship, you know?“) oder die mich einfach nicht interessant genug finden, um mehr als ein paar Worte mit mir zu wechseln. Sie unterhalten sich lieber murmelnd und ohne Unterbrechung in ihrer Muttersprache und drücken auf den Tastaturen ihrer Handys herum. Der fünfte im Bunde ist mir bis dato nur als flüchtige Erscheinung bekannt, der meinen Freund mit dem Yoga-Onkel ermahnt, nicht so laut rumzupoltern (vermutlich will er die Musik nebenan in all ihren baßlastigen Nuancen mitbekommen). Gegen ein Uhr nachts kommt die Britin herein, fällt über meinen Rucksack und wirft irgend etwas um, was bei den Franzosen zu nur mühsam unterdrückten Heiterkeitsausbrüchen führt.
Ich spiele mich mit dem Gedanken, mich für die Platzierung des Rucksackes zu entschuldigen (nicht, dass es irgendeinen anderen freien Platz gegeben hätte), doch ehe ich mir eine charmant-witzige Äußerung zu Ende überlegt habe, stolpert sie über die Leichtmetallleiter, die mir den Aufstieg auf meine Schlafstatt erleichtern soll. Wenigstens findet sie das ebenso lustig wie unsere gallischen Kollegen. Sie setzt sich aufs Bett (dessen sofortiges unkontrollierbares Hin- und Herwogen bei weniger robusten Naturen als der meinigen zu schwerer Seekrankheit geführt hätte), zieht sich die Schuhe aus und seufzt tief.
Auf dem Weg ins Bad ist ihr überraschenderweise und völlig unerwartet mein Rucksack im Weg, sodass sie einen Sturz nur durch ihre katzenartige Geschicklichkeit verhindern kann. Es fällt mir auf, dass ich im ganzen Zimmer nicht eines einzigen zerbrechlichen Gegenstandes ansichtig geworden bin, der nicht auf dem Boden verstaut ist.
* * *
Es wird an die Tür gepocht, insistierend, und die Tatsache, dass keiner von uns reagiert, scheint nicht als Zeichen verstanden zu werden, dass wir um drei Uhr früh schlafen wollen, sondern lediglich als Ansporn, es mit noch mehr Nachdruck zu versuchen. Bevor der Putz von den Wänden bröckelt und die Tür aus den Angeln fliegt, erhebt sich ein Franzose und öffnet vorsichtig.
Ob John hier sei, fragt ein Freund des Alkohols und lässt sich konsequenterweise von einem negativen Bescheid nicht beirren. Ob er mal nachsehen dürfe, fragt er überflüssigerweise, während er sich Zutritt verschafft und uns nacheinander ins Gesicht leuchtet. Fügsam blinzeln wir in die fuchtelnde Taschenlampe.
„Das war schon die letzten drei Monate immer Johns Unterschlupf“, sagt er. Ein bisschen muffig ist er schon, dass wir tatsächlich geschlossen die Frechheit besitzen, nicht John zu sein.
Ob wir jetzt eventuell schlafen dürften, frage ich ihn.
„Sorry“, sagt er, offensichtlich verärgert darüber, sich für etwas völlig Normales entschuldigen zu müssen, und geht.
* * *
Erstaunlich finde ich, dass in einem Zimmer mit sechs Betten ausgerechnet das Mädchen als einzige schnarcht. Dieser Gedanke begleitet mich in den frühen Morgen. Mein erster Tag in Los Angeles. The city that never sleeps.
Tags: Insomnia, Levitation, Los Angeles, Youth Hostel
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am Mittwoch, den 19. März 2008 um 03:39 Uhr veröffentlicht
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