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The Bridge on the River Pai
von Matthias

“Uije”, sage ich zu Heinz, nachdem ich den folgenden Beitrag fertiggetippt habe, “ich glaub, ich hab ungefähr ein halbe Million Worte geschrieben.”

Er blickt nur kurz von seinem Buch auf. “Na eh nicht schlecht.”

“Das liest ja keine Sau”, mutmasse ich verdrießlich.

Egal, schauen wir mal.

Vor Jahren, in einem Postamt in Tel Aviv, in der Schlange vor einem Schalter, bei dem ich eine Teilmenge meiner Shekel in Briefmarken umtauschen wollte, hat mir eine Frau den folgenden Witz erzählt – Anlass war das eher herbe Verhalten der Schalterbeamten und der anderen Wartenden.

Ein Amerikaner, ein Russe und ein Israeli stehen in einem Supermarkt vor einer leeren Fleischkühltruhe. Davor ein Schild ‘Wegen einer Fleischknappheit bitten wir Sie um Entschuldigung.’ oder so. Jedenfalls, der Russe ist etwas verwirrt. “Was ist Fleisch?” fragt er.

Der Amerikaner hingegen hört gar nicht richtig hin. “Was soll das sein, Knappheit?” fragt er.

Den Israeli stört ein ganz anderes Detail. “Was heißt Entschuldigung?”

* * *

Die Thais sind ja eher nicht so. Das Klischee vom immerwährenden Lächeln mag zwar ein Klischee sein, wie nahe es aber an der Wahrheit ist, sollen zwei Anekdoten verdeutlichen. Heute, frisch vom Whitewater Rafting heimgekehrt, von dem gleich noch ein wenig die Rede sein soll, bin ich im Rahmen eines dreistündigen Spaziergangs, der mich unter anderem auch zum Schauplatz der zweiten Weltkriegsbrücke über den Pai-Fluss geführt hat (die so gar nichts mit dem annähernd gleichnamigen Film zu tun hat) auch frohen Mutes über eine weniger eindrucksvolle Bambusbrücke marschiert. Maschiert deshalb, weil mein generell ja nicht unbeschwingter Schritt durch die Klänge von Pay Me My Money Down noch zusätzlich befedert schon von nahezu verdächtiger Ausgelassenheit war.

Auf diesem Steg verungluecke ich beinahe einen alten MannBambus im Allgemeinen und insbesondere diese Art der Konstruktion neigt aber ein wenig zum Mitfedern, sodass ich unversehens die ganze Brücke in fröhlichen Aufruhr versetzte – man stelle sich das vor, wie ich, weltweit gerühmt für die Grazie meiner Bewegungen und den charmanten Verve meines Wanderschritts, über den Bambus husche; nicht umsonst nennen sie mich mancherorts Elfenfuss Leichtschritt; ein beherzter Sprung über eine Stufe schliesslich erschütterte den Steg so nachhaltig, dass ein älterer Thai, der vor mir sein schweres Los und ein paar in semitransparenten Plastiksäcken verstauten Habseligkeiten einhertrug, aus dem Tritt gebracht wurde und sich nur durch beherztes Herumstolpern vom Sturz in die trüben Wasser retten konnte.

Der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen nix dagegen. Mortal Embarrasment meinerseits die Untertreibung des Jahrhunderts. Während nun ein westlicher Rentner von der Rüstigkeit meines Opfers sein Geschrei nach der Polizei nur kurz unterbrochen hätte, um mich mit seinem Regenschirm zu entmannen, schienen den Alten meine Entschuldigungen allenfalls zu belustigen. Nachsichtig klopfte er mir auf die Schulter, deutete auf seine unförmigen Schlapfen und grinste mich fröhlich an, während er ein paar Sätze hervorsprudelte, die mich mit dem Gefühl zurückliessen, dass er gerade eben mich um Nachsicht gebeten hatte. Gut gelaunt schritt er von dannnen, während ich meinen iPod verschämt in meiner Hosentasche vergrub.

* * *

Für zwei Tage Whitewater Rafting inklusive Essen, Wasser, Campen, Transport usw. haben wir jeweils die Unsumme von etwa fünfzig Euro hingelegt. Heinz ist jedoch von seiner Erkältung (nahezu) dahingerafft worden, sodass er alternative Möglichkeiten zu suchen gezwungen war, sich die Zeit zu vertreiben, wie Hardcore-Hammocking; ich musste allein Raften gehen. Netterweise, und damit wollen wir die zweite Nette-Thai-Anekdote ganz rasch abhaken, hat ein Mann vom Rafting-Shop ihm die gesamte bereits bezahlte Summe persönlich und unaufgefordert an sein Krankenbett im Guest House gebracht. Now that’s what I call customer service.

Anyway, wie die Albaner zu sagen pflegen.

Wie sich herausstellt (und flugs wechseln wir ohne ersichtlichen Grund ins Präsens), sind meine Mitrafter allesamt Franzosen. Zehn an der Zahl. Nach fünf Jahren Schulfranzösisch bin ich dieser schönen Sprache ja annähernd so gut mächtig wie des Thais, nämlich gar nicht, also beeindrucke ich sie erstmals damit, dass wir Englisch miteinander reden müssen. Da wären Julie und Mathieu, ein Jahr jünger als ich, verheiratet und aus den Pariser Banlieus, des weiteren zwei seit ewigen Zeiten befreundete Familien, die immer gemeinsam urlauben, jeweils bestehend aus Mama, Papa und einer zwölf- und einer vierzehnjährigen Tochter. Macht summa summarum vier Teenager, was mich Schlimmes befürchten lässt, aber sich dann sogar noch als Segen herausstellt.

Zuerst mal zum Rafting. 65 Kilometer Fluss gilt es zu bezwingen, 60 Stromschnellen und, wie aufmerksame Leser dieser Zeilen wissen, sind Stromschnellen ja nicht gerade meine besonderen Freunde. Glück also, dass die Rafting-Saison wegen des niedrigen Wasserstandes eigentlich so gut wie vorbei ist und der ganze Trip mehr Gemeinsamkeiten mit einem gemächlichen Dahingleiten auf einem Dschungelfluss als mit adrenalingefülltem Extremsport hat. Ab und zu, besonders am zweiten Tag gibt es dann eine Stromschnelle, wo das Boot gegen Felsen prallt, ein wenig herumspringt, wo einem das Wasser ins Gesicht spritzt und man wild mit dem Paddel herumfuhrwerkt und hofft, nicht herausgeschleudert zu werden, aber insgesamt sind diese Szenen eher rar, so wie gute House-Folgen mittlerweile.

Die vier Mädels, Sophie, Emma, Olvia und Inez, vertreiben sich die Zeit mit erstaunlich harmonischen Gesangsdarbietungen in ihrem Boot, das vom Expeditionsleiter gesteuert wird, den wir einfach Mr. Shy nennen (“Because I’m so shy”, sagt er, und nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein). Oh Happy Day, singen sie, When The Saints Go Marchin’ In oder I’m A Barbie Girl und eine Unzahl französischer Gassenhauer, und auf dem Fluss tragen die hellen Stimmen erstaunlich weit. Sie bringen Mr. Shy französisch bei – bald sagt er statt “Go, go, go!” brav “Allez, allez!” – und er ihnen ein paar Worte Thai.

Bald vertreiben wir uns die Zeit damit, uns beim Vorbeifahren mit den Paddeln gegenseitig nasszuspritzen, kleine Scharmützel, die recht schnell in einen kilometerlang geführten Krieg ausarten, in dem es zu mehreren Enterangriffen und allerhand heimtückischen Täuschungsmanövern kommt (“Look! A monkey!”, eine niederträchtige Ablenkung, auf die ich wiederholt hereinfalle). Wenn schon der Fluss nicht viel Action hergibt, so fallen Mathieu, Julie und ich wenigstens mehrmals fast vor Lachen aus dem Boot, wenn eines der Kinder, mit erhobenen Paddel im Boot stehend plötzlich in den Fluss kippt.

Was zeigt, dass Kinder echt wissen, wie man Spass hat.

* * *

Beim Reisen wiederholen sich die ganzen Kennenlerngespräche ja bis zur Vergasung, wenn man länger unterwegs ist, vergisst man hin und wieder sogar, wem man schon welche gut einstudierte Anekdote erzählt hat. Hundertfach erzählte Geschichten sind bereits auswendig einglernt und publikumsgerecht abgeschliffen und ausgebaut.

Wie immer, wenn ich es mit Menschen aus Frankreich zu tun bekomme, erzähle ich also die Geschichte von der Au pair-Zeit meiner Mutter in Paris (die diesmal besonders passend ist, weil der kleine Bub, den sie damals betreut hat, Mathieu hieß und insofern für meine Namensgebung verantwortlich zeichnet), ich berichte davon, dass es immer noch ein Grund zu tiefer Trauer für sie ist, dass ich ihre Liebe zur französischen Sprache nie geteilt habe, und wie immer sind meine Zuhörer angemessen bezaubert. Ich erfahre im Gegenzug einiges über die Insel in der Nähe Madagaskars, ein französisches Department, von dem alle bis auf die beiden Pariser herkommen (den Namen der Insel vergesse ich natürlich sofort wieder, aber: 800.000 Einwohner, ein aktiver Vulkan in der Mitte und immer Sommer, Hinweise werden gern entgegen genommen).

Die ganzen zwei Tage sind äusserst unterhaltsam und voller kleiner, netter Momente, bis hin zum Biertrinken am Abend unter einem atemberaubenden Sternenhimmel, dreißig Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Die Thais rauchen selbstgedrehte Zigaretten aus Bananenblättern und billigem Tabak, der bei einem Preis von zehn Baht (zwanzig Cent) einen Moment reicht. “Cigarettes are too expensive.” Mr. Shy, nicht wesentlich älter als ich, erzählt von seiner zwölfjährigen Tochter, für die er einen Computer kaufen möchte, für den noch das Geld fehlt, davon, dass es zuhause kein Warmwasser gibt und dass er möchte, dass sie einmal in Chiang Mai auf die Universität gehen kann.

Beim Frühstück, wir hätten um acht wegfahren sollen, um acht Uhr fünfzehn ist noch immer keins von den Kindern zu sehen, sagt Jean-Michel, praktischer Arzt und Vater von zweien der Mädchen. “They will be in a very bad mood. It’s early for them.”

Als sie dann endlich aus ihrer Hütte kriechen, warnt er. “Here they come, with their grumpy morning faces.” Während zu unserer Zeit unsere Eltern uns mit Kübeln eisigen Wassers und notfalls mit Einsatz von giftigen Skorpionen aus dem Bett gescheucht haben, wie Heinz später anmerkt, als ich ihm davon erzähle, scheinen sich die Erziehungsmethoden heutzutage eher dem laissez-faire hinzugeben. Vermutlich geht deshalb die Welt den Bach runter.

Eines der Mädchen schenkt mir aber überraschenderweise ein Lächeln und sagt “Good morning”.

“She’s got a happy face, though”, sage ich. Jean-Michel lacht. “Yes, she’s the nice one. But don’t try to talk to her sister in the morning. That one is really bad.”

Ah, Elternliebe kennt halt keine Grenzen.

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Der Beitrag wurde am Sonntag, den 10. Januar 2010 um 12:53 Uhr veröffentlicht und wurde unter Thailand abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

3 Reaktionen zu “The Bridge on the River Pai”
  1. Roman

    zumindest eine sau hat’s gelesen. ein glück, dass du zufällig gerade zur stelle warst und den armen alten mann retten konntest. weiterhin noch viel spaß euch beiden (hoffentlich ist heinz bald wieder 100% recharged). und ja, leider hast du, was house betrifft, recht.
    lg aus dem eisigen wien,
    roman

  2. robert

    gute besserung an heinz.
    wie wärs mit ein paar fotos von dir moz?
    bambusbrücken sind schon ok, aber sie würden sich besser mit dir darauf machen, wenn ich frech feststellen darf.

    robert

  3. Matthias

    Waer sicher eh super, aber der ganze immense Erfolg dieses Blogs beruht doch auf der Tatsache, dass ich nie zu sehen bin. Bis gestern war aber tatsaechlich bei Heinz’ letztem Artikel ein Foto von mir im Schlafwagenbett zu sehen, aber das wurde natuerlich umgehend wegzensuriert.