Man erlaube mir, die Uhr etwas zurueckzudrehen. Matthias hat zwar schon mit dem sarkastischen Kohlestift die Umrisse unserer Herreise angedeutet, aber so richtig auf Koh Tao sind wir fuer die Zwecke der nachfolgenden Erzaehlung noch nicht.
Nachdem wir nur einen Monat unterwegs sind, muss ich jeden Tag bloggen, egal, ob es was zu erzaehlen gibt oder nicht. Matthias beschwert sich und grummelt schon, dass fuer ihn nix zum Bloggen uebrig bleibt, aber wenn ich doch so gern rumschwafle!
Jedenfalls super, gestern und heute. Des Abends hat mich Matthias ins glitzernde Zentrum Bangkoks entfuehrt, gegen meinen Willen natuerlich, versteht sich. Weil ich lege ja Wert auf das authentische Erlebnis, die pure Erfahrung und die harten Realitaeten des Reisens. Das kann auch Ex-Reisekollege Holger bestaetigen, den ich immer fast gewaltsam von den luftkonditionierten Luxushotelfruehstuecksbuffets wegreissen musste zu Strassenhaendlern, Loch-im-Boden-Klos und ausgedehnten Mehrtageswanderungen. NICHT.
Genauso wie es die falschen Radkuriere gibt, sog. Fakengers, gibt es auch die Flashpackers, auf denen die 2009er-Ausgabe des Thailand-Lonely-Planets rumreitet. Schuldig in beiden Punkten der Anklage. Aber was soll’s, man muss es sich ja nicht schwerer machen, als es ist, und wenn man schon Gelegenheit hat, der Premiere von Avatar in 3D in Bangkok beizuwohnen, dann ist das auch eine Erfahrung. Weil nicht ohne, dieses Siam Paragon Shopping Center. Flashig, Neonig, Glitzernd, Glaenzend, Geschleckt, Stylish, Formidabel alles Hilfsausdruecke, denen das Wort Hilfsausdruck nicht gerecht wird. Waehrend wir vom westlichen Luxusleben eigentlich total abgebruehten Zivilisationsjunkies da grossaeugig rumliefen wie frischgeborene Laemmer (echt, es war so org; im Keller gibt’s die Siam Ocean World mit Haifischtauchen. Im Keller!) und in dem 8stoeckigen Komplex unseren Kinosaal suchten (der groesste hat angeblisch 1100 Sitze), lebten draussen Backpacker das echte, unklimatisierte Hardcore-Backpackerleben. Flashpacker halt. Der Film war auch ok, 3D echt nicht so unspektakulaer, aber das aergste war ja vorm Anfang: Da musste man aufstehen und dann spielten sie Koenigshymne, begleitet von lauter “Gemeinsam sind wir stark”, “Kinder sind die Zukunft” und “Mit Monarchie zum schoeneren Leben”-Bildern.

Siam Sq

Weihnachtsbaum

Siam Paragon
Aber um unser Traveller-Kharma nicht allzusehr zu strapazieren, heute dann Hardcore-Programm. Ab ins Riverboat, das ist quasi wie Bus, genauso vollgestopft und unbequem, nur feuchter. Vorbei an der Bangkok Waterfront, das neueste Urban Renewal-Zielgebiet Nummer 1, wo sich eine gentrifizierte Barackensiedlung an die naechste reiht, exklusive Appartments mit Blick auf den idyllisch duempelnden Abfall. Raus beim Riesenkrankenhaus und ab ins Museum fuer Parasiten und Forensik. Dort Wuermer, Laeuse, Protozoen und Bakterien bestaunt. Im anderen Teil standen vertrocknete Vergewaltiger zwischen eingeschlagenen Schaedeln und mit Axt bearbeiteten Lebern rum, faszinierend die Faszination 2er Thai-Schulmaedchen ueber die deformierten Foeten, die haben sich gegenseitig aufgeregt alle Details gezeigt. Ob das jetzt von Vernunft zeugt, dass man sich am Beginn eines Urlaubs die potentiellen Auswirkungen des Konsums von Fruechten, Krustentieren, Fleisch oder Wasser in Technicolor und eingelegt in Formaldehyd ansieht, das soll die Zeit beurteilen.
Nun, der Tag war angebrochen (hr hr, aber im Ernst, besonders das Elephantiasis-Eck war zum Speiben, aber andererseits, Sitzball immer dabei, eh praktisch), und es gab noch Streetcreds aufzuholen: Also auf nach Chinatown, und das ist jetzt durchaus als Kontrastprogramm zur Weihnachtsglitzerwelt vom Vortag aufzufassen: Ueberdachter Markt mit dichtem Gewimmel und Gedraengel um tausenderlei Schnickschnack. Das Problem nur: Je authentischer der Markt, desto uninteressanter die Waren. Weil Stoffballen, Knoepfe zum Kilopreis, Glitzersteinchen in Bausch und Bogen, Klovorleger per Kubikmeter, Taschenrechner, Koenigsposter und Billigstkleidung zwar super zum Anschauen, aber eher nicht Souvenir, obwohl wer weiss. also Bestellungen werden entgegengenommen, ein paar Fotos des Angebots kommen eh noch. Und in einer einzigartigen Demonstration von Verdraengung erschien mir am Ende des mehrstuendigen Streifzugs ploetzlich eine von Strassenkuechen verkaufte Suppe mit Nudeln drin sehr lecker. Coole 50 Cent, echt schmackhaft (die Fischbaellchen waren etwas gar exterm). Wieder was gemacht, was ich sonst nie tun wurde (naemlich Fisch essen); und das kurz nach der Parasitenpraesentation.

Knoepfe

Traditionelle Handwerkskunst

Ethnische Kunst aus den Hilltribe-Doerfern des Nordens

Touristin mit von Lonely Planet empfohlener Technik zum perfekten Verhandlungs-Pokerface

Fischsupperl
Jetzt ist es jedenfalls schon spaeter, und es geht mir immer noch halbwegs gut. Waere auch bloed, weil schon im Bus nach Chumphon die ganze Nacht. Ich persoenlich finde das ja unhoeflich, wenn die Mitreisenden anfangen, da auf so engem Raum wild herumzudurchfallen, aber vielleicht sind die Leute hier eh tolerant und ich mache mir umsonst Sorgen. Nur so zur Erklaerung, warum das dann spaeter erscheint: Im Bus gibt’s leider kein Internet, und ich werde das vorm Posten nicht mehr ergaenzen, da geht ja die ganze Authentizitaet und Unmittelbarkeit der Erfahrung verloren.
PS: 5 weitere Verwendungszwecke fuer einen Hut:
- Polsterersatz auf langen Busreisen
- Schutzhuelle fuer Kameras auf bei Bootsfahrten
- Sarkastische Respektbezeugungen (“Chapeau!”)
- Aufnahme von ueberschuessigem Stirnschweiss
- Unauffaellig Reinerbrechen, zB im Elephantiasis-Eck des Parasitenmuseums
Tags: avatar, bangkok, fisch, kino, parasiten, Thailand
Der Beitrag wurde
am Samstag, den 19. Dezember 2009 um 14:30 Uhr veröffentlicht
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