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Shopping Vietnam
29. Oktober 2008 von Matthias

Sapa im Norden Vietnams„Shopstop”, erinnere ich Nini.

In Sapa, im Norden Vietnams, wo wir nach einem mad dash, wie wir Rallye-Fahrer zu sagen pflegen, per Flugzeug nach Hanoi und dann mit einem über marode Schienenstränge ruckelnden Nachtzug und verschlafenen Minibus frühmorgens angekommen sind, ist es trüb und neblig. Die bergige Landschaft versteckt sich vor unseren Blicken, die erwachende Stadt hat ein märchenhaft-mystisches Flair, die dunklen Umrisse von Bäumen und Häusern schälen sich aus dem Nebel, Mopedscheinwerfer leuchten. Es nieselt.

Der Norden…Die ganze Region lebt neben dem ubiquitären Reisanbau vom Tourismus, und die Touristen kommen neben der Landschaft vor allem auch wegen der minority groups, die hier leben, den schwarzen H’mong, den roten Dzao oder den Thai – die, wie das traurigerweise so üblich ist, als Starattraktion wesentlich weniger profitieren als die Hoteliers, Restaurants und Reiseagenturen in der Stadt.

Nini kauft einImmerhin verkaufen sie ihr Kunsthandwerk, Decken, Tücher, Hemden, Schmuck, Armbänder und ähnlichen Tand; und verkaufen können sie, vom Kleinkind („You buying from me? You bying from me?”) bis hin zur Großmutter, die uns die selbstgefertigten Tücher mit zitternden Fingern und leblosen Augen entgegenstreckt.

„Hello, where are you from?” beginnt die typische Unterhaltung mit einem der mit uns mitlaufenden Kinder, die ihr Englisch allesamt von und mit den Touristen lernen.

„Austria”, sagen wir.

„I have many friends in Australia. How old are you?”

„I’m twenty-five”, sagt Nini, „and he’s old.”

Kinder verkaufen ihre WareDem kann ich nicht widersprechen.

„Do you have many brother and sister?”

„I have one brother and one sister.” (Das wenigstens haben wir beide gemeinsam)

„Oh, small family. Older or younger?”

„I am the youngest”, sagt Nini, „do you have many brothers and sisters?”

„I have five sisters and three brothers. You wanna buy from me?”

„Sorry, I have everything I need. Sorry.”

„Maybe later, you buying from me?”

Ninis ErwerbungenNini kauft Souvenirs in Vietnam. Ich selbst bin ja heillos überfordert und denkbar uninteressiert und muss mich regelrecht zwingen, irgendwelche Erinnerungen von meinen Reisen für die Daheimgebliebenen zu suchen, aber sie hat da weniger Schwierigkeiten: Sandalen, Flip-Flops, eine Umhängetasche, einen Rucksack, ein Dutzend Quadratmeter Seide, eine Pfeife, Schmuck, zwei Decken, einen Rock, eine maßgeschneiderte Jacke und Bluse, eine Geldbörse, Armreifen, ein T-Shirt und eine sitzende Buddha-Statue sind eine Auswahl ihrer Erwerbungen. Wir sind beide ein wenig überrascht.

„Jetzt ist aber wirklich Shopstop”, sagt sie regelmäßig zu mir, ich solle sie das nächste Mal daran hindern, ihr Geld so leichtfertig auszugeben. Wohl wissend, dass das alte Klischee von einkaufenden Frauen eben ein Klischee ist, bin ich dann aber doch vorsichtig wie in einem Minenfeld, wenn es letztlich darum geht, ihre Einkaufslust zu bremsen.

Jetzt sind wir also in Sapa, und eine alte Frau bietet Nini für dreihunderttausend Dong eine grüne Decke an. Grün immer gefährlich, weil grün ist Ninis Lieblingsfarbe. Grün ist die Hoffnung, und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber diese scheinbaren non-sequiturs gehören nun wirklich nicht hierher.

„Shopstop”, sage ich also zu Nini und die aufmerksame Leserschaft bewundert die Eleganz, mit der das narrative Moment an den Anfang dieses Blogeintrags zurückkehrt.

Sie sieht mich mit diesem treuherzigen Blick an, der eine Mischung zwischen Ausgerechnet-jetzt-das-kann-doch-nicht-dein-Ernst-sein-wie-unsensibel-für-die-Magie-des-Augenblicks-kannst-du-denn-sein und einem augenrollenden Männer! darstellen könnte, bis ich lachen muss. „Okay”, sage ich, „kauf’s halt.” Als ob sie meiner Zustimmung bedürfte.

SapaFlugs handelt sie die Frau auf die Hälfte des Preises herunter. „Jetzt aber wirklich Shopstop”, sagt sie, obwohl, das müsse schon erlaubt sein anzumerken, die Perfektion der Decke durch einen viel zu plumpen gelben Streifen empfindlich beeinträchtigt werde. Natürlich begegne ich dem Erwerb einer optisch vorteilhafteren Zweitdecke später am selben Tag dann auch mit dem gebotenen Verständnis.

* * *

LandschaftWir trekken durch die Hügellandschaft um Sapa, wo ich mich denkbar ungeschickt anstelle, zum einen, weil meine Schuhe für die schlammigen Wege nicht wirklich geeignet sind, zum anderen, weil ich die letzten Tage schon von mysteriösen Gleichgewichtsstörungen geplagt werde, als müsste ich meinen Weg über das schwankende Deck eines Schiffes suchen. „Brain tumour”, höre ich meinen alten Hausarzt, Dr. House, sagen, „he’s gonna die. Boring.”

Ein paar junge Frauen begleiten unsere siebenköpfige Truppe, sie flechten uns kleine Pferde aus Grashalmen und Nini bekommt einen blumigen Haarkranz und ein Herz aus Gras und Blättern. „Maybe later you buying from me?” wird sie gefragt, und wer kann da schon widerstehen?

Unsere Trekkinggruppe und GastgeberDen Abend verbringen wir in einem kleinen Dorf, wo wir neben exzellentem Essen mit einer erstaunlichen Menge Reiswein abgefüllt werden. Und dann Karaoke. Mir meiner Unzulänglichkeiten als Startenor bewusst, halte ich einen taktischen Rückzug für mich und meinen Gehirntumor an dieser Stelle für angemessen und gehe schlafen, während unten Lieder von U2 und vietnamesischen Popstars gleichermaßen… nun, sagen wir mal, interpretiert werden.

* * *

Ein H’mong-Dorf am MorgenDrei Wochen gehen schnell vorbei, vor allem, wenn es eigentlich nur zwei Wochen und vier Tage sind. Ich bringe Nini frühmorgens zum Flughafen. Es wird ein sonniger Tag in Hanoi, heiß, laut, hektisch und lebhaft. Auf den Straßen sitzen, reden, lachen, handeln und leben die Menschen; in Haueingängen, unter Markisen, auf Plastiksesseln und Bierkisten, zwischen hunderten abgestellten Mopeds, und essen riesige Schüsseln mit dampfenden Nudeln und Fleisch in den aromatischen Garküchen am Gehsteig.

Beim abendlichen bia hoi laufen mir drei deutsche Mädchen über den Weg, mit denen wir gemeinsam in der Ha Long-Bucht waren. Die drei sind mit ihrer eben begonnenen Projektarbeit allesamt höchst unzufrieden (in der Betreuungsstelle für Straßenkinder, in der die eine arbeitet, werden die Kinder misshandelt, sie erzählt von frischen Blutflecken im Gewand), also gehen wir alle vier ins Hair Of The Dog, wo die ganze Nacht Happy Hour für Cocktails ist.

Als ich in mein Guest House zurückkehre, ist der Straßeneingang mit einer Kette und einem schweren Vorhängeschloss gesichert. Hilflos stehe ich auf der Pho Hang Dieu und weiß nicht so recht, was ich jetzt tun soll.

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Einfache Reiter
22. Oktober 2008 von Matthias

easy ridin’Wenig ratsam ist es, nach nur vier Stunden Schlaf acht oder neun Stunden auf dem Motorrad zu verbringen und gewundene Straßen, kuhbedingte Bremsmanöver, gewagte Überholakrobatik, Fahrräder, mit Menschentrauben überladene Traktoren samt Anhänger, Schlaglöcher und atemberaubende Landschaft unter einen Hut zu bringen, auch wenn wir nur Mitfahrer sind und unsere beiden vietnamesischen Easy Rider am Steuer die ganze Konzentrationsarbeit leisten.

Highlands in ZentralvietnamUnsere Aufgabe besteht vorrangig darin, angemessen begeistert und beeindruckt zu sein von den im gleißenden Sonnenschein daliegenden Reisfeldern, Kaffee- und Gummibaumplantagen, sanft geschwungenen Hügeln, Wasserfällen und pittoresken Dörfern, wo uns kleine Kinder mit großen Augen zuwinken und sich scheu in Hauseingänge verdrücken, wenn wir unsere Kameras zücken. Nini, die nicht nur in Flugzeugen, Bussen und Autos in segensreichen Schlaf versinken kann, stellt zu ihrer Verwunderung fest, dass sie auch auf einem 160 Pferdestärken starken Motorrad, das todesverachtend über schmale Lehmstraßen brettert, zumindest sekundenweise einschlummert.

GegenverkehrAber unsere Fahrer sind dermaßen versiert, dass uns weder diese Sekundenschlafanfälle noch der Umstand, dass im T-Shirt und dünnen Hosen im vietnamesischen Verkehr auf einem Motorrad zu sitzen eigentlich eine Einladung zu diversen Schwierigkeiten darstellen müsste, weiter bekümmern.

* * *

„Same same, but different.”

Eine vietnamesisch-englische Standardantwort auf so gut wie alle Fragen, die sich einem im Laufe des Lebens so aufdrängen, lässt sich „Same same, but different” nur unzulänglich mit „Irgendwie ähnlich, aber doch anders” übersetzen. Regen- und Trockenzeit? Same same, but different. Vietnam und Österreich? Same same, but different. In einer riesigen Gruppe von Pauschaltouristen oder als furchtlose Einzelkämpfer das Land entdecken? Same same, but different.

Nini in einer KaffeeplantageWir Ethnologen sind ja bei solchen Gelegenheiten schnell mit einer soziologischen Theorie bei der Hand; ich würde mal die Vermutung äußern, dass es sich dabei um einen Ausdruck jenes sprachlichen Respekts handelt, den die Vietnamesen ihrem Gegenüber entgegen bringen (je nach relativem Alter des Sprechers zum Angesprochenen werden zum Beispiel die deutschen Anreden „Frau” und „Herr” im Vietnamesischen durch vier oder fünf verschiedene Worte ausgedrückt) – anstatt dem Gesprächspartner zu widersprechen („Österreich ist ja wohl wirklich völlig anders als Vietnam, du Dodel!”), bringt „Ist eh ziemlich dasselbe, aber doch irgendwie anders” die Angelegenheit viel weniger krass auf den Punkt.

Phuoc und Tam, unsere Motorradhelden von den Easy Riders, mit denen Nini und ich zwei Tage lang die mittelvietnamesischen Highlands um Buon Ma Thout und Lac Lake erkunden, haben diese Allzweckphrase natürlich auch in ihrem Repertoire.

* * *

Nini geht tauchenAufgebrochen zu diesem Ausflug sind wir aus Nha Trang, wo wir uns am Vorabend von unserer bezaubernden Kurzzeit-Reisegefährtin Maria aus der Slowakei am nächtlichen Strand sitzend verabschiedet haben. Gerüchteweise soll neben interessanten Gesprächen auch die eine oder andere Bierdose im Spiel gewesen sein, aber nichts Übertriebenes, wir müssen ja früh raus. Maria, die zwei Wochen allein durch Vietnam reist, haben wir in Hoi An getroffen, in dem Hotel, in das wir übersiedeln mussten, nachdem unser Zimmer im ersten Guesthouse knietief überflutet worden ist.

Weil ich in Nha Trang tauchen gehen möchte und Nini eher nicht, aber allein tauchen auch nicht so der Hammer ist, wie unsere teutonischen Nachbarn es ausdrücken, gelingt es mir, Maria, die das schon einmal vor Jahren in Ägypten probiert hat, zu zwei weiteren Discover Scuba Diving Schnuppertauchgängen zu überreden und dann ist auch Nini wieder mit von der Partie. Was schön ist, auch wenn der Funke bei ihr vielleicht nicht ganz so überspringt wie bei mir.

WasserfälleWie dem auch sei, nach einem Tauch- und Strandtag in Nha Trang fahren wir also in die Highlands und übernachten dort in einem indigenen Minderheitendorf namens Jun Village, das von den Mnong, einem sogennanten hilltribe bewohnt wird, in einem Langhaus. Beim Abendessen mit Phuoc und Tam lernen wir mit Saigon-Bier richtig Anstoßen (auf vietnamesisch zählen „Eins – zwei – drei” und dann ganz laut „Prost!” brüllen) und bis zehn zählen. Landeskunde pur. Quasi Kultur- und Bildungsurlaub.

ElefantenreitenElefantenreiten am Seeufer, durchs Dorf laufen und Schweine, Kinder und Häuser fotografieren wie die braven, einfältigen Touristen, die wir sind, komplettieren das vielseitige Programm. Die Menschen begegnen uns lächelnd und nachsichtig-freundlich, die Kinder mit einer einnehmenden Mischung aus Heiterkeit, Neugier, Schüchternheit und Belustigung und wir fühlen uns, auch wenn uns nach zwei Tagen Motorradfahren die Hintern weh tun („Monkey bums!”, sagt Tam dazu), überwältigt und gut betreut. Und weil wir’s ihm versprochen haben – und weil er ein wirklich witziger, bemühter und kenntnisreicher Führer ist – hier die Handynummer von Phuoc (ohne vietnamesische Ländervorwahl), falls irgendjemand mal in der Gegend Hoi An, Na Thrang, Buon Ma Thout oder Kon Tum ist: 0905 456 589.

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Kinder in einem indigenen DorfHätten wir auf eigene Faust versucht, diese Gegend für uns zu entdecken, wäre uns in der knappen Zeit, die Nini zur Verfügung steht, niemals gelungen, all das zu sehen, was wir in den letzten zwei Tagen gesehen haben, wir wären mit öffentlichen Verkehrsmitteln nie zu den kleinen Bauernhöfen, wo Pilze getrocknet oder Nudeln im Familienbetrieb hergestellt werden, gekommen. Es wäre mit Sicherheit auch interessant und bereichernd gewesen, und beeindruckend, dafür sorgt allein schon die Landschaft; aber auch in einer größeren Gruppe hätten wir diese zwei Tage vermutlich anders und weniger direkt erlebt.

Kind in Jun VillageWie’s gewesen wäre?

Same same, but different.

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Von Nini, Schlangen, iPods, Regen und Sonnenschein
17. Oktober 2008 von Matthias

Hochwasser auf Hoi Ans StrassenEs regnet seit vierzig Stunden in Hoi An, das wegen seiner Anagrammität zu Hanoi – und mir ist bewusst, dass Anagrammität kein Wort ist, aber Neologismen sind in diesem Blog ja gerade de rigeur – das also wegen eben dieser Anagrammität zur vietnamesischen Hauptstadt beim Darüber-Reden zwischen Touristen immer wieder zu Verwechslungen führt, bis wir dann letztlich endlich Hoi An sagen, allerdings erst, wenn wir Hanoi meinen. Hier in Südostasien bekommen wir wenigstens noch etwas für unser Geld, eine Regenzeit heißt hier auch wirklich Nonstop-Regen und nicht so eine schlaffe Entspannen-wir-uns-mal-bei-einem-einstündingen-Tropengewitter Sache wie ich sie während meiner dreimonatigen Mittelamerika-Regenzeit erlebt habe.

HochwasserDas drückt ein bisschen aufs Gemüt, unser für heute vorgesehener Ausflug zu den Ruinen von My Son… mir will aus gegebenem Anlass keine andere Metapher als „fällt ins Wasser“ einfallen, fällt also ins Wasser.

Wenigstens hatten wir einen langen, heißen und sonnigen Tag am China Beach bei Danang; zwei Flaschen Wein und Ritz-Cracker im nächtlichen Sand, bis auch die letzte verschlafene Bar zugemacht hat.

Nini im LiteraturtempelWir, das sind Nini und ich; Nini, die am zehnten Oktober mit der Aeroflot über Moskau aus Wien gekommen ist, um knapp drei Wochen Vietnam mit mir zu erleben und ein bisschen Sonnenschein nach Hoi An zu tragen. Und obwohl es jede Menge zu erzählen gäbe von unserem Wein, Käse, Tomaten- und Baguette-Picknick am See in Hanois Altstadt, von unseren zwei Tagen in der Bucht von Ha Long, wo die Natur mit Kalksteinformationen, die aus dem Meer ragen, verrückt spielt, von den Höhlen dort, und vom Kayak-Fahren, bei dem wir beide zumindest nicht gesunken sind (und wir lernen; beim nächsten Mal wird alles besser), von den schwimmenden Dörfern oder durchaus auch von China Beach oder von den Straßen und Märkten Hoi Ans, so will ich mich für diesen Eintrag doch auf ein anderes Erlebnis aus Hanoi konzentrieren, um durch meine mäandernde Art niemanden zu vergraulen.

Ha Long Bay / schwimmende Stadt  Frau mit Boot, Ha Long Bay  Has Long Bay, Vietnam

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Vorher aber vielleicht doch noch ein kurzer Exkurs. Konsequenz ist sowieso eine stark überschätzte Charaktereigenschaft. Für die Schlange ist dann immer noch Zeit.

Vor vielen Jahren, als ich noch jung war und mein Leben voller Versprechungen und verheißungsvoller Mysterien vor mir lag, bin ich einmal mit Julia nach Kuba geflogen, wo wir an unserem ersten Tag in Havanna Oper eines peinlich simplen, aber durchaus geschickt eingefädelten Wechselgeldbetruges geworden sind, den zu erklären an dieser Stelle zu viel Raum einnehmen würde – es soll genügen, dass wir um ein paar hundert Dollar und naives Vertrauen in das Gute im Menschen ärmer aus dieser Erfahrung hätten hervorgehen können (und de facto auch sind), hätten wir nicht einfach hinterher beschlossen, dass die ganze Angelegenheit einfach nicht passiert ist, und so zu tun, als hätte unser Urlaub großartig begonnen. Nun mögen psychologisch geschulte LeserInnen derartige Realitätsverleugnung nur bedingt als eine sinnvolle Problemlösungsstrategie ansehen, in diesem Fall aber hat es funktioniert. Es war dann auch ein großartiger Urlaub. Und dass ich am Ende meine Kamera im Taxi vergessen habe, hat daran auch nicht wirklich etwas geändert.

Drei tote und ein lebender iPod. Stilleben mit Mango und Messer.In Hanoi bin ich gezwungen, zu einer ähnlichen coping strategy, wie wir Sozialarbeiter sagen, zu greifen, denn während ich Nini vom Flughafen abhole, beschließt die Dame im Hotel, die mein Zimmer aufräumt, dass mein Gewand nun wirklich gewaschen gehört und schickt sich an, dies in Erwartung meiner freudigen Reaktion bei meiner Rückkehr auch unaufgefordert zu tun. Meine Freude, als ich herausfinden muss, dass sie meinen zwei Monate alten iPod, den ich auf den Fidschi-Inseln erstanden habe, um den in eine Pfütze gefallenen zu ersetzen, gleich mitgewaschen hat und mit ihm meine Musik, einige tausend Fotos und diverse andere Sicherungsdateien, lässt sich nur mit dem eloquenten Ausruf Aaaaaargh beschreiben. Wenigstens erlebt Nini mich gleich einmal in einer suboptimalen Stimmung, und dass sie nicht davonläuft und mich sogar nach Kräften bei den anschließenden Verhandlungen um Reparationszahlungen unterstützt, spricht für sie.

* * *

Jetzt aber endlich zum Thema. Den aufmerksamen Rezipienten dieser elektronischen Depeschen wird es kein Geheimnis sein, dass ich Anhänger einer fleischlosen Diät bin; zu Heinz, der mir allerdings nahe legt, zumindest in Vietnam diese Prinzipien über Bord zu werfen, schreibe ich, dass ich dazu bereit wäre, wenn auch Nini Fleisch isst. Soll heißen: nie und nimmer, weil Nini ist seit fast fünfzehn Jahren Vegetarierin.

Nini vor dem Osttor HanoisBei den mittlerweile zur Tradition gewordenen bia hoi Abenden in Hanoi, wo wir gemeinsam mit einer wüsten Mischung aus lungenkranken und einarmigen Expats, gestrandeten Existenzen und diversen Backpackern unsere Biere trinken – ich treffe zunehmend bekannte Gesichter –,  kommen wir mit ein paar Leuten ins Gespräch und beschließen, alle zusammen eine Schlange zu essen. Kein ganz billiger Spaß, aber das noch schlagende Herz einer Königskobra in einem Glas Reiswhiskey hinunterzukippen, ein paar Gläschen Schlangenblut und vor allem das Gift zu trinken, das wie Amphetamine bzw. Extasy wirken soll, erscheinen uns als verlockende Gründe, dieser barbarischen Touristenfalle Vorschub zu leisten.

Die haben wir gegessen….Leider wird daraus am ersten Abend nichts, weil nicht alle Rucksacktouristen wirklich zuverlässig sind, aber als Nini und ich von Ha Long Bay zurückkehren und uns ein Vietnamese erneut darauf anspricht, sagen wir spontan und lediglich zu zweit zu, steigen alle drei auf sein Moped und fahren in eine dunkle, düstere Gegend Hanois zu einem Restaurant, wo eigentlich schon Feierabend ist. Für uns wird die Beleuchtung aber noch einmal aufgedreht und bald schon wird uns die zornige Kobra präsentiert, die vor unseren Augen getötet werden soll, wütend und zischend und deutlich an ihrem Leben hängend.

Nun bin ich überraschenderweise kein Schlangenexperte, aber wir erlauben uns einfach aus Prinzip Zweifel daran, dass uns hier wirklich eine Kobra vorgesetzt wird. Egal, Schlange ist Schlange und jetzt sind wir schon mal hier. Mit einem Messer wird das arme Tier kunstfertig getötet, dunkles Blut tropft auf den Boden. Ein ungünstiger Zeitpunkt für meinen Kameraakku den Geist aufzugeben, aber vielleicht auch nur ein Wink des Schicksals, es mit der Sensationsgier nicht zu weit zu treiben.

Weil Nini mutiger ist oder ich großzügig – das ist Auslegungssache – darf sie das Herz schlucken, gemeinsam trinken wir Blut (pur) und Gift (in Alkohol) und essen nach und nach den Rest der Schlange als Suppe, Grillfleisch und in Frühlingsrollen zusammen mit Reis und Gurken.

High werden wir vom Gift allerdings nicht.

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