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Lesen in Levuka
28. August 2008 von Matthias

Beach Street in LevukaHier passiert nicht viel. Levuka mit seinen dreitausend Einwohnern sieht ein bisschen aus wie die Kulisse aus einem Western und ich verbringe meine Tage mit so aufregenden Risikoaktivitäten wie Nichtstun, Lesen, Herumlungern, Plaudern und dem traditionellen Klassiker des Reisens, In-der-Gegend-Herumschlurfen. Die über zahlreiche Hügel verstreute Siedlung im Norden mit ihren steilen Pfaden, Palmenhainen, Wäscheleinen, spielenden Kindern und in der Sonne sitzenden Katzen hat es mir besonders angetan.

Wir spielen und trinkenIn Mary’s Holiday Lodge, wo wir wie bei einer Gastfamilie wohnen, bin ich auf ein paar andere Langzeitreisende getroffen (wir sind, im Vergleich zu Andy aus England, der seit fünfzehn Jahren unterwegs ist, ja alle gerade mal auf einem Wochenendtrip), und wir kochen gemeinsam vegetarische Abendessen, spielen Karten und Würfelpoker bis tief in die Nacht und trinken sechzigprozentigen Rum mit Cola.

Nochmal LevukaLetzteres ist, möchte die Leserschaft den üblem Verleumdungen böser Zungen Glauben schenken, auch dafür verantwortlich, dass aus meinem geplanten Tauchen in der Wakaya-Passage nichts wird; meine Version der Geschichte ist allerdings eine andere: Ich beschließe, lieber etwas umsichtiger mit meinen Finanzen umzugehen, Neuseeland wird schließlich auch nicht billig. Die Tatsache, dass ich übernächtigt und ein wenig verkatert bin, spielt bei meiner Entscheidung, diese Tauchgänge ausfallen zu lassen, allenfalls eine untergeordnete Rolle. Ist doch gleich um einiges glaubwürdiger, oder?

Simone und Georg aus Deutschland, deren Weltreise-Jahr sich dem Ende des zwölften Monats zuneigt, versuchen, mir den kommenden Vietnam-Aufenthalt madig zu machen; das Land wäre zwar durchaus schön, aber die Leute wären mühsam und dauernd würden sie versuchen, ahnungslose Touristen zu übervorteilen und auszurauben, es sei eine unsägliche Anstrengung gewesen.

Zwei japanische Touristen fangen FischeNun ja. Ich nehme mir vor, ihre Warnungen zwar nicht in den Wind zu schlagen, aber auch nicht allzu tragisch zu nehmen und hoffe, dass meine – unsere – Erfahrungen andere sein werden.

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Stay away from  my bazooka / I paranoid – you dead. Mit diesen Zeilen aus Death Kills eröffnet die Berliner Band Element Of Crime den Soundtrack zum Film Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe von Leander Hausßann, dem Regisseur von Herr Lehmann. Herr Lehmann war ja die äußerst erfolgreiche Verfilmung des gleichnamigen Romans von Sven Regener, der wiederum Sänger, Trompeter, Texter und Mitkomponist von Element Of Crime ist. Und auch wenn der Rest des Soundtracks zum neuen Film von durchaus hörenswert (Der Boxer von Vladimir Vissotski) bis hin zu Reden-wir-lieber-nicht-drüber (Lexy & K Paul oder Amos) variiert, so rechtfertigen allein die vier neuen Songs und die vier Instrumentals des kiminellen Elements die Anschaffung, vom melancholischen Über Dir Der Mond bis hin zum flotten Country von Robert und Monika.

Nun werde ich den Streifen so bald wahrscheinlich nicht sehen können, also kann ich nicht mit Sicherheit sagen, warum der Protagonist ausgerechnet den Geburtsnamen des größten amerikanischen Songwriters unserer Tage trägt (die Inhaltsangabe auf der offiziellen Website lässt diesbezüglich nichts verlauten), doch wie der Zufall es so will, bringt eben dieser Held des handgemachten Liedguts, der Weltöffentlichkeit besser unter seinem derzeitigen Namen Bob Dylan bekannt, Anfang Oktober Teil 8 seiner sogenannten Bootleg Series (Tell Tale Signs) heraus, randvoll mit bisher unveröffentlichten Nummern aus den Aufnahmen zu seinen letzten vier Studioalben*. Nun war Bob Dylan noch nie das, was Opernkenner gemeinhin als Sangestalent bezeichnen würden, sein charakteristisches Näseln hat oft genug dafür gesorgt, dass andere mit seinem Liedgut erfolgreicher reüssieren konnten als er selbst – dabei zeichnet der gute Mann neben Klassikern wie Blowin’ In The Wind, Like A Rolling Stone, Mr. Tambourine Man, A Hard Rain’s A-Gonna Fall, Just Like A Woman, Chimes Of Freedom und Knockin’ On Heaven’s Door für einige hundert der feinstgeschliffenen Songperlen verantwortlich, die je in die Rillen einer Schallplatte gepresst worden sind.

Mit dem Beginn der Achtziger und dem steigenden Konsum von Zigaretten und Alkohol verkam seine Stimme dann aber endgültig zu dem, was wir heute auf seinen Alben zu hören bekommen – er singt längst nicht mehr, sondern quakt, röchelt, näselt, flüstert und raunzt sich durch seine Songs, dass den uneingeweihten HörerInnen kalte Schauer über den Rücken rinnen und Tränen des Mitleids in die Augen steigen. Seit 1989 auf einer nicht enden wollenden Welttournee, die bezeichnenderweise Never Ending Tour heißt, spielt er heute, das Publikum keines Blickes würdigend, über sein elektrisches Klavier gebeugt, weil die Arthritis in seinen Fingern ihm sogar sein Markenzeichen, die Gitarre, verleidet hat.

Anders als viele seiner Zeitgenossen hat er in seinem Alterswerk im letzten Jahrzehnt, wenn schon nicht die bekanntesten, so doch einige seiner besten Arbeiten abgeliefert – wer beim Anhören von Tryin’ To Get To Heaven (Before They Close The Door), Not Dark Yet oder Love Sick vom 1997’er Album Time Out Of Mind keinen Kloß im Hals bekommt, wie unsere germanischen Nachbarn es ausdrücken würden, dem kann wohl nicht mehr geholfen werden. Und mensch zeige mir eine wundervollere Liebeserklärung als das hingeröchelte Make You Feel My Love, die nicht von Leonard Cohen geschrieben worden ist, und ich… nun, keine Ahnung, dass können wir uns ja dann überlegen. Oder einen abgeklärteren Protestsong als Workingman’s Blues #2 von Modern Times (2007).

Mag ein bekannter deutscher Gutmenschen-Balladensänger von seinem Thron über den Wolken aus in einem seiner Lieder auch abfällig über Dylans Auftritt vor dem Papst in den Neunzigern geätzt haben „Und der alte Rebell / der nie müd’ wurde, zu streiten / Mutiert zu einem servilen, giftigen Gnom / Und singt lammfromm vor dem schlimmen, alten Mann in Rom seine Lieder / Fürwahr, es ändern sich die Zeiten“; jemand, dem es so mühelos gelingt, mir auch noch beim hundertsten Anhören von Standing In The Doorway (ebenfalls auf Time Out Of Mind zu finden) das Herz zu brechen, der verdient meine Bewunderung – und meine Euronen für die limitierte Luxusedition von Tell Tale Signs die nicht nur zwei, sondern ganze drei CDs enthalten wird.

Soundtrack-CoverElement Of Crime, die wie so gut wie jede andere Band, die etwas auf sich hält, den Meister in ihren Konzerten bereits mehrfach gecovert haben (zuletzt etwa mit It’s All Over Now, Baby Blue), spielen auf dem Song Robert Zimmermann – und damit schließen wir den Kreis und landen wieder beim neuen Haußmann-Film – mit der sicher nicht zufälligen Namensgleichheit. Die Wasser des Lebens sind reißend und trüb, heißt es da, Mutter und Vater haben dich lieb / Doch du weißt / Dass man nicht einfach dreist / Und ungestraft Robert Zimmermann heißt.

* Die beiden Folk-Cover-Alben aus den Neunzigern nicht mitgerechnet.

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This Is Fiji
23. August 2008 von Matthias

Ein Hindu-TempelErst in Suva, der nicht sofort Begeisterung auslösenden Hauptstadt der Fidschi-Inseln, komme ich dazu, den folgenden Beitrag zu posten. Suva habe ich im Fond eines klapprigen Autos erreicht, mit dem drei junge Leute die Trophäe für die Miss Hibiscus von Rakiraki aus transportiert haben. Den Abschluss des Hibiscus-Festivals (die verstopften Strassen, die Prozession usw.) habe ich noch mitbekommen. Und jetzt sitze ich hier fest, weil am Sonntag keine Fähre mehr nach Levuka, meinem nächsten Ziel fährt.

In der Nähe von RakirakiAuf der Busfahrt

Unsere UnterkunftJeden zweiten Tag kommt der FeeJee-Experience Backpacker-Bus vorbei, lädt eine Ladung partyhungriger junger Menschen ab und verwandelt unser ansonsten so beschauliches Taucherdomizil (Ra Divers am Volivoli Beach) für einen Abend in Party Central, Fiji. Sasha, der normalerweise tagsüber mit einer Blume hinter dem linken Ohr hinter der Bar steht, gibt seine Drag-Queen-Nummer zum Besten (und dann noch eine, und noch eine), während das Jungvolk sich in selbstgebastelten Verkleidungen auf der Tanzfläche in diversen alkoholbedingt lustigen Gruppenspielen lächerlich macht.

Blick aufs MeerWir, die wir zum Tauchen hier sind, sitzen mit Little Steve, dem gar nicht kleinen Besitzer der Anlage, mit Jenny, Pola, Bob, Jim und wie sie alle heißen, die sie hier arbeiten, auf einer geflochtenen Matte im Sand, trinken kava aus einer reihum gehenden großen Tasse, die gewöhnungsbedürftige, aus einer Pfefferpflanze gewonnene lokale Spezialität, plaudern über unsere Reisen und beobachten das bunte Treiben mit der Abgeklärtheit der Älteren. Und natürlich dreht sich ein guter Teil unserer Unterhaltung ums Tauchen, insbesondere den Tauchgang zum Wrack der „Ovalau”, einer mit Trucks beladenen Frachtfähre, die hier 2003 gesunken ist.

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Pola, divemaster„It’s all still down there”, erklärt uns Bob auf dem Tauchboot auf dem Weg zu der Stelle, wo das Wrack unseres Kommens harrt, „except the beer. They had 80 beer crates on that ship – I was drunk for months.” Die Ovalau sei ein bereits recht altes Schiff gewesen, ein mehr schlecht als recht geflicktes Leck im Schiffsrumpf sei beim Deckschrubben wieder aufgebrochen. Beim Abschleppen wären die Trucks dann auf eine Seite gerutscht, was die Belastungsprobe gewesen sei, die die Taue nicht mehr bestanden hätten und so liege das Wrack noch heute kieloben in dreiundzwanzig Metern Tiefe auf dem Meeresgrund.

Jim, noch ein divemasterIch bin ein bisschen nervös – immerhin gehe ich zum ersten Mal seit Monaten Tauchen. Während ich mich noch frage, ob ich mich an alle Vorkehrungen und Handzeichen erinnern kann, muss ich feststellen, dass die Dinge hier nicht mit der gleichen akribischen Regeltreue gehandhabt werden wie beim UDC auf Utila; es gibt beispielsweise keinen buddy check vor dem Tauchgang (das gegenseitige Überprüfen der Ausrüstung mit dem Tauchpartner), der sich mir mit dem so wunderbar leicht zu merkenden Akronym BWRAF (BCD, Weights, Releases, Air, Final OK) verinnerlicht hat. Bush Will Ruin America Forever und Blonde Women Really Are Fun sind beliebte Eselsbrücken.

Volivoli BeachIch erinnere mich an einen divemaster auf Utila, der auf die Frage nach seiner persönlichen Gedächtnishilfe „Blind Women Really Are Fun” geantwortet hat. „You’re sick”, hat ihm Tracy, meine Tauchlehrerin, daraufhin vorgehalten.

„No, but it’s true. And you asked.”

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Tauchen…Später, nachdem wir alle lebend aus dem Wrack der Ovalau wieder aufgetaucht sind, fasst Justin aus New York, der sich seine Brötchen als Fotograf und Tauchlehrer eben auf Utila beim UDC verdient, unsere Erlebnisse folgendermaßen zusammen. „I’ve done a couple hundred dives; hell, I even teach the wreck diving speciality course, but that was still way beyond anything I’ve ever done. Usually you lay a line first, so that everybody can find their way back. You’re supposed to have an exit in your sight line at all times. And everybody has to carry an additional independent air supply, because it’s so narrow down there that sharing air ” (mit einem anderen Taucher) „just isn’t possible. And everybody has a spare torch.”

Korallen„Our torches were crap”, trage ich meinen Teil zur Unterhaltung bei.

„I would have phrased it a bit more generously, but yeah, they were crap. And the wreck wasn’t adapted for divers, there’s all kinds of sharp, rusty metal down there. And in an overhead environment like this, it’s easy to get stuck. Every movement can dislodge something, even your air bubbles can cause something to fall and block your exit.”

Bedrohliche Szenen im WrackEr schüttelt den Kopf. „As a diving instructor, I have to say that the whole thing was completely irresponsible and dangerous. As a diver and an adventurer, though, I have to admit that it was fucking awesome.”

Und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Grossartige Unterwasserwelt…Außer vielleicht, dass das obige Video ebenfalls von Justin aufgenommen worden ist, und wenn zugegebenermaßen auch nicht dokumentarfilmreif, so gibt es doch einen Eindruck von der klaustrophobischen Atmosphäre da unten.

„They never would have allowed this in Utila”, sage ich.

Tauchen ist spannend…„But this isn’t Utila”, stellt er fest, „this is Fiji.”

Bula, wie sie hier sagen würden. Willkommen auf Fidschi.

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Wie ich zum dritten Mal in meinem Leben nach Lima kam
16. August 2008 von Matthias

Jeder zehnte Russe? Wow.Aus diesem Zeitungsabschnitt (siehe Bild) lernen wir, dass annähernd jeder zehnte Russe, der im Internet ist, einen Blog hat – ob das Verhältnis im deutschsprachigen Raum ähnlich ist?

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Geld sparen bekanntlich immer gut, besonders wenn die Galapagos-Inseln gerade einen Krater in die arg mitgenommene Reisekasse geschlagen haben. Aus diesem Grund verzichte ich darauf, von Ecuador nach Peru zu fliegen und entscheide mich, wie ja auch schon in ganz Mittelamerika, für den Bus, denn als echter Backpacker wäre es ja unzulässig, sich nur die Rosinen aus dem Kuchen zu klauben. Ab und an muss mensch neben den mitternächtlichen Saufgelagen in diversen Jugendherbergen auch den Mut haben, den weniger glorreichen Facetten des Reisealltags ins Auge zu sehen, in diesem Fall prognostizierten 38 Stunden Busfahren inklusive Grenze und Umsteigen.

Der Tag der Abreise lässt sich gut an, beim Foto-DVD-nach-Hause-Schicken auf dem Postamt kann ich einer Österreicherin mit der gewaltigen Summe von 85 Cent aus der Patsche helfen und beim anschließenden Frühstück entspinnt sich ein ziemlich interessantes Gespräch über Spiritualität, Lebenseinstellung, Schreiben, Reisen und Europa vs. Lateinamerika, das mir einigen Stoff zum Nachdenken für die kommenden Strapazen geben wird. So packe ich also meine sieben Sachen (je mehr ich aussortiere und da lasse, desto schwerer und unhandlicher wird mein Rucksack, verstehe das, wer will), laufe ein paar Stunden iPod-hörend durch Quito (Song zum Tag You Can’t Always Get What You Want von den Rolling Stones, auch wenn Postamt-und-Frühstücks-Erika da anderer Ansicht ist als Jagger und Richards), verabschiede mich von Romina und den anderen Leuten im El Cafecito und finde mich schließlich nach sechs Uhr abends beim Busbahnhof von Panamericana Ecke Reina Victória und Cristobal Colón ein.

Es bleibt nicht bei achtunddreißig Stunden.

Es werden achtundvierzig.

Mein GepcäcksabschnittWer so etwas nicht erlebt hat, kann sich das schwer vorstellen. 48 Stunden in einem klimatisierten Bus mit breiten, superbequemen Sitzen, die sich in eine nahezu bettartig horizontale Position bringen lassen, sind bereits eine Tortur. Die Hälfte ist schon anstrengend genug. Aber der erste Bus, der während der ersten Nacht von Quito nach Huanquillas an der Grenze kriecht, ist alles andere als bequem; für eine dreistündige Ausflugsfahrt würde er gerade noch reichen, aber als Ort zum Schlafen ist er einer rutschenden Geröllhalde in einer Gewitternacht nur dadurch überlegen, dass sich wenigstens einige Fenster schließen lassen und somit nicht alle Passagiere klatschnaß werden. Die ersten Trombose-Toten werden nach zehn Stunden achtlos aus dem fahrenden Bus geworfen.

Guter Dinge setzen sie mich an der ecuadorianischen Grenzkontrolle, die sinnvollerweise außerhalb von Huanquillas ein paar Kilometer vor der eigentlichen Grenze liegt, auf die Straße, damit ich mir meinen Ausreisestempel holen kann, teilen mir mit, dass ich mein Gepäck dann schon irgendwie im Büro der Busfirma finden werde und fahren weg. Weil nachdem wir ungefähr zwei Stunden nicht eben fahrplanmäßig damit vertrödelt haben, irgendwelche alten Mutterln über von Maultieren eifersüchtig behütete Feldwege kilometerweit in die Pampa bis vor die Haustür zu fahren, wäre es wirklich zu viel verlangt, fünf Minuten auf den einzigen Ausländer zu warten, bis der sich seinen Stempel abholt

Zwei freundliche Typen mit Moped, die neben dem architektonisch bewundernswert häßlichen Gebäude der Einwanderungsbehörde herumlungern, händigen mir die notwendigen Formulare zum Ausfüllen aus, doch als sie nach meinem Pass greifen, um mir die Arbeit abzunehmen (wer nicht richtig reden kann, wird auch nicht schreiben können, vermuten sie), muss ich sie in ihre Schranken weisen – mein Pass ist mein Pass.

Anschließend gehen wir Geld wechseln, wobei sie mir vormachen wollen, dass der Kurs bei zwei peruanischen Soles für einen Dollar liegt (anstatt bei zwei komma acht). Freundlich weise ich sie auf ihr Versehen hin, woraufhin wir alle ein bisschen lachen und uns wundern, wie schnell der Dollar nicht im Wert gefallen ist, na ja, man kennt das. Zu dritt auf einem Moped schlängeln wir uns durch LKWs und hupende Autos die letzten paar Kilometer ins Grenzdorf, wo sich herausstellt, dass diese scheinbar freundliche Hilfeleistung nun von meiner Seite doch bitte durch die Kleinigkeit von fünf Dollar zu entlohnen wäre. Und wie durch ein Wunder sollen das mit einem Mal zwanzig Soles sein. Meine Verblüffung über diesen wirklich erschreckenden Wertverlust der amerikanischen Währung führt zu einiger Verstimmung und einer langen Disukussion über Benzinpreise und Moped-Reparaturkosten, der ich mich schließlich nur durch vorgetäuschtes Unverständnis entziehen kann.

Mein Gepäck ist tatsächlich beim Busbahnhof gelandet, wo ich es mit Freudentränen in den übermächtigten Augen in Empfang nehmen darf. Eine atemberaubend hübsche, junge Peruanerin mit quengelndem Kleinkind wird von der Dame hinter dem Panamericana-Schalter damit beauftragt, mich nach Tumbes auf der peruanischen Seite zu bringen, weshalb wir uns in ein Sammeltaxi, vulgo colectivo, zwängen – zu sechst. Mit dem Fahrer sind wir sieben, und meine Kinderliebe wird durch den Kleinen, der mir seine schmutzigen Sandalen während der halbstümndigen Fahrt grob geschätzt 419 Mal ins Gesicht steckt auf eine harte Probe gestellt. Den Beifahrersitz teilen sich zwei übergewichtige Männer, die jeweils allein Platzprobleme gehabt hätten – zu zweit ergibt das ein völlig neues Körpergefühl, das sie widerstandslos ertragen. Der graubärtige Uniformierte unbestimmbaren Alters, der sich die Rückbank mit uns teilt, erträgt die Eskapaden des Kindes mit rollenden Augen.

In Tumbes verbringe ich die nächsten fünf Stunden wartenderweise auf dem wenig charmanten Busbahnhof, um dann gegen Abend endlich weiterzukommen – das Ganze wäre nicht so schlimm, wenn es nicht so hoffnungslos ineffizient wäre. Um acht Uhr früh an diesem Morgen waren wir laut Angabe meines GPS 1009 Kilometer von Lima entfernt, um neunzehn Uhr sind es 905 Kilometer, am nächsten Tag um acht Uhr früh dann 389, als die Busfahrer beschließen zu streiken und den Bus in irgendeinem Provinznest stehenlassen.

Die Passagiere meutern, schreien und brüllen überhaupt wenig würdevoll herum, während ich müde und hungrig in meinem Schafskrimi lese, den ich auf dem Galapagos-Kreuzschiff gefunden habe. Mindestens drei Stunden werde es dauern, bis die Busgesellschaft Ersatz aus Trujillo organisiert habe, wird uns mitgeteilt. Ha, denke ich mir da, da lasse ich doch glatt nocheinmal umgerechnet fünf Dollar springen und fahre mit einem anderen Bus die letzten sechs Stunden bis Lima.

“Ja, ja, wir fahren in fünf Minuten”, versichert mir der Mann am Schalter der Konkurrenz und gutgläubig händige ich ihm mein Geld aus. Zweieinhalb Stunden später fahren wir dann wirklich los und brauchen für die letzten sechs Stunden achteinhalb.

Miraflores - der gutsituierte Teil von LimaDer absolute Höhepunkt der Reise ist allerdings der Ort, wo wir ankommen, denn Lima ist nicht gleich Lima. Anstatt eines internationalen Terminals mit Geldautomaten, kalten Getränken, Taschendieben, Taxis und Touristen fahren wir auf einen unasphaltierten Parkplatz, wo rostige alte Busse ihren geheimnissvollen nächtlichen Beschäftigungen nachgehen, inmitten von halbverfallenen Lehm- und Wellblechbaracken. Es ist kein Ausdruck meiner Übertreibungsgabe, wenn ich anmerke, dass tatsächlich eine Mülltonne brennt. Männer in Unterhemden und mit schweren Säcken auf den Schultern trotten mißmutig herum, Jugendliche hängen in widerwärtigen Trauben in Schatten und Nischen und tun so, als ob sie das alles nicht wirlich etwas anginge. Ich erwarte halb, einen Rapstar anzutreffen und einen Regisseur, der Cut brüllt.

Mit meinem Rucksack könnte ich genausogut ein “Bitte rauben Sie mich aus!”-Schild herumtragen (wie das “I hate niggers”-Schild, das Bruce Willis in Die Hard 3 in Harlem um die Brust hängen hat, nur dass das in Wirklichkeit leer war und die Schrift ein filmischer Spezialeffekt, um den armen harten Mann nicht unnötig in Gefahr zu bringen, während mein Rucksack leider nur zu echt ist).

Anyway, ich tue, was Backpacker in Lateinamerika nur in Ausnahmefällen tun – in Ermangelung eines erkennbaren Taxis wende ich mich an einen Polizisten, der aus einem der Busse herausklettert (Polizei sonst immer eher Ursache denn Lösung von Backpackerproblemen) und der gute Mann bringt mich ganz ohne Bakschisch-Forderung ein paar Straßen weiter, bis wir, mitten im nächtlichen Slum, ein altes, röchelndes Taxi gefunden haben. Der Polizist fragt mich, wo ich hinfahre, notiert sich den Namen des Fahrers und die Nummer des Kennzeichens und solcherart in Sicherheit gewogen, werde ich zu meinem gewünschten Hostal gebracht.

Dass dort nichts mehr frei ist und die anschließende, frustrierende Zimmersuch-Odysee sind allerdings Teile einer anderen Geschichte, die hier gnädigerweise nicht mehr erzählt werden wird.

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Und falls es noch jemanden interessiert: die Einreise in die USA war visumfrei und völlig unproblematisch.

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 Essen mit Eva

Hier, auf diesem Steg in Miraflores (Lima) war ich mit Eva im Februar 2001 während meines ersten Peru-Aufenthalts Abschiedsessen. Nur dass es damals sonnig war.

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