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Do I plan to overthrow the US government?
31. Juli 2008 von Matthias

TeleferiQoDer TeleferiQo ist eine Seilbahn, die von Quito aus die Flanke des Vulkans Pichincha erklimmt und auf 4100 Metern Seehöhe endet. Oben ignoriere ich die überteuerten Restaurants und wandere in Richtung Gipfel, die atemberaubenden Ausblicke auf die Stadt und die karge, majestätische Landschaft genießend. Die beinharte Wahrheit und die journalistische Integrität, zu der sich dieser Blog verpflichtet fühlt, lassen mir allerdings keine andere Wahl als zu gestehen, dass ich es nicht ganz auf die 4680m schaffe, da es mit einem Mal ziemlich kalt wird und dunkle Wolken aufziehen. Aber immerhin.

* * *

Ausblick auf Quito vom VulkanMein Reisebüro hat mir bezüglich meines Transit-Aufenthaltes in den USA zwecks Weiterreise zu den Fidschi-Inseln bereits vor einiger Zeit folgendes mitgeteilt (zur Enttäuschung der Kommentarschreiberin Roswitha, wer immer sie sein mag: ich war schon zweimal in Peru, in Bolivien, Chile und Brasilien ebenfalls, also wollte ich diesmal etwas anderes sehen):

Sehr geehrter Herr [xxx],

wir hatten unlängst einen Fall wo ein Kunde über die USA nach Mexico City geflogen ist und nach mehr als 90 Tagen von Sao Paolo via die USA nach Europa zurück wollte. Die Fluglinie hatte dem Kunden beim Rückflug das Boarding verweigert weil er kein Visum für die USA hatte. Die Regel besagt zwar dass man sich bis zu 90 Tagen ohne Visum in den USA aufhalten darf. Anscheinend wird dabei aber nicht unterschieden ob man USA dazwischen verlässt oder nicht.

Vielleicht hat Sie ja auch schon die Airline bei der Ausreise nach Mexico City auf diesen Umstand aufmerksam gemacht und Sie haben schon ein Visum. Wenn nicht müssen Sie auf alle Fälle noch ein USA Visum beantragen damit Sie wieder in die USA einreisen dürfen.

Auf folgendem Link kommen Sie zur US Botschaft in Lima:
http://lima.usembassy.gov/contact.html

Ich wünsche Ihnen weiterhin noch eine schöne Reise!

Mit freundlichen Grüßen
[xxx]
Reiseberater/Travel Adviser
————————————————-

STA Travel GmbH

* * *

Vor der US-Botschaft in Quito scheinen zu jedem Zeitpunkt Menschenschlangen zu stehen, eine kurze ist für US-Amerikaner bestimmt und eine längere für potenzielle Terroristen bzw. den Rest der Welt. Telefonisch hat mir eine Dame mitgeteilt, natürlich würde ich ein Visum brauchen, warum ich da überhaupt anrufen und ihre Zeit mit so offensichtlichen Fragen verschwenden würde. Vielleicht nicht in diesen Worten, aber ich kann ja zwischen den Zeilen lesen. Auch bei einem Telefongespräch, wo es genaugenommen nichts zum Lesen gibt.

Der Imbissbudenbesitzer auf der gegenüberliegenden Straßenseite macht ein gutes Geschäft mit den im Andensonnenschein wartenden Visa-Antragstellern, eine junge Ecuadorianerin gibt Auskünfte, hakerlt Namen auf einer Terminliste ab und weist zur allgemeinen Verblüffung darauf hin, dass auch die spanische Version des Visaantragsformulars in Englisch auszufüllen ist. Finstere Sicherheitsbeamte nicken sich hinter dunklen Sonnenbrillen versteckt verschwörerisch zu, murmeln halblaute Warnungen in ihre Walkie-Talkies und versuchen, die jungen Mädchen unter den Wartenden anzumachen, die sichtlich nicht sicher sind, ob ihnen ein klares Nein später eventuell zum Nachteil gereichen könnte.

Mein erster Termin endet nach ein paar Stunden ergebnislos vor der Tür zur Konsularabteilung, ich möge doch in drei Tagen wiederkommen, um halb zwei, jemand werde sich dann gern meines Anliegens annehmen. Visa-Antragsformulare gäbe es keine, ich solle doch auf der Website des State Department einen elektronischen Antrag ausfüllen.

* * *

Die Linie soll der Äquator seinWeil das mit meinem Galapgos-Trip eh auch noch in der Schwebe ist, vertreibe ich mir die Zeit also mit anderen Dingen. Ich lasse ein Foto beim etwas arg touristischen Mitad del Mundo machen, wo ich mit einem Fuß nördlich und mit dem anderen südlich des Äquators stehe, auch wenn der Äquator in Wahrheit 240m weiter ist. Aber das weiß ja dann keiner von denen, die das Foto sehen.

Ich lese die Bewohnte Frau von Gioconda Belli, noch ein weiteres Buch über den Panama-Kanal und eines über den islamisch-christlichen Krieg um das Mittelmeer (die Belagerung von Malta und so weiter).

Auf halber Höhe des TurmsIch schlendere durch die Altstadt, erklimme den Uhrturm der Basilica del Voto Nacional über eine stetig waghalsiger anmutende Serie von schmalen Leitern und bewundere den Mut der einheimischen Liebespaare, die sich in schwindelerregender Höhe über den Dächern der Altstadt auf Simse an der Turmaußenseite setzen, um einander gegenseitig die Zungen in den Hals zu stecken. Ich würde mich ja dazusetzen, will aber das junge Glück nicht stören und setze meine endlosen Wanderungen anderorten fort.

Straßenhändler, Musikanten, Polizisten, aus mehreren Lautsprechern das mir bereits aus Peru bekannte und mittlerweile verhaßte El Condor Pasa in der Panflötenversion, die schon aus so manchem Mönch einen axtschwingenden Massenmörder gemacht hat, Touristen mit Kameras, Stadtplänen und Lonely Planets, Kinder, die Schokolade, Feuerzeuge und Zigaretten verkaufen und in bunte Tücher gewandete Indios, die ihre Handwerkskunst feilbieten füllen die Straßen, Gassen und Plätze zwischen den spanischen Kolonialbauten, Kirchen, Klöstern und Theatern.

“You’re the only honest American I’ver ever met”, lobt mich unvermutet ein junger Einheimischer in Motorradjacke und Lederhose anstatt eines Grußes.

Schlagfertig wie ich nun einmal bin, schleudere ich ihm ein eloquentes “Huh!?” entgegen. Er deutet auf mein T-Shirt, auf dem I never finish anyth zu lesen steht.

“But I’m from Austria”, entweicht mir ein Fendrich-Zitat, ehe ich es verhindern kann.

“That’s a shame, man.” Er geht weiter und lässt mich etwas perplex zurück.

* * *

Dieser Schlafsaal im El Cafecito heißt Fresa (Erdbeere)Das El Cafecito ist wie die meisten lateinamerikanischen Beherbegungsbetriebe in ausländischer Hand, aber trotzdem so nett, dass ich gerne meine sieben Dollar pro Nacht dortlasse. Die Atmosphäre des Cafes (Zimmer und Schlafsäle befinden sich im ersten Stock) erinnert mich ein wenig an das Kolar in Wien, wenn auch ohne Gewölbe und Fladenbrote, also eigentlich gar nicht wie das Kolar, aber irgendwie trotzdem.

Wie so oft, wenn ich länger an einem Ort verweile, wandelt sich die geschäftsmäßige Zurückhaltung der Einheimischen mit der Zeit zu so etwas wie ehrlicher Freundlichkeit; der Wasserflaschenverkaufsmann ums Eck plaudert mit einem Mal mit mir und erzählt mir von seiner Tochter, die nach Deutschland studieren gegangen ist, die Kellnerinnen kennen mich mit Namen (und vice versa) und zu meiner Verblüffung bekomme ich sogar einen Abschiedskuss von Romina, einer von ihnen, als ich nach einem Abendessen mit Valerie aus Tschechien und Julien aus Frankreich wieder nach oben gehe.

Julien ist offensichtlich in Valerie verliebt (und es ist so offensichtlich, dass Valerie das auch wissen muss, Frauen wissen sowas ja immer), aber Valerie erzählt eigentlich ständig nur von ihrem Freund zuhause. Die beiden fliegen auf die Galapagos-Inseln und Valerie fragt mich, ob ich nicht mitkommen will. Als ich ablehne, bin ich mit einem Mal Juliens bester Freund – auch etwas Schönes.

Meine SchlafsaalmitbewohnerInnen wechseln ständig, während die Tage dahinschleichen. Da ist Jordan aus England, der in zehn Wochen nach Argentinien und dann wieder nach Brasilien will, um von Rio heimzufliegen, aber seit zwölf Tagen in Quito festsitzt und nicht weiterkommt, weil es ihm hier so gut gefällt; da ist Jaqueline aus Deutschland, die ein Monat auf den Galapagos-Inseln in einem Kindergarten gearbeitet und dort nebenbei Tauchen gelernt hat (auf den Inseln, nicht direkt im Kindergarten), und da ist Isaac aus Israel, jetzt USA, der mit einem Motorrad von Kalifornien aus bis zur Südspitze Chiles fahren will, im zweiten Anlauf. Beim ersten Mal wurde ihm sein Motorrad in Mexiko gestohlen, sodass er wieder zurück musste, ein wenig arbeiten, um sich ein neues zu kaufen.

* * *

Die Sicherheitsbeamten beim Metalldetektor und Röntgengerät in der Konsularabteilung der US-Botschaft kassieren meine Kamera ein und geleiten mich dann zu einem Schalter, vor dem ich zur Abwechslung einmal ein bisschen Schlange stehen darf. Was garnicht so schlimm ist, weil Louisa aus Mexiko, die ein Studentenvisum für ihren Sohn beantragen will, mir mit allerlei Anekdoten die Zeit vertreibt.

Ich habe mittlerweile auch nach bestem Wissen und Gewissen den Online-Visa-Antrag ausgefüllt und ausgedruckt und ein zugehöriges Bild in der verlangten Größe von 50×50 mm bei einem Fotografen anfertigen lassen (3 Dollar für zwei Abzüge), weil normale Passbilder, die ich ja eigens für solche Zwecke mithätte, sind den US-Behörden anscheinend zu schnöde. Es ist eines der wenigen Fotos von mir, die mir gefallen. Lustig finde ich den Hinweis auf dem Antrag, dass es nicht automatisch bedeute, dass ich kein Visum erhalten würde, wenn ich eine der vielen Fragen, von denen eine “Are you or have you ever been a member of a terrorist organisation?” lautet, mit Yes beantworte.

Ich gebe Antrag, Bild und Reisepaß ab und erkkläre der Dame hinter dem kugelsicheren Glas mein Begehr. Da müsse ich einmal 131 Dollar auf ein bestimmtes Konto bei einer bestimmten Bank einzahlen und mit der Einzahlungsbestätigung wiederkommen, dann würde mein Antrag binnen eines Monats bearbeitet. Mein Einwand, ich wolle aber bereits am 15. August in das Land von Freiheit und Coca Cola einreisen, löst allerdings nicht die von mir erwartete Welle der Hilfsbereitschat aus. Das könne ich dann bei meinem Termin mit dem Konsul vorbringen.

“But I’m not even sure that I really need a visa”, versuche ich es anders herum.

“So why did you fill out an application, then?”

Gute Frage. Ich erkläre das mit meinem Reisebüro. “As an Australien citizen you’re part of the visa waiver program and do not need a visa, if you haven’t stayed in the US for longer than 90 days”, teilt sie mir schließlich mit.

Ich bedanke mich für diese Information, gebe aber zu bedenken, dass sie für die vorliegende Situation nur von bedingter Relevanz ist, da ich… und ich bringe wieder das Fendrich-Zitat an. Obwohl ich natürlich nichts gegen Australien hätte, sicherlich auch ein sehr schönes Land.

“Well”, sagt sie unbeeindruckt, “that’s the same story, though. Austria is part of the visa-waiver program, right?”

Ich vermeine, mich verhört zu haben. “I hope so”, sage ich. Und erkläre das mit den 90 Tagen und dem Mittelamerikaaufenthalt und dem Reisebüro und dem anderen Reisenden, der in der gleichen Situation wie ich war, erneut.

Langsam verliert sie die Geduld mit mir. “I keep telling you, you don’t need a visa, sir. Is there anything else?”

Ob sie mir das vielleicht schriftlich geben könne, zur Sicherheit.

“We are not allowed to issue that kind of statement, sir. Please check the website of the State Department and the Department for Homeland Security for further information.”

Ob ich vielleicht mit dem Konsul sprechen könne.

“Do you have a PIN?”

Einmal mehr bringe ich nur ein Rufzeichen mit nachfolgenden Fragezeichen hervor.

Sie seufzt. Diese Ausländer, wirklich. Kein Wunder, dass es der Rest der Welt zu nichts gebracht hat und sie alle in die USA wollen. Aber sie ist das ja gewohnt, also schluckt sie ihre gerechtfertigte Verägerung hinunter und erklärt mir, dass ich bei obiger Bank um zwölf Dollar einen PIN kaufen müsse, mit dem ich dann telefonisch einen Termin beim Konsul beantragen könne. In zwei bis drei Wochen ungefähr.

Also gehe ich wieder. Kein Visum hat sie gesagt.

* * *

Dear Mr. [xxx]:

Since you traveled outside of the U.S. (including neighboring countries, such as Mexico, Canada, Bahamas, Bermudas, etc.) and did not remain there for more than 90 days, you may use the Visa Waiver Program again.
Only if you would have remained in Mexico (as a neigboring country plus the U.S. for more than 90 days) you would not be eligible for Visa Waiver Program travel any more.

Please note, that in your as in all other cases, only the U.S.
immigration officer at the U.S. port of entry makes the final determination if and for how long any traveler is permitted into the U.S.

Sincerely,

Visa Unit
Consular Section
U.S. Embassy Vienna, Austria

* * *

Mein Reisebüro ist trotzdem nicht überzeugt.

Sehr geehrter Herr [xxx],

ich habe leider auch schon die unterschiedlichsten Infos von der Botschaft diesbezüglich erhalten. Auf folgendem Link wird jedoch darauf hingewiesen, dass man ein Visum beantragen muss wenn nach Einreise USA, zwischenzeitlicher Ausreise nach Mexico und nochmaliger Einreise mehr als 90 Tage liegen:

http://www.usembassy.at/de/embassy/cons/niv_waiver.htm (ziemlich weit unten)

Hoffentlich wissen das die Herrschaften beim Check-in nicht denn mit dem Visum beantragen wird es zeitlich wahrscheinlich knapp werden.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Glück!

Mit freundlichen Grüßen
[xxx]

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Die Diskussion sei hiermit eröffnet
26. Juli 2008 von Matthias

Die Basilica del Voto NacionalEndlich, nach mehr als vier Monaten und 30 Beiträgen (diesen hier eingeschlossen) gibt es für euch die Gelegenheit, euren “Estragon dazuzusenfen”, wie es ein Leser vor langer Zeit einmal ausgedrückt hat. Anders und vielleicht verständlicher formuliert – ihr dürft jetzt eure Kommentare anbringen. Also, lasst eurer Kritik und euren Anregungen freien Lauf – zum Kommentieren einfach unter jedem Beitrag auf den Link “Keine/1/2 oder wieviele auch immer Kommentare” klicken. Oder einfach auf den Titel eines Beitrages und dann ganz nach unten scrollen.

Blick über Quitos Altstadt zur Marienstatue hinAnstatt also, wie eigentlich geplant, hier in Quito in Ecuador meine Zeit damit zu verbringen, meinen Trip zu den Galapagos-Inseln zu organisieren (was ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint; nicht nur extrem teuer – vierstellige Dollarbeträge stehen im Raum -, sondern auch frustrierend, weil hier Hauptsaison ist und alles ausgebucht; da hätte ich mich früher drum kümmern müssen), anstatt also etwas Sinnvolles zu tun, habe ich meinen Blog upgedatet. Ich hoffe, damit gedient zu haben und verbleibe mit ein paar visuellen Eindrücken von Ecuadors Hauptstadt.

Eine Straße in Quitos Altstadt

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Trouble In Paradise
24. Juli 2008 von Matthias

Palmen und StrandDer Indio, der unser kleines Boot steuert, mit dem wir tagsüber von Insel zu Insel tuckern, nicht viel mehr als ein Kanu mit Außenbordmotor, scheint dem Alkohol nicht abgeneigt. In unserer ersten Nacht auf Nalunega betrinkt er sich derartig, dass er nicht umhin kommt, seinem überbordenden Temperament und seiner Lebensfreude durch lautstarkes anhaltendes Trommeln Ausdruck zu verleihen – bis zwei Uhr früh.

„Aber es ist doch nur Musik“, wischt er die Einwände anderer Dorfbewohner nachlässig beiseite, wie er höchstselbst am nächsten Abend nicht unstolz im Schein einer Öllampe berichtet, während das Meer phlegmatisch kleine Wellen an den Strand wirft und der Mond sich auf die kommende Vollmondnacht vorbereitet.

Nochmal Palmen und StrandNalunega bedeutet „Red Snapper Island“, was ja, da es sich beim red snapper um einen der vor Ort so zahlreich vorkommenden vorzüglich schmeckenden Fische handelt, mit dessen Fang der Großteil der überschaubaren Inselbevölkerung ein karges Auslangen finden muss, noch ein durchaus sinnvoller Name für diese kleine, weißbestrandete, kokosnusspalmenbestandene Karibikinsel ist (ach, wirft die verwöhnt-gelangweilte Leserschaft an dieser Stelle ein, schon wieder eine Karibikinsel, wir wollen Dschungelabenteuer und Gewaltmärsche durch von Paramilitärs und  Drogenbanden kontrollierte Grenzgebiete, aber da muss sie, die Leserschaft, an andere Blogs verwiesen werden, hier gibt’s nur Karibikinseln). Anders zum Beispiel Isla de Perros (Dog Island), eine Bezeichnung, die wir dank des völligen Fehlens von Hunden und der absolut nicht hunde- weil eiförmigen Beschaffenheit des fraglichen Eilandes als unzutreffend zurückweisen möchten.

Sonnenuntergang auf tropischer InselEinzuräumen ist allenfalls, dass eine Benennung von mehreren hundert Inselchen im San Blás-Archipel anhand charakteristischer Merkmale äußerst schwerfallen würde, da sich die meisten so wenig unterscheiden, dass dabei gezwungenermaßen Namen wie „Insel mit 17 Palmen und drei Hütten“ und „28-Palmen-Zwei-Hütten-Eiland“ oder auch  „Nur-Eine-Palme-im-weißen-Sand-wie-aus-einem-Cartoon-Insel“ herauskommen müssten. Da wollen wir mal ein glubschiges Fischauge zudrücken und auch noch den etwas weit hergeholten Namen „Pelikan-Insel“ durchgehen lassen, zumal ja zumindest „Ukuptupu“, „Wichub-Walá“ oder „Kuanidup Grande“ (das geradezu winzig sein soll, aber alles ist relativ) sich durchaus angenehm ins Ohr schmeicheln.

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Zwei Molas, die ich erworben habeDie Comarca de Kuna Yala umfasst neben den knapp vierhundert San Blás-Inseln auch einen 226 km langen Teil der panamesischen Küste und wird von den Kuna seit einem Aufstand in den späten neunziger Jahren selbstverwaltet. Ausländer (und andere Panamesen) dürfen weder Land besitzen noch dauerhaft hier wohnen, sogar die Forscher vom Smithsonian wurden von ihrem kleinen tropischen Paradies gekickt. Die Kuna leben in einfachen Bambushütten – nur knapp fünfzig der Inseln sind bewohnt – mit strohgedeckten Dächern, verkaufen jährlich etwa 30 Millionen Kokosnüsse an die Kolumbianer und molas an Touristen, traditionelle, bunte, kunstvolle mehrlagige Tücher, die von den Frauen als Kleidung getragen werden, sich aber im heimischen europäischen Salon auch gut als Tischdeckchen machen.

Noch kommen wenige Touristen hierher, einige tausend im Jahr sollen es sein.

Der Flughafen auf der Insel El PorvenirDas hier, sage ich zu Brigitte, als wir vom Schnorcheln zurückgekommen im Schatten einer Palme liegen, plaudern und lesen, kommt der Postkartenidylle vom Paradies im türkisblauen Meer wohl am nächsten – es ist nicht notwendig, den Blickwinkel fürs Foto so zu wählen, dass die Liegestühle, der Hotelkomplex oder die aufgedunsenen Bäuche gröhlender Sangriakampftrinker nicht im Bild sind, nein, es gibt das alles hier nicht. Die größten Inseln fassen vielleicht drei Dutzend Bambushütten und ein Betonhaus (die Schule) und sind so klein, dass für eine der wenigen vorhandenen Landebahnen für Propellerflugzeuge, von denen es insgesamt vier oder fünf gibt, zusätzlich Land aufgeschüttet werden musste. Kaum eine Insel im Archipel, die sich nicht in fünfzehn Minuten zu Fuß umrunden ließe, die meisten in zwei oder drei.

Das Innere des Flughafens - ganz ohne Strom und Röntgengeräte

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„Aber sicherlich gibt’s da Schwierigkeiten im Paradies?“ drängt sich den Blogrezipienten da die Frage auf, zumal sie ja brav den Titel gelesen haben. Nun, in der Tat, da liegen sie nicht falsch.

Und damit ist nicht nur der Fluch des Tourismus an sich gemeint – notwendig auf der einen Seite, da er Geld bringt (alle Beherbergungsbetriebe, von der einfachen Hütte ohne fließendes Wasser und Plumpsklo bis zum luxuriösen Kuna Lodge befinden sich exklusiv in Kuna-Hand), problematisch auf der anderen (wer will schon wie im Zoo leben, ständig fotografiert werden und vom Lockruf des Geldes verdorben die eigene Kultur schulterzuckend an den Nagel hängen, um in der großen weiten Welt Karriere zu machen?).

KokosnüsseNein, ganz konkret spreche ich von den während unseres kurzen Aufenthaltes offenbar gewordenen Brüchen, die in einer Gemeinschaft auftreten müssen, wenn an einem Ehestreit wortwörtlich die ganze Dorfgemeinschaft teilhaben kann und die weiteste Rückzugsmöglichkeit ohne Boot acht Schritte von der nächsten Hütte entfernt liegt. Nach der kleinen Alkoholeskapade unseres Bootsfahrers liegen wir in der zweiten Nacht in der elektrizitätslosen Dunkelheit und lauschen dem Wind und dem Meer, als dieser vielbesungene Dialog der Naturelemente von einem Schuss unterbrochen wird. Aufgeregtes Geplapper und Durcheinanderrufen folgen. Ein Streit um Geld, ein Kleinkind auf dem Arm eines der beiden Kontrahenten, ein Faustschlag, ein Warnschuss und der Vollmond sind die Ingredienzien dieser kleinen Tragödie, wie wir am nächsten Tag erfahren.

„Was wohl heute passieren wird?“ frage ich vor dem Zubettgehen am Abend darauf, und wir lachen ein wenig unsicher darüber. Die Sonne versinkt in einer rotgoldenen Farbexplosion, während unser androgyner Hotelbesitzer, der Wirt, Koch und Zimmermädchen in Personalunion ist, die Lampen anzündet.

Es ist dann jedoch wieder nur eine dezente Rum-Trinkerei, die in einen singenden Bootsfahrer und einen abwechselnd gröhlenden und lallenden australischen Backpacker mündet, der sich in den frühen Morgenstunden mit Wortspenden wie „Have a fucking good night, you crazy motherfucker“ und herzlichem Gelächter von seinem singenden Trinkkumpanen verabschiedet und seine genervte Freundin mit gestammelten Wortspenden und tollpatschigem Herumstolpern in der Dunkelheit beglückt.

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Paul Gauguin, Zeitgenosse von Van Gogh und selbst der unbekanntesten Maler nicht einer, habe, so erlese ich mir aus The Path Between The Seas von David McCullough, am Bau des Panamakanals mitgearbeitet. Nicht in irgendeiner ausschlaggebenden Funktion, sondern mehr so als einer von vielen, der es nur deshalb in diesen Blog geschafft hat, weil er letztlich mit etwas ganz Anderem berühmt geworden ist, und damit auch die minutiösesten Details aus seiner Biographie mit einem Mal interessant werden.

Achja, hab ich schon Fotos von Palmen und STrand hochgeladen?Eigentlich war er gemeinsam mit seinem Freund Charles Lavalé, überraschenderweise nicht Hufschmied und auch nicht Taubenzüchter, sondern ebenfalls Maler, nach Panama gereist, um sich auf der Isla Taboga, südlich von Panama City im Pazifik, ein Grundstück zu kaufen, und sich dem süßen Nichtstun hinzugeben, aber da die beiden ihre Reisekasse schon bei der Ankunft geleert hatten, blieb ihnen anscheinend nichts anderes übrig, als bei den Amerikanern anzuheuern und die Hacke zu schwingen. In Briefen an seine Frau beklagte er sich bitterlich über die unmenschlichen Arbeitszeiten und –bedingungen. Als Lavalé allerdings von Arbeitskollegen Porträts für Geld anzufertigen begann, weigerte sich Gauguin, es ihm gleichzutun, da nur „Porträts in einem ganz bestimmten und sehr schlechten Stil“ Abnehmer fänden.

Da schuftete er lieber, bis er genug Geld hatte und Panama den Rücken kehren konnte. Er schiffte sich nach Martinique ein.

Und ich werde es ihm nun auch gleichtun. Gut, vielleicht hinkt der Vergleich etwas, denn der Panama Kanal ist schon lange fertig und auch an seinem bis 2014 geplanten Ausbau werde ich nicht mitwirken, auch werde ich keine Malerkarriere einschlagen und weder ist mein nächstes Ziel Martinique noch werde ich mich mit einem Schiff dorthin aufmachen (obwohl das kurz zur Debatte gestanden ist, dann aber aus Zeitmangel gestrichen wurde), aber ich habe mit Gauguin (und, zugegeben, fast allen anderen Touristen) gemeinsam, dass ich Panama den Rücken kehre. Brigitte ist nach drei ausgefüllten und hoffentlich schönen Wochen bereits unterwegs nach Österreich.

Mich hingegen zieht es nach Ecuador (diese Zeilen poste ich auf dem Flughafen von Bogotá in Kolumbien), und von dort aus werde ich mich dann auch das nächste Mal melden. Bis dahin kann ich euch die Lektüre von The Path Between The Seas ans Herz legen, das, obwohl ein Sachbuch, spannender und intrigenreicher als die meisten Thriller und Krimis ist. Und wer wollte nicht schon immer wissen, wie der Panama-Kanal nun wirklich gebaut wurde?

Also, husch-husch ins Buchgeschäft.

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