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Move over, Shakespeare
29. Mai 2008 von Matthias

Große Enttäuschung an der Grenze zu Honduras: wir bekommen keinen neuen Stempel in unseren Pass, die neunzig Tage Aufenthaltsgenehmigung für Guatemala gelten auch für Honduras und El Salvador. Damit fällt mit einem Schlag der Hauptgrund für einen zukünftigen Besuch dieses kleinsten Landes Mittelamerikas (El Salvador eben) weg. Adie, kurz für Adrien, den Barbara und ich zusammen mit seiner Begleiterin Claire bereits in El Retiro und danach in Flores getroffen haben, hat seine neunzig Tage sowieso bereits übreschritten und dürfte daher nur nach einer Nachzahlung von hundertfünfzig Dollar einreisen.

Da er allerdings über nur unzureichende Barmittel verfügt, reicht zu unserer Verwunderung seine Versicherung, in fünf Tagen wiederzukommen und das Geld nachzubringen – da es sich ohnehin nicht um eine offzielle Strafe handelt, sondern eindeutig um einen Unter-der-Hand-Handel, nehmen wir das alle nicht sonderlich ernst. Im Endeffekt muss er nicht einmal die drei Dollar Einreisegebühr bezahlen, die wir anderen berappen müssen, die wir noch gültige Visa unser Eigen nennen.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf dem Weg von Lanquin nach Flores zu Barbara gesagt habe, dass ich Adie nicht unbedingt symphatisch finde: er ist laut, direkt, findet sich unheimlich lustig, glaubt, dass alle im Bus unbedingt seine iPod-Musik hören wollen und macht anzügliche Witze zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten.

Jetzt, ein paar Tage später (Barbara ist nicht mit nach Honduras gekommen, sie verabschiedet sich mit Vorwürfen von mir und zieht es vor, sich noch ein wenig länger in Guatemala zu verlustieren), muss ich meine Meinung revidieren. Adie ist unheimlich lustig, aber auch großzügig, voller verrückter Einfälle und ein interessanter Gesprächspartner. Anstatt eines Tagebuchs schreibt er Songtexte und Gedichte – und gar nicht einmal von der peinlichen Sorte (er verdient seinen Lebensunterhalt als Produzent elektronischer Musik).

Er und Claire sind erst seit etwa zwei Wochen gemeinsam unterwegs; sie am Ende und er in der Mitte seiner Weltreise.

Im Bus von San Pedro Sula nach La Ceiba, inspiriert von einem fanatioschen Prediger, der unter frenetischem, irgendwie für mich jedoch befremdlichen Beifall der einheimischen Fahrgäste den Weg Jesu als den einzig richtigen anpreist, schreiben wir im Schein einer unruhigen Taschenlampe gemeinsam – jeder eine Zeile – ein Gedicht, das zwar so manchen wortgewandten Lyriker vor Neid erblassen ließe, dessen zahlreiche Insideranspielungen es aber nicht zur Veröffentlichung in diesem kleinen Blog geeignet erscheinen lassen. Der Anfang

Going to Honduras on a bus
Where an annoying preacher causes a fuss
Going to the islands just to chill,
Looking for excitement and maybe a thrill,
Gonna head to the beach to get a good tan,
Eat local food and drink what we can

mag dem poesieverfallenen Publikum als kleines Appetithäppchen genügen.

* * *

Sonnenuntergang auf UtilaUtila, eine der Bay Islands vor der Küste von Honduras, ist eine idyllische Karibikinsel, die vom Tourismus ziemlich überrumpelt worden ist. Und Tourismus bedeutet in diesem Fall Tauchtourismus; auf Utila kann mensch in der treffenden Formulierung von Chris aus Wien nicht viel mehr machen als Tauchen und Saufen.

“You know that it’s getting hot when the locals start to complain”, erklärt uns Tracy aus Australien, von der ich in Kürze in meinem nächsten Beitrag mehr erzählen werde. Kaum lässt die Hitze etwas nach, kommen die Sandfliegen zum Vorschein und foltern alle Anwesenden, außer mich. Mich mögen nicht einmal die Sandfliegen.

* * *

Auf der Suche nach unserem Zimmerschlüssel fördere ich neben dem obligatorischen iPod auch ein Taschenmesser, meine Digitalkamera, einen Reserveakku, eine Reserve-SD-Card und ein Bündel unappetitlicher Geldscheine aus den diversen Taschen meiner Trekking-Hose zu Tage (warum das Geld hier und in Guatemala mit der Zeit eine geradezu widerwärtige Konsistenz gewinnt, ist ein ungelöstes Mysterium).

“I have more things in my trousers than other people in their backpacks”, murmle ich.

“Yeah, man. I’ve got the exact same problem”, sagt Adie. Claire bricht in Gelächter aus, und ich stehe wieder einmal auf der Leitung.

* * *

Beach Partz vom UDC.

Beim Ausgehen in der Nacht davor (Treetanic! Treetanic! Solltet ihr jemals nach Utila kommen, that’s the place to be. Erinnert sich noch wer an die Faszination, die Baumhäuser auf die meisten von uns ausgeübt haben, als wir Kinder waren, eine Faszination, die mit der Pubertät vom Reiz des Anbandelns und Komasaufens ersetzt wurde? Treetanic kombiniert diese ultimativen Kicks; es ist eine beliebte Bar hoch in den Baumkronen, wo halbnackte Jugendliche – und solche, die es noch sein wollen – in bester Aprés Dive-Manier Cocktails und Biere hinunterstürzen); beim Ausgehen also haben wir leicht angeheitert beschlossen, zur Beachparty in Togas zu erscheinen, die wir aus den Leintüchern unserer Schlafsaalbetten anfertigen.

Wir fallen auf jeden Fall auf damit. Ryan aus Kanada, der wie wir auch im Mango Inn logiert und dem die halbe Insel zu Füßen liegt (die Hälfte mit dem Östrogen) bringt mir Hula-Hooping bei. “That’s so gay”, ist der negativste Kommentar des ignoranten Pöbels, allgemein überwiegt die Begeisterung.

Claire, Ryan und Anna

v.l.n.r: Claire aus London, Ryan aus Kanada und Anna aus Thüringen
auf einem Katamaran

Bin das nur ich, oder scheinen auf dieser Reise ein Haufen Annes, Anas und Annas meinen Weg zu kreuzen? Die aus diesem Blog sind ja nur eine Auswahl.

* * *

Drogen sind hier ja, wie fast überall sehr leicht zu bekommen, Alkohol wird ohne Alterskontrolle ausgeschenkt. Wie furchtbar die Verhältnisse allerdings tatsächlich sind, offenbart erst dieses schonungslose Foto, das ein alkoholisiertes Kind am Steuer eines Mopeds zeigt:

Lasst euch dieses Bild eine Warnung sein

* * *

Als Adie und Claire nach El Salvador weiterreisen, verfassen wir drei die folgenden Verse bei einem gemeinsamen Abendessen in geselliger Runde, während die anderen Lyrikverweigerer Bewunderung heucheln (darunter Sineads Freundin Sian, die ich im vorherigen Beitrag als Shawn bezeichnet habe, und die unvermutet im Mango Inn aufgetaucht ist):

Sitting in Utila
    With friends one last night
Having Indian curry

    And beers by candlelight,
Sandflies are the only things
    That make us want to leave;
Having parties and fun
    Dressed in a way you wouldn’t believe
Admiring Ryan baring his arse
    On a boat to the setting sun,
Then heading back to the beach
    For more toga and hula fun.
Hanging by the pool
    Or chilling on the beach,
Watching TV on a bed,
    Air-con instead of heat,

Meeting Antonia, Phillip and Sian,
    Friends some of us already know,

On this, our last evening
    In Utila, before we finally go.

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Rapidman
17. Mai 2008 von Matthias

“You know that they’re calling you Rapidman now?” fragt Mel aus England. Mel sieht ein wenig so aus wie Julia (die, die gerade geheiratet hat) und hält mich am Arm fest, als ich versuche, mir mit meinem Bier einen Weg durch das überfüllte Restaurant von El Retiro zu meinem Platz zu bahnen.

El Retiro, GuatemalaEs ist italienisches Buffet heute, alles vegetarisch bis auf eine Pizzavariante mit Thunfisch: Pizzen, Lasagne, Gnocchi, Spaghetti, Knoblauchbrot, Tomaten, Zwiebel, diverse Salate und Saucen, all you can eat. Anne aus Berlin hat nicht zu viel versprochen; ich habe lange nicht mehr so gut gegessen; und das nicht erst, seit ich auf Reisen bin. Viereinhalb Euro erscheint uns ein angemessener Preis für so viel Dekadenz.

“So tell me honestly”, sage ich, “is this the story of the guy who was stupid enough to get caught in the rapids, or is it more like a hero thing?”

“It’s a hero thing”, sagt sie, “about the guy who survived the rapids.”

* * *

Vom Fluss her trägt eine seltene Brise den Geruch nach Sumpf und verrottenden Pflanzen herüber, aber abgesehen davon, kommt El Retiro einem Paradies ziemlich nahe, wenn  wir weiße Sandstrände und Palmen nicht zwingend als notwendige Ingredienzien erachten. Wir schlafen in Hängematten unter einem breiten Dach aus Holz und Stroh, aber ohne Wände, also quasi im Freien, am Ende eines schmalen Weges. Das fruchtbare Flussufer besteht aus einem Hang, auf dem die vereinzelten Holzhütten und die eindrucksvolle Konstruktion des Restaurants, das auch als Bar fungiert, nicht wie Fremdkörper, sondern wie ein Teil der Landschaft wirken.

Heiß ist es allerdings tagsüber, die Art von Hitze, die einen beim kleinsten Spaziergang in Schweiß badet, die sogar Nichtstun als unzumutbare Anstrengung erscheinen lässt, und doch ist es in Flores und Tikal gerüchteweise noch einmal um gut zehn Grad heißer. Und feuchter, aber das wird uns selbstverständlich nicht abhalten.

Ich humple und schlurfe wie ein Achtzigjähriger durch das Gelände, die Stufen erklimme ich mit einer Geschwindigkeit, die selbst das genaueste Meßinstrumentaruium hartgesottener Experimentalphysiker nur unter großen Mühen von absolutem Stillstand unterscheiden könnte, aber ich bin zumindest nicht mehr high von Schmerzmitteln. “You were strange last night”, hat mir Chantal aus Holland bei ihrer Abfahrt gesagt, “please don’t take any more of those painkillers.”

Super waren sie aber schon.

* * *

Semuc Champey, paradiesisch - aber nicht ohne“I’m not sure if I should write about this in my blog, you know”, vertraue ich Sinead aus Irland an (die ich nach Oaxaca und Tulum hier zum dritten Mal treffe, wir Gringas und Gringos machen echt alle das Gleiche), “it’s kind of embarrassing. I seem to be the only tourist that this has ever happened to, and it will only worry my parents.”

“You have to write about this”, sagt sie, “what else do you keep this blog for? And it’s actually a cool story.”

* * *

El Retiro liegt 9 Kilometer vom Naturwunder Semuc Champey entfernt, wo wir für hundertfünfzig Quetzales eine wirklich witzige Tour machen (ich nehme alles zurück, was ich jemals über organisierte Touren gesagt habe). Sinead, ihre Freundin mit dem orthographisch unmöglichen Namen, der wie Shawn klingt, aber irgendwie mit einem i geschrieben wird, ein Israeli, ein Holländer, ein mexikanisches Pärchen und ich (Barbara hält das ganze für Teenager-Unfug und erforscht die natürlichen Becken am Fluss zusammen mit einer Schweizerin auf eigene Faust) springen von einer hohen Schaukel ins Wasser, schwimmen mit einer Kerze in der Hand eine Stunde durch eine Höhle, bis wir nur noch einen Stummel Wachs in den klammen Fingern halten, springen im Dunkeln in einen nachtschwarzen unterirdischen See, dorthim, wo unser Führer mit seiner Taschenlampe deutet, weil daneben Felsen unter der Wasseroberfläche auf Touristenfleisch lauern, steigen zu einem Aussichtspunkt weit über dem Fluss hinauf, baden in den türkisgrünen Becken, klettern einen Wasserfall an einer Strickleiter hinunter und springen schließlich zwölf Meter von einer Klippe ins Wasser.

Das heißt, die meisten von uns riskieren einen Blick und verzichten dankend. Zwölf Meter in ein ringsum von Felsen gesäumtes Becken sind wirklich, wirklich hoch. Von oben zumindest.

“Ist es gefährlich?” frage ich unseren Führer, der, wenn’s hoch hergeht, halb so alt ist wie ich, auf Spanisch.

“Nein”, antwortet er, “nicht, wenn du nicht auf die Felsen springst.”

“Springst du auch?”

“Nein”, sagt er, “einmal und nie wieder.”

 Also springe ich.

* * *

Semuc Champey 2Euphorisiert und adrenalinberauscht von meinem eigenen Mut und der Erfahrung, wie einfach es letztlich war, den inneren Schweinehund zu überwinden, schwimme ich ins offene Wasser in einem weiten Bogen zum Ufer hin. Was sich angesichts der Stromschnellen, die unmittelbar an das ruhige Becken anschließen, nur begrenzt als umsichtige und kluge Entscheidung bezeichnen lässt. Ein direkteres Ansteuern der Felsen wäre ratsamer gewesen, wie ich erkennen muss, als meine Fingerspitzen wie in einem schlechten Film vergeblich versuchen, an den glitschigen Steinen Halt zu finden und mich die Strömung in die Tiefe zieht.

Ich purzelbaume also die Stromschnellen hinunter und jeder Versuch, irgendeine Art von Einfluss auf Richtung und Geschwindigkeit zu nehmen, erscheint sofort und endgültig lächerlich. Alles, was ich tun kann, ist nach Luft zu schnappen, wenn ich einmal kurz an die Oberfläche komme und zu versuchen, mit meinen Armen meinen Kopf davor zu schützen, gegen die Felsen geschlagen zu werden. Wenn da ein weiterer Wasserfall kommt, dann war’s das, finde ich die Zeit, zu überlegen, dann kassiert mein Bruder meine Lebensversicherung. Unverständlicherweise vermag selbst dieser Gedanke nicht, mir Trost zu spenden.

Wieder einmal habe ich Glück, das Schicksal spült mich in ein ruhiges Becken, von wo aus ich blutend über steile Felsen die Uferböschung hinauf in Sicherheit klettern kann. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Annahme, ich sei eigentlich nicht wirklich geeignet für die Art von Reise, die ich da unternehme, nicht von der Hand zu weisen ist.

Aber wie soll ich erklären, dass ich eigentlich wirklich guter Dinge bin? Ich habe vor ein paar Jahren beschlossen, nicht zu sterben, und obwohl mir rational klar ist, dass das Blödsinn ist, ist das psychologisch ziemlich erfolgreich.

Ich weiß einfach, dass mir nichts passieren wird. Und das ist, glaube ich, nicht einmal die Arroganz der Jugend, mit der die meisten meiner Rucksackkollegen durch die Lande ziehen.

* * *

Wir bleiben also ein wenig länger, auch wenn Barbara sich etwas langweilt, bis ich mir eine mehrstündige Busfahrt wieder vorstellen kann, ohne mich mit Schmerztabletten vollzupumpen. Mit anderen Worten: bis morgen.

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Ya Talkin’ To Me?
11. Mai 2008 von Matthias

Globalisierung allerorten, vermeine ich die Gegner derselben aus der fernen Heimat rufen zu hören, die Welt in den Klauen der internationalen Konzerne und so weiter, mensch kennt das ja. Dass die gleichen Leute, sobald sie auf Reisen sind, gerne und dauernd die Netze der weltumspannenden Broadband-Carrier und die Dienste diverser gewaltiger Telekommunikationsgiganten in Anspruch nehmen, um per Skype für 2 Cent pro Minute in die Heimat zu telefonieren oder um endlose elektronische Postgeheimnisse in verschroben belegte Tastauren zu hacken (“Where’s the @-sign this time?”), ist dabei nur eines jener paradoxen Phänomene des Lebens, auf die einzugehen gar nicht mehr lohnt.

 So weit fortgeschritten, dass der österreichische Mobilfunkbetreiber One es geschafft hätte, einen Roamingvertrag mit irgendeinem der guatemaltekischen Schwesterunternehmen abzuschließen, ist die Globalisierung dann aber auch wieder nicht, was bedeutet, dass alle SMS der letzten zwei Wochen (und auf absehbare Zeit auch alle weiteren) mich nicht erreicht haben (bzw. werden). Anrufe sind ja bekanntlich sowieso sinnlos.

Und per Email bin ich seit dem verfrühten Ableben meines mobilen Rechenknechtes auch nur noch über die GMX-Adresse zu erreichen.

End of public service announcement.

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