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Befremden auf allen Seiten
14. April 2008 von Matthias

LeserInnen dieses kleinen Reisetagebuches verleihen in privater Korrespondenz ihrem Befremden Ausdruck oder zweifeln gar an der Tatsache, dass wirklich ich es bin, aus dessen Feder diese mexikanischen Impressionen fliessen.

Rainer droht gar damit, die Fortsetzung seiner Teilnahme am überschaubaren Lesezirkel einzustellen, wenn nicht ein Beweis für die wahre Identität des Autors erfolgt.

 Dies sei hiermit als geschehen zu betrachten.

Ein ausführlicherer Beitrag aus den verregneten Dschungeln um die Maya-Ruinen von Palenque folgt hoffentlich demnächst. Verkompliziert wird dieses noble Unterfangen durch die Beschränktheit der zur Verfügung stehenden Bandbreite, des sich daraus ableitenden Verbots von Skype, Youtube und aller sonstigen Audio- und Videostreams, die Nichtexistenz eines WLANs und die Fülle der berichtenswerten Ereignisse, aus denen euer Korrespondent nach reiflichem Abwägen eine Auswahl treffen wird müssen.

Und ausgerechnet jetzt brennt in Linz ein Domänencontroller durch und treibt meinen armen Ersatz in den Wahnsinn.

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Casa Verde
08. April 2008 von Matthias

One of Mexico’s most beautiful towns, San Cristobal de las Casas is stunningly located in the fertile Jovel valley, schreibt mein Reiseführer, with the mountains of Huitepec to the west and Tzontehuitz to the east. The city is a charming blend of colonial architecture and indigenous culture [...]

Mir macht der Regen etwas Sorgen; die Regenzeit sollte sich eigentlich noch ein Monat gedulden; vielleicht sind es auch die zwölf Stunden Busfahrt hierher, aber ganz warm geworden bin ich mit San Cristobal noch nicht. Vorschnelle Urteile sind aber oft trügerisch, und nach einmal kurz Herumwandern lässt sich noch nicht einmal ein vorschnelles Urteil fällen – und es gibt vorher sowieso noch etwas anderes zu erzählen.

* * *

Ursprünglich wollte ich das gar nicht erzählen (ich habe eh schon das Gefühl, zu viel zu bloggen und meinen kleinen Lesezirkel zu langweilen, nichts ist ja schließlich uninteressanter als die Urlaubserlebnisse Dritter), aber um manche Geschehnisse komme ich einfach nicht herum, wenn ich euch einen ungefähren Eindruck von dem geben will, was Mexiko bisher für mich bedeutet.

In Zip(p)olite (da gibt es offensichtlich beide Schreibweisen), hatte ich ja das Glück, auf Teo, den Bass spielenden Schlagzeuger zu treffen, dessen Namen ich hier an anderer Stelle fälschlich mit einem stummen h ausgestattet habe. Teo und seine Band Casa Verde, eine bunte Mischung aus MexikanerInnen, einem Brasilianer, einem Argentinier, einer Deutschen aus Düsseldorf und einer Polin aus Krakau, sind fahrende Musiker, immer mittellos, mit einem Lieferwagen samt Kind, Instrumenten und sonstigem Equipment quer durch Mexiko unterwegs, um für vergleichsweise lächerliches Entgelt aufzutreten, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Neben den Klassikern, die Touristen sich erwarten, schreiben und spielen sie auch eigene Lieder in Spanisch und brasilianischem Portugiesisch.

Sie schlafen in Hängematten in Hinterhöfen bei Freunden, oder wo immer es sonst einen Gratis-Schlafplatz gibt, und führen ganz allgemein ein Leben wie aus einem Zigeunermärchen; mit allen hellen und dunklen Seiten.

Teo und ich sprechen Englisch miteinander, ich mit meinem furchtbaren deutschen, er mit seinem charmanten spanischen Akzent. Am Morgen, wenn mich die Sonne gegen neun Uhr früh aus dem Zimmer in die blaugelbe Hängematte treibt, aber bevor ich an den Strand schlendere, um mich von diesen Strapazen zu erholen (Weltreisen ist anstrengend), kommt Teo zu mir, raucht und erzählt aus seinem Leben. Er ist ein talentierter Fabulierer und scheut sich nicht, zu Metaphern zu greifen, die selbst sentimentale Lyriker nur unter Zaudern mit ihren Federn in lauen Mondnächten zu Papier bringen würden, aber es funktioniert. Er hat das natürliche Charisma des Latinos, aber eine zurückhaltende Art; er spricht leise, aber bestimmt. Wir reden über Gott und die Welt, über das Leben in Mexiko und Österreich, über sein Dasein als fahrender Musiker und natürlich über Frauen.

Er erzählt von Elena (Helena? Wer weiß?), eine zwölfjährige Romanze, die bisher nie hat sein sollen, und es ist eine Mischung aus Gabriel Garcia Marquez’ „Liebe in den Zeiten der Cholera” und griechischer Tragödie, aber es ist vor allem seine Geschichte, und es steht mir nicht zu, davon zu erzählen.

Ich lerne die anderen Mitglieder der Band kennen, esse mit Pablo und seiner Freundin Ana ceviche aus Plastikbechern um zwanzig Pesos (die Frage, ob es klug ist, rohen Fisch zu essen, der stundenlang in Tupperwarebehältern in der prallen Sonne gelegen hat, beantwortet sich, als mein Magen ruhig bleibt; Zitronensaft und Chili offensichtlich gute Konservierungsmittel) und trinke Bier mit den anderen Musikern (wir steigen auf die 1,2-Liter Flaschen aus dem Supermarkt um, das spart Geld).

„You know what I like about you”, sagt Teo, „when you’re trying to make a point, you always smile.”

Ich?

Das überrascht mich – es muss mir gut gehen hier, denke ich.

Zur Begrüßung und zum Abschied vollführen wir komplexe Gesten, die ich erst lernen muss (Hand geben, Faust machen, die Faust des anderen berühren, umarmen).

Wir tauschen Emailadressen, versprechen, einander in Mexiko-City wieder zu treffen und gehen dann unserer Wege, ich nach Oaxaca, sie irgendwohin, wo der nächste Auftritt sie hintreibt.

* * *

Fast höre ich die Stimme nicht, der iPod und die neuen Kopfhörer schirmen mich ab, und als sie erneut ruft, bin ich zunächst geneigt, sie für einen weiteren lästigen Straßenhändler auf Oaxacas Hauptplatz zu halten und so zu tun, als hätte ich sie nicht bemerkt. Ein paar Schritte weiter fällt mir auf, dass es eigentlich interessant ist, dass ein Straßenhändler mich bei meinem Namen ruft und bleibe doch stehen.

Es ist Casa Verdes Sänger, der mich freudig begrüßt und zu einem Konzert von Roberto Aymes einlädt, einer Jazzlegende, der heute, Freitag, den 4. April, im Eisenbahnmuseum bei freiem Eintritt spielen wird. Alle werden da sein, und es gäbe auch kostenlosen Wein und Käse.

Als passionierter Jazz-Ignorant sage ich natürlich sofort mein Kommen zu; eine Stunde vor Beginn breche ich mit Anne aus Berlin, die ein sechsmonatiges Voluntariat in Honduras hinter sich hat und von dort aus durch Mittelamerika nach Mexiko autogestoppt ist, und Jo aus Korea, mit denen ich meinen Schlafsaal teile, zum Museo del Ferrocarril auf. Mit Jos Namen hat es eine eigene Bewandtnis, ihr Vorname sei zu kompliziert für die meisten Westler, also verwende sie ihren Nachnamen, aber nicht ihren eigenen, sondern den Mädchennamen ihrer Mutter, die sich von ihrem Vater getrennt habe. Egal. Jo kann ich mir merken.

Das Museum liegt an der Avenida Independencia im Westen Oaxacas, eine etwas verlorene Gegend, und noch bevor sich die beiden zu fragen beginnen, ob es wirklich und tatsächlich eine so kluge Idee war, mich in diese finsteren Gassen zu begleiten, erreichen wir nach einigem Nachfragen unser Ziel, ein eigenartiger Veranstaltungsort, wo alte Lokomotiven zum Sterben hingehen.

Wir sind die einzigen Nicht-Einheimischen, die kleine Halle ist heruntergekommen; hinter der Bühne sieht Jo eine Ratte vorbeilaufen.

Roberto AymesDas Konzert ist großartig, Roberto Aymes als musikalischer Leiter spielt Bass, Arturo Ramirez Klavier und Geige und Humberto Guerrero Schlagzeug. Es ist Latin-Jazz-Fusion, eine mitreißende Mischung aus Bossa Nova, Merengue, Calypso, Samba und Jazz – sogar eine Mozart-Sinfonie wird bearbeitet, wie das folgende mit meiner treuen Canon-Kompaktkamera aufgenommene Video zeigt (bitte deshalb keine Wunder an Bild- und Tonqualität zu erwarten):

Anne & JoJazz kann so cool sein (ich wusste das gar nicht) – der Bass murmelt, das Schlagzeug antwortet, alle haben das glückliche Grinsen von Menschen im Gesicht, die wirklich Spaß an dem haben, was sie tun. Gespielt werden Klassiker von „Sonny” Rollins, Duke Ellington, „Dizzy” Gillespie und Charlie Parker, aber auch von „El Jibarito” Rafael Hernandez, Edu Lobo und eben W. A. Mozart.

Teile der Band, Jo & AnneNach dem Konzert trinken wir mit Casa Verde Wein und essen Käse und Oliven, während sie auf mitgebrachten Trommeln musizieren und dazu singen. Die Veranstalter wollen eigentlich schon zusammenräumen, aber als die Mädchen zu tanzen beginnen, wird doch noch eine Kiste Wein angebrochen und wir dürfen noch eine Weile bleiben.

Wir bekommen eine Menge Wein

Jo & Klavier- und Geigenvirtuoso Arturo RamirezAuf dem Rückweg in die Stadt setzt die Band ihr Spiel fort. Fenstergitter, Abfalleimer und die Ladeflächen von Pickups als Trommeln missbrauchend, ziehen wir singend und tanzend durch die Straßen (wobei ich hier betonen muss, eine sehr lose Definition von „wir” zu benutzen; wer mich kennt, weiß dass es mit Singen bei mir nicht soweit her ist, aber sogar ich kann mich den Rhythmen nicht widersetzen und tanze mit den anderen). Es ist wie eine Szene aus West Side Story, so perfekt und spontan, wie es nur sein kann, und noch während es passiert, weiß ich, dass das der Stoff sind, aus dem die besten Erinnerungen gemacht sind. It’s a night like this.

Wir ziehen durch die mitternächtlichen Gassen

Wir ziehen durch die Gassen…

Erst als wir den Hauptplatz erreichen, fällt mir ein, dass ich ja noch die Kamera dabeihabe und ich filme die Band, wie sie irgendwann nach ein Uhr morgens mit minimaler instrumentaler Unterstützung einer Gruppe von Restaurantbesuchern ein Ständchen bringt.

(Am nächsten Tag, als wir uns die Videos auf meinem Laptop ansehen, sagt Jo „That’s so embarrassing, I was soo drunk”, aber sie erlaubt mir, Bilder und Video zu veröffentlichen: „I’ll put your picture on my blog, too, so don’t worry about it.”)

Wir legen zusammen für eine Flasche Mezcal, und als wir auf eine Mariachi-Band treffen, bilden wir einen Kreis und alle zusammen spielen für ein paar Minuten – nur für einander, denn bis auf ein paar verblüffte Passanten ist mittlerweile niemand mehr unterwegs.

* * *

Am nächsten Abend ist BBQ-Party in unserem Hostal (ich trage mich ein, ohne daran zu denken, dass das als Vegetarier einen gewissen Masochismus erfordert), aber kurz vor zehn brechen wir drei wieder auf, das Casa Verde im Club Lula auf der Hidalgo-Straße ein Konzert spielen werden.

Die Band in Concert

Und nochmal Casa Verde

Anne und ich gehen nochmals zurück, um unsere Mitbackpacker zu motivieren und verpassen dadurch den Anfang und mein Lieblingslied, das mich am Strand schon immer so begeistert hat – als ich Ana aus der Band in der Pause diesbezüglich mein Leid klage, sagt sie, ich solle mir keine Sorgen machen. Und als letzte Zugabe kündigen sie dann tatsächlich an, eben dieses Lied nochmals für ihren Freund Matthias zu spielen.

GruppenbildUnd ich fühle mich wirklich glücklich. „Eine coole Band”, stellt Anne fest, „wirklich cool.” Und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Wir bleiben bis etwa drei Uhr, trinken Bier, machen Fotos, tauschen noch einmal Emailadressen und versprechen einander, in Kontakt zu bleiben.

* * *

Hier ist die MySpace-Seite der Band – und hier sind zwei Hörproben aus ihrer CD, die sie allerdings aufgenommen haben, bevor der Trompeter dabei war…

Hörprobe 1
Hörprobe 2

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Arbor del Tule
03. April 2008 von Matthias

Wir brauchen ein bisschen mehr Landeskunde hier. Kopfhörer, Biersorten, Backpackergeplänkel, alles gut und schön, aber wo bleibt da Mexiko selbst? Sollte dieser Blog nicht ein Loblied auf die mexikanischen Berge, Hochebenen, Strände, Dschungel und Kakteenlandschaften sein, auf die lauten Märkte, die farbenprächtigen Gewandungen, auf Tequila und Mezcal, auf Kathedralen und Kloster, auf die Gegensätze zwischen Stadtleben und den Indios auf dem Land, auf so typische Gerichte wie Tortillas, Tacos, Mole, diversestete pollos, und nicht zuletzt auf Chilli, Pfeffer und Knoblauch?

Nein.

Dafür gibt es Reiseführer und Bildbände, Reiseberichte und einschlägige Romane. Aber ein bisschen Lokalkolorit kann nicht schaden

Mit Dingen wie “der größte, längste, älteste, schönste” was-auch-immer darf man bzw. frau es nicht so genau nehmen. In Albanien zum Beispiel, in Korca, steht ein kleines Kirchlein, das als älteste Kirche des Balknas bezeichnet wird. Dabei ist es unwesentlich, dass unweit davon, in Voskopoja nämlich, Kirchen stehen, deren Baujahr noch weiter in der Vergangenheit liegt, Fakten sind einer guten Legende und einer Touristenattraktion bekanntlich noch nie im Weg gestanden.

Alt, älter, am ältestenIn El Tule, zwölf Kilometer östlich on Oaxaca, steht der älteste Baum der Welt. Der Stamm mißt 42m Umfang, seine Höhe beträgt ebenfalls über vierzig Meter. sein Alter wird auf über 2000 Jahre geschätzt. Um den Baum herum ist ein kleiner Zaun errichtet, vermutlich um Liebespaare davon abzuhalten, ihre Namen und Herzen in den Stamm zu schnitzen.Was zwei Jahrtausende überdauert hat, kann ja nuir ein gutes Omen für eine Beziehung sein…

[Edit: Megan aus Australien behauptet, es sei nicht der älteste Baum der Welt, sondern der mit dem größten Stammdurchmesser. Same difference.]

Kurioses Faktum aus dem Reiseführer: in Huatulco am Meer gibt es ein Restaurant mit dem wohlklingenden italienischen Namen Il Giardio del Papa, dessen italienischer Küchenchef einmal der Koch des Papstes war.

Interessant wäre, warum der sich nach Mexiko absetzen hat müssen.

“Hören Sie, Signore, Arsen? Das ist ja richtig old-school.”

“Man hat ja schließlich Prinzipien, Euer Eminenz. Nichts anderes wäre für den Heiligen Vater respektvoll genug. Wenn schon Attentat, dann mit Stil.”

“Sie gefallen mir, Signore. Ich schlage Ihnen was vor: Sie verschwinden aus Rom und versprechen, nie wieder zurück zu kehren und ich regle das mit der Polizei. Wer weiß, vielleicht kann ich Ihnen sogar ein kleines Restaurant am Starnd zuschanzen. In irgendeinem Land weit weg. Argentinien. Oder Mexiko.”

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