„Can I cut your hair?“ fragt Ling-An.
„No, of course not.“ Ich bin etwas verblüfft.
Das ist vor ein paar Tagen, wir sitzen auf dem Zócalo in Oaxaca, die Kathedrale zu unserer Linken und trinken Bier (Bohemia, für die, die so was interessiert). Es ist Abend und alle fünfzehn Minuten kommt jemand an unseren Tisch, um uns Schals, billigen Schmuck, Zigaretten oder ähnlichen Tand anzubieten, oder, mit einer Gitarre in der Hand, um uns ein Ständchen zu bringen. Bei den kleinen Kindern, die ihre Waren wenig hoffnungsvoll und von einem langen Tag abgekämpft an den Mann bzw. die Frau zu bringen versuchen, krampft sich etwas in mir zusammen. Das Ignorieren des Rests fällt deutlich leichter.
„It is rather unruly“; räume ich schließlich ein und steure damit die Untertreibung der Woche zur Unterhaltung bei.
Sie lacht. „I like it, though. It makes you look kinda badass.”
* * *
Die rote Flagge am Ufer bedeutet möglicherweise etwas. Eine Warnung. Die Strömung zerrt und reißt an mir, gräbt mir den Sand unter den Füßen weg und lässt mich straucheln. Das Wasser, eben noch von der Tiefe eines Kleinkinderbeckens, geht mir mit einem Mal bis zur Brust. Ich rudere mit den Armen und muss unwillkürlich lachen – ich muss um meinen Halt kämpfen, um nicht mitgerissen zu werden, kaum zehn Meter vom Strand entfernt. Wird schon was dran sein an den diversen Warnungen vor der Unberechenbarkeit des Pazifiks. Auch geübte Schwimmer würden die Kraft der Unterströmungen unterschätzen, und ich mag ja eine ganze Menge sein, aber ein geübter Schwimmer bin ich nicht.
Das Meer ist laut, es donnert und kracht, tost und wütet hinter mir als wäre es verärgert, obwohl die Sonne herunterbrennt und sich, wie es so schön heißt, kein Lüftchen regt. Der von der nächsten Welle voraus gesandte Sog nach draußen zerrt mich ein paar Schritte weiter hinaus, gleichzeitig gibt das Meer meinen Oberkörper wieder frei. Das ist großartig, sage ich mir, an Schwimmen ist zwar nicht zu denken, aber Spaß macht es trotzdem. Mein Blick gleitet unwillkürlich zurück zur roten Fahne, die lasch und, offen gesagt, wenig eindrucksvoll herunterhängt und mir wird ein weiteres Detail meiner Umgebung bewusst, das ich schon die ganze Zeit über registriert, aber offensichtlich nicht der Beachtung wert gefunden habe: jemand pfeift wie verrückt auf einer Trillerpfeife.
In dem Augenblick, bevor die Welle sich über mir bricht, herrscht absolutes Gleichgewicht, das Wasser ist so ruhig wie in einem See, und ich kann so sicher stehen, als befände ich mich irgendwo an einem Hausmeisterstrand am Mittelmeer. Dann trifft es mich wie ein nasses Paddel auf Schulterblätter und Hinterkopf und wirft mich nach vor, der Grund entwindet sich meinen Füßen. Ich tauche prustend wieder auf, aber ehe ich erneut Halt finden kann, zieht mich die Strömung ein paar weitere Meter aufs offene Meer hinaus. Hier ist es so tief, dass ich gerade noch stehen kann, wenn das Wellental seinen tiefsten Punkt erreicht – auch wenn Stehen nicht ganz der richtige Ausdruck ist, denn der Boden ist trügerisch, er eilt unter meinen Schritten davon, als hätte er draußen etwas Dringendes zu erledigen.
Das ist der Augenblick, in dem ich beginne, mir Sorgen zu machen. Es ist eigentlich absurd: ich bin so nah am Ufer, dass ein paar kräftige Schwimmstöße ausreichen müssten, um mich in Sicherheit zu bringen, aber es gelingt mir nicht einmal, auf der Stelle zu treten. Ich verliere mit jedem Schritt kostbare Meter. Das Trillern, das ich die letzten Minuten so beharrlich ignoriert habe, stellt sich als durchaus Baywatch-tauglicher Muskelprotz heraus, der auf seinem gelben Türmchen auf dem nahezu menschenleeren Strand stehend mir mit hektischen Bewegungen bedeutet, zurückzukehren und diese Kindereien bleiben zu lassen.
Gerne würde ich seinem Wunsch entsprechen, aber ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob mir das gelingen wird. Ich hoffe auf die nächste Welle; den Schwung ausnutzen und in den ein, zwei Sekunden nachher, bevor der Sog einsetzt, wertvollen Boden gutmachen. Ein guter Plan, der Ozean jedoch hat anscheinend anderes vor. Die nächste Welle ist eine flaue Angelegenheit, die Ruhe vor dem Sturm vielleicht. Mir wird bewusst, dass es aus ist, sobald meine Füße endgültig den Grund verlieren – ich muss mich dann auf Mr. Baywatch verlassen, obwohl es im Moment nicht so aussieht, als sei er gewillt, seinen angestammten Platz zu verlassen, um mir zur Hilfe zu eilen.
Niemand ist so weit draußen wie ich, zwei, drei vereinzelte Seelen plantschen in Ufernähe herum.
Nichts dramatisieren, sage ich mir. Was ich spüre, ist keine Panik (alles passiert viel zu schnell), eher ein unbeteiligtes Interesse, wie die Sache wohl ausgehen wird. Meine Zehen kratzen hilflos über den Grund. Am Ufer steht ein Hund und sieht sorgenvoll zu mir herüber. Er bellt einen Abschiedsgruß.
* * *
Natürlich erreiche ich das Ufer wieder, völlig außer Atem. Baywatch schenkt mir seinen finstersten Saublödes-Touristenpack-Blick und macht sich wieder daran, sich nach hübschen Frauen umzusehen oder womit auch immer er sich sonst die Zeit vertreibt.
Dem Pazifik begegne ich den Rest des Tages mit etwas mehr Respekt.
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Ling-An schreibt eine von vielen denkbaren phonetischen Transkriptionen meines Namens in chinesischen Schriftzeichen auf einen Zettel. Ich notiere mir die Bedeutung der einzelnen Worte: Pferd, etwas hochheben (oder erinnern), Asien und ein nicht mehr als einzelnes Wort verwendeter Artikel.
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Zippolite liegt sechs Stunden von Oaxaca eine gewundene Bergstraße durch verblüffend grüne Wälder hinunter an der Pazifikküste in der Nähe von Puerto Angel. Wir sind bereits erstaunlich weit im Süden von Mexiko. Hier ist nicht Puerto Escondido oder gar Cancun, der Strand hier ist low-budget – die Unterkünfte eher einfach und aus Holz. Der Ort selbst besteht aus nur einer Straße, wo sich der berühmte „chicken place“ (Hühnchen mit Reis für unter zwei Euro, das Bier für siebzig Cent), ein kleiner Supermarkt und ein Internet-Cafe zusammendrängen.
Unser Zimmer, eine luftdurchlässige Holzkonstruktion, erkenne ich an der gelbblauen Hängematte davor, Luke aus Seattle nebenan hat ein grüne. Es gelte, Wasser zu sparen, ermahnen uns einschlägige Botschaften auf handschriftlichen Schildern, wir möchten deswegen auf das Waschen unserer Kleidung per Hand und was der Wasserverschwendung mehr sei, verzichten.
Bis zum Meer sind es ein paar Schritte, davor noch die schattige Terrasse, wo wir abends zusammensitzen und wo lokale Musiker auftreten und weniger fürs Publikum als mehr für sich selbst zu spielen scheinen. Wer ein Instrument hat, geht irgendwann auf die Bühne und sucht sich einen Part, wer keines hat, aber glaubt, eines spielen zu können, borgt sich eines aus. Die Stücke mäandern, ufern aus, jeder stellt sein Können unter Beweis. Besonders die Kinder aus dem Dorf singen begeistert jeden Refrain mit, egal ob sie den Text kennen oder nicht.
Ich sehe den Mexikanerinnen beim Tanzen zu. Luke und Ling-An versuchen, etwas zu Rauchen aufzutreiben und werden schließlich bei Theo fündig, einem Schlagzeuger, der heute Abend Bass spielt.
In den Pausen könnte ich fast glauben, sie hätten meinen iPod gestohlen, so viele CDs von Bob Dylan, Leonard Cohen und anderen Singer / Songwriter-Größen werden gespielt, da hat offensichtlich jemand einen ähnlichen Geschmack wie ich.
Es sind nur wenige Touristen da. Das ist einer der Orte, wo man das Weiterfahren ein- ums andere Mal verschiebt. Je weiter nach Westen wir den nächtlichen Strand hinuntergehen, desto einfacher werden die Hütten. Offene Feuer und Öllampen verbreiten im Zusammenspiel mit dem Tosen des Meeres eine eigenartige Piratenatmosphäre, aus jeder zweiten Hütte dringt Reggae und der Geruch nach Dope.
Wir hängen unsere selbstgewaschenen T-Shirts und Socken, rebellisch wie wir nun einmal sind, zum Trocknen auf. Tagsüber lese ich viel (Quarantine von Jim Crace), oder laufe am Meer entlang. “You’re missing out on the chicken place“, sagt Ling-An, die ihr Vergetarier-Dasein bereits vor Jahren in Indien aufgegeben hat. „It’s great.“ Ich zweifle nicht daran.
Luke ist jünger als wir und arbeitet bei einer PR-Firma für Microsoft. Wir plaudern über Windows Vista, über das neue Office und dass sie ihre Arbeit offensichtlich nicht so großartig machen, wenn man sich den nicht gerade großartigen Ruf des Softwareriesen vor Augen hält. Luke stimmt mir zu, der Job sei ohnehin Scheiße, aber von irgendetwas müsse man ja schließlich leben. Auch hier fällt es mir nicht ein, zu widersprechen.
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Ling-An möchte ihren Trip verlängern, und dafür sogar ihren Job aufs Spiel setzen.
„Would you like that?“ fragt sie mich.
Ich erkläre, es stünde mir nicht zu, mir ein Urteil darüber zu erlauben. „This is something you have to decide for yourself.“
„Wow. That’s, like, jerk-talk”, sagt sie.
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Ich sollte wirklich etwas für die Arbeit erledigen (und ich habe ein ungetestetes PHP-Skript hier herumliegen), aber in diesem Internet-Cafe lassen sie mich meinen Laptop nicht an ein Netzwerkkabel hängen. Ich ertränke mein schlechtes Gewissen in Bier.
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Wir hätten ein unterschiedliches Reisetempo, erkläre ich Ling-An. Ich wolle nicht in zwei Wochen durch Mexiko hetzen und so viel wie möglich sehen. Ich wüsste noch nicht einmal, ob ich nicht doch nach Norden in die Stadt mit dem Hundenamen… und, wenn sie mich schon frage, ich wisse ja nicht, wie leicht es in Chicago sei, einen neuen Job zu finden, aber sie solle sich nicht von Meer, Strand, Bier und Sonne täuschen lassen.
„Life ain’t nothing but a cold, hard ride“, gebe ich eine Plattitüde meines Lieblingssängers zum Besten.
„You really want to stay here? We could head to San Cristobal, maybe spend a few days there before I have to go back.”
“I don’t think so.”
“You’re an asshole.”
Ich bekomme trotzdem einen Abschiedskuss.
