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From badass to asshole
28. März 2008 von Matthias

„Can I cut your hair?“ fragt Ling-An.

„No, of course not.“ Ich bin etwas verblüfft.

Das ist vor ein paar Tagen, wir sitzen auf dem Zócalo in Oaxaca, die Kathedrale zu unserer Linken und trinken Bier (Bohemia, für die, die so was interessiert). Es ist Abend und alle fünfzehn Minuten kommt jemand an unseren Tisch, um uns Schals, billigen Schmuck, Zigaretten oder ähnlichen Tand anzubieten, oder, mit einer Gitarre in der Hand, um uns ein Ständchen zu bringen. Bei den kleinen Kindern, die ihre Waren wenig hoffnungsvoll und von einem langen Tag abgekämpft an den Mann bzw. die Frau zu bringen versuchen, krampft sich etwas in mir zusammen. Das Ignorieren des Rests fällt deutlich leichter.

„It is rather unruly“; räume ich schließlich ein und steure damit die Untertreibung der Woche zur Unterhaltung bei.

Sie lacht. „I like it, though. It makes you look kinda badass.”

* * *

Die rote Flagge am Ufer bedeutet möglicherweise etwas. Eine Warnung. Die Strömung zerrt und reißt an mir, gräbt mir den Sand unter den Füßen weg und lässt mich straucheln. Das Wasser, eben noch von der Tiefe eines Kleinkinderbeckens, geht mir mit einem Mal bis zur Brust. Ich rudere mit den Armen und muss unwillkürlich lachen – ich muss um meinen Halt kämpfen, um nicht mitgerissen zu werden, kaum zehn Meter vom Strand entfernt. Wird schon was dran sein an den diversen Warnungen vor der Unberechenbarkeit des Pazifiks. Auch geübte Schwimmer würden die Kraft der Unterströmungen unterschätzen, und ich mag ja eine ganze Menge sein, aber ein geübter Schwimmer bin ich nicht.

Das Meer ist laut, es donnert und kracht, tost und wütet hinter mir als wäre es verärgert, obwohl die Sonne herunterbrennt und sich, wie es so schön heißt, kein Lüftchen regt. Der von der nächsten Welle voraus gesandte Sog nach draußen zerrt mich ein paar Schritte weiter hinaus, gleichzeitig gibt das Meer meinen Oberkörper wieder frei. Das ist großartig, sage ich mir, an Schwimmen ist zwar nicht zu denken, aber Spaß macht es trotzdem. Mein Blick gleitet unwillkürlich zurück zur roten Fahne, die lasch und, offen gesagt, wenig eindrucksvoll herunterhängt und mir wird ein weiteres Detail meiner Umgebung bewusst, das ich schon die ganze Zeit über registriert, aber offensichtlich nicht der Beachtung wert gefunden habe: jemand pfeift wie verrückt auf einer Trillerpfeife.

In dem Augenblick, bevor die Welle sich über mir bricht, herrscht absolutes Gleichgewicht, das Wasser ist so ruhig wie in einem See, und ich kann so sicher stehen, als befände ich mich irgendwo an einem Hausmeisterstrand am Mittelmeer. Dann trifft es mich wie ein nasses Paddel auf Schulterblätter und Hinterkopf und wirft mich nach vor, der Grund entwindet sich meinen Füßen. Ich tauche prustend wieder auf, aber ehe ich erneut Halt finden kann, zieht mich die Strömung ein paar weitere Meter aufs offene Meer hinaus. Hier ist es so tief, dass ich gerade noch stehen kann, wenn das Wellental seinen tiefsten Punkt erreicht – auch wenn Stehen nicht ganz der richtige Ausdruck ist, denn der Boden ist trügerisch, er eilt unter meinen Schritten davon, als hätte er draußen etwas Dringendes zu erledigen.

Das ist der Augenblick, in dem ich beginne, mir Sorgen zu machen. Es ist eigentlich absurd: ich bin so nah am Ufer, dass ein paar kräftige Schwimmstöße ausreichen müssten, um mich in Sicherheit zu bringen, aber es gelingt mir nicht einmal, auf der Stelle zu treten. Ich verliere mit jedem Schritt kostbare Meter. Das Trillern, das ich die letzten Minuten so beharrlich ignoriert habe, stellt sich als durchaus Baywatch-tauglicher Muskelprotz heraus, der auf seinem gelben Türmchen auf dem nahezu menschenleeren Strand stehend mir mit hektischen Bewegungen bedeutet, zurückzukehren und diese Kindereien bleiben zu lassen.

Gerne würde ich seinem Wunsch entsprechen, aber ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob mir das gelingen wird. Ich hoffe auf die nächste Welle; den Schwung ausnutzen und in den ein, zwei Sekunden nachher, bevor der Sog einsetzt, wertvollen Boden gutmachen. Ein guter Plan, der Ozean jedoch hat anscheinend anderes vor. Die nächste Welle ist eine flaue Angelegenheit, die Ruhe vor dem Sturm vielleicht. Mir wird bewusst, dass es aus ist, sobald meine Füße endgültig den Grund verlieren – ich muss mich dann auf Mr. Baywatch verlassen, obwohl es im Moment nicht so aussieht, als sei er gewillt, seinen angestammten Platz zu verlassen, um mir zur Hilfe zu eilen.

Niemand ist so weit draußen wie ich, zwei, drei vereinzelte Seelen plantschen in Ufernähe herum.

Nichts dramatisieren, sage ich mir. Was ich spüre, ist keine Panik (alles passiert viel zu schnell), eher ein unbeteiligtes Interesse, wie die Sache wohl ausgehen wird. Meine Zehen kratzen hilflos über den Grund. Am Ufer steht ein Hund und sieht sorgenvoll zu mir herüber. Er bellt einen Abschiedsgruß.

* * *

Natürlich erreiche ich das Ufer wieder, völlig außer Atem. Baywatch schenkt mir seinen finstersten Saublödes-Touristenpack-Blick und macht sich wieder daran, sich nach hübschen Frauen umzusehen oder womit auch immer er sich sonst die Zeit vertreibt.
Dem Pazifik begegne ich den Rest des Tages mit etwas mehr Respekt.

* * *

Mein NameLing-An schreibt eine von vielen denkbaren phonetischen Transkriptionen meines Namens in chinesischen Schriftzeichen auf einen Zettel. Ich notiere mir die Bedeutung der einzelnen Worte: Pferd, etwas hochheben (oder erinnern), Asien und ein nicht mehr als einzelnes Wort verwendeter Artikel.

* * *

ZippoliteZippolite liegt sechs Stunden von Oaxaca eine gewundene Bergstraße durch verblüffend grüne Wälder hinunter an der Pazifikküste in der Nähe von Puerto Angel. Wir sind bereits erstaunlich weit im Süden von Mexiko. Hier ist nicht Puerto Escondido oder gar Cancun, der Strand hier ist low-budget – die Unterkünfte eher einfach und aus Holz. Der Ort selbst besteht aus nur einer Straße, wo sich der berühmte „chicken place“ (Hühnchen mit Reis für unter zwei Euro, das Bier für siebzig Cent), ein kleiner Supermarkt und ein Internet-Cafe zusammendrängen.

Unser Zimmer, eine luftdurchlässige Holzkonstruktion, erkenne ich an der gelbblauen Hängematte davor, Luke aus Seattle nebenan hat ein grüne. Es gelte, Wasser zu sparen, ermahnen uns einschlägige Botschaften auf handschriftlichen Schildern, wir möchten deswegen auf das Waschen unserer Kleidung per Hand und was der Wasserverschwendung mehr sei, verzichten.

Bis zum Meer sind es ein paar Schritte, davor noch die schattige Terrasse, wo wir abends zusammensitzen und wo lokale Musiker auftreten und weniger fürs Publikum als mehr für sich selbst zu spielen scheinen. Wer ein Instrument hat, geht irgendwann auf die Bühne und sucht sich einen Part, wer keines hat, aber glaubt, eines spielen zu können, borgt sich eines aus. Die Stücke mäandern, ufern aus, jeder stellt sein Können unter Beweis. Besonders die Kinder aus dem Dorf singen begeistert jeden Refrain mit, egal ob sie den Text kennen oder nicht.

Ich sehe den Mexikanerinnen beim Tanzen zu. Luke und Ling-An versuchen, etwas zu Rauchen aufzutreiben und werden schließlich bei Theo fündig, einem Schlagzeuger, der heute Abend Bass spielt.

In den Pausen könnte ich fast glauben, sie hätten meinen iPod gestohlen, so viele CDs von Bob Dylan, Leonard Cohen und anderen Singer / Songwriter-Größen werden gespielt, da hat offensichtlich jemand einen ähnlichen Geschmack wie ich.

Es sind nur wenige Touristen da. Das ist einer der Orte, wo man das Weiterfahren ein- ums andere Mal verschiebt. Je weiter nach Westen wir den nächtlichen Strand hinuntergehen, desto einfacher werden die Hütten. Offene Feuer und Öllampen verbreiten im Zusammenspiel mit dem Tosen des Meeres eine eigenartige Piratenatmosphäre, aus jeder zweiten Hütte dringt Reggae und der Geruch nach Dope.

Wir hängen unsere selbstgewaschenen T-Shirts und Socken, rebellisch wie wir nun einmal sind, zum Trocknen auf. Tagsüber lese ich viel (Quarantine von Jim Crace), oder laufe am Meer entlang. “You’re missing out on the chicken place“, sagt Ling-An, die ihr Vergetarier-Dasein bereits vor Jahren in Indien aufgegeben hat. „It’s great.“ Ich zweifle nicht daran.

Luke ist jünger als wir und arbeitet bei einer PR-Firma für Microsoft. Wir plaudern über Windows Vista, über das neue Office und dass sie ihre Arbeit offensichtlich nicht so großartig machen, wenn man sich den nicht gerade großartigen Ruf des Softwareriesen vor Augen hält. Luke stimmt mir zu, der Job sei ohnehin Scheiße, aber von irgendetwas müsse man ja schließlich leben. Auch hier fällt es mir nicht ein, zu widersprechen.

* * *

Ling-An möchte ihren Trip verlängern, und dafür sogar ihren Job aufs Spiel setzen.

„Would you like that?“ fragt sie mich.

Ich erkläre, es stünde mir nicht zu, mir ein Urteil darüber zu erlauben. „This is something you have to decide for yourself.“

„Wow. That’s, like, jerk-talk”, sagt sie.

* * *

Ich sollte wirklich etwas für die Arbeit erledigen (und ich habe ein ungetestetes PHP-Skript hier herumliegen), aber in diesem Internet-Cafe lassen sie mich meinen Laptop nicht an ein Netzwerkkabel hängen. Ich ertränke mein schlechtes Gewissen in Bier.

* * *

Wir hätten ein unterschiedliches Reisetempo, erkläre ich Ling-An. Ich wolle nicht in zwei Wochen durch Mexiko hetzen und so viel wie möglich sehen. Ich wüsste noch nicht einmal, ob ich nicht doch nach Norden in die Stadt mit dem Hundenamen… und, wenn sie mich schon frage, ich wisse ja nicht, wie leicht es in Chicago sei, einen neuen Job zu finden, aber sie solle sich nicht von Meer, Strand, Bier und Sonne täuschen lassen.

„Life ain’t nothing but a cold, hard ride“, gebe ich eine Plattitüde meines Lieblingssängers zum Besten.

„You really want to stay here? We could head to San Cristobal, maybe spend a few days there before I have to go back.”

“I don’t think so.”

“You’re an asshole.”

Ich bekomme trotzdem einen Abschiedskuss.

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In eigener Sache
24. März 2008 von Matthias

Leser dieser Zeilen (und in diesem Fall ist die nicht geschlechtsneutrale Form des Plurals gerechtfertigt) haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass ein Kommentieren meiner Notizen nicht erfolgen kann. Das ist korrekt, wenn auch nicht beabsichtigt. Ich werde das umgehend beheben.

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Entscheidungen
24. März 2008 von Matthias

kathedraleWir sitzen um einen billigen Metalltisch, trinken Bier (Victoria, weil für Corona sind wir zu cool, wir sind ja schließlich nicht auf einem amerikanischen Spring Break Event) und gehen der von der Zeit geheiligten Backpacker-Tradition des Geschichtenerzählens nach; wo wir schon überall waren, was wir erlebt haben, wie lange wir unterwegs sein wollen, wo es wirklich gute Tacos zu billigen Preisen gibt und was ähnlicher Nebensächlichkeiten mehr sind, die das Rucksacktouristen-Eis brechen und aus eben noch Fremden wenn schon nicht Freunde, so doch zumindest Gefährten mit Ablaufdatum machen.

Der Blick von der Dachterrasse auf die historische Altstadt von Mexiko City mit ihren spanischen Kolonialbauten, den weitläufigen baumbestandenen Plätzen und der gewaltigen Kathedrale will nicht so recht in das von Amores Perros und anderen Filmen geformte Bild dieser größten Stadt der Welt passen. Drogengangs, Hundekämpfe und Elend werden von uns erfolgreich ferngehalten, so als gehörten sie zu einer anderen Realität, deren Zugang uns verwehrt ist.

Trotzky-Haus und MuseumWie üblich gibt es auch hier so eine Art etabliertes Standardprogramm, eine urbane Metastase des allgegenwärtigen Gringo-Trails, Orte also, an denen keiner vorbeikommt bzw. die es zu sehen gilt, damit Mexiko City abgehakt werden und die nächste Etappe der Reise in Angriff genommen werden kann. Als da wären, das Haus von Frida Kahlo, das casa azul (und für die einschlägig Interessierten wie den Verfasser dieser Depesche das in unmittelbarer Nähe befindliche seinerzeitige Domizil von Leon Trotzky), das Anthropologie-Museum (ein Museum von Weltrang, dessen kavernenartige Architektur und exhaustive Einführung in diverse mexikanische Kulturen schon so manchen Reisenden ungeahnte Reserven an Ausdauer und Aufnahmefähigkeit abverlangt hat), die Kathedrale und der Präsidentenpalast sowie die im Norden gelegenen Ruinen der Sonnen- und Mondpyramide von Teotihuacan.

pyramide1Am Tisch sitzt ein Paar aus Oxford, denen keiner von uns, was die schiere Quantität an besuchten Ländern angeht, auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Die beiden haben seinerzeit (aus all den nonchalant hingeworfenen Jahreszahlen und Ländernamen so etwas wie eine kohärente Chronologie herauszudestillieren ist eine Aufgabe, welche die intellektuellen Fähigkeiten eures Korrespondenten in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde und der täuschend geringen Füllmenge der 0,33er Bierflaschen („vier noch, bitte”) übersteigt) den Darien-Gap von Kolumbien nach Panama per Boot bezwungen und sind dabei in der Nähe eines Eingeborenendorfes mitten im Dschungel mit Motorschaden hängengeblieben. Die Indios, deren Kontakt mit Weißen sich angesichts der Tatsache, dass die Dorfkinder beim Anblick der Neuankömmlinge schreiend das Weite gesucht hätten, sich in überschaubaren Grenzen gehalten haben dürfte, wären so freundlich gewesen, die Reisenden bei sich aufzunehmen, bis Hilfe eingetroffen wäre, was immerhin fünf Tage gedauert habe.

Pyramide 2Nachdem die erste Unruhe bezwungen gewesen sei, ob dies unter Umständen nicht nur das Ende des Trips, sondern vielleicht ein etwas endgültigeres Ende bedeute, wäre es letztlich immerhin jene Art von Erfahrung gewesen, welche später als Anekdote bei Dinnerpartys durchaus nicht untauglich sei und, so wir, die übrigen am Tisch Sitzenden, diesbezüglich unser Interesse bekunden würden, wären die beiden gern bereit, uns nähere Einzelheiten auseinanderzusetzen. Es versteht sich von selbst, dass wir dieses Angebot durch zustimmendes Murmeln in die Hälse unserer Flaschen einer gelungenen Fortsetzung des Abends als nicht abträglich erachten. Im Laufe der Unterhaltung gelingt es mir, durch die bescheidene Erwähnung, bereits im brasilianischen Regenwald bei Indios gewohnt zu haben, ein gewisses Maß an Weltgewandtheit unter Beweis zu stellen und mir etwas street credibility zu erwerben.

Pyramide 2Ein weiterer Beweggrund dieses wechselseitigen Erfahrungsaustausches ist jedoch zumindest für jene unter uns, die noch am Anfang ihrer Reise stehen, einen ungefähren Eindruck davon zu bekommen, aus welchem Fundus an Möglichkeiten wir für die kommenden Wochen wählen können. Als Inbegriff der Entscheidungsfreude schwanke ich seit der Erstlektüre des Reiseführers in Los Angeles zwischen einer Expedition in den Nordwesten nach Los Mochis, um von dort aus jene sagenumwobene, weltspektakuläre Eisenbahnstrecke in die Stadt mit dem Hundenamen Chihuahua zu erleben, oder alternativ gleich nach Oaxaca zu gehen, von wo aus sich ein Strandaufenthalt an der Pazifikküste anbieten würde.

Meine Weltreise mit einem entspannenden Badeurlaub einzuläuten und mich den Strapazen der mittelamerikanischen Äquatorialgrade ausreichend ausgeruht und gebräunt stellen zu können erscheint mir seit längerem als der unklügsten Ideen nicht eine – und Ling-An aus Chigaco, mit der ich einen Tag durch die von Ostern feiernden Menschen überfüllten Straßen und Parks gestreift bin, würde meiner fortgesetzten Gegenwart scheinbar auch positive Seiten abgewinnen.

Siri aus Dänemark, die mich zur Abwechslung einmal aufgrund meines Akzents für einen Israeli gehalten hat, was bei dem Rastahaar tragenden Israeli in der Runde, dessen Namen mir nicht mehr gewärtig ist und den wir deshalb einfach David nennen wollen, auf völliges Unverständnis stößt – Siri also, die selbst seit November durch Mexiko streunt, und der die Blicke (und die… nun, sagen wir mal, Herzen) aller anwesenden Männer zufliegen, bezweifelt zwar die Existenz einer Passagierstrecke im mexikanischen Eisenbahnnetz, möchte meinen diesbezüglichen Enthusiasmus allerdings nicht dämpfen und rät mir, wenn ich schon mal in der Gegend sei, die zentralmexikanische Wüste aufzusuchen, wo sich mir völlig neue spirituelle Horizonte erschließen würden. Und der Sternenhimmel sei auch nicht von schlechten Eltern.

Die Zugstrecke von Los Mochis nach Chihuahua führt durch den sogenannten Copper Canyon (der, so vermutet die einschlägig gebildete Leserschaft, in Wahrheit natürlich einen nicht reiseführerkompatiblen spanischen Namen trägt), dessen natürliche Schönheit selbst bei abgebrühten Globetrottern zum Verguss so mancher Träne der Ehrfurcht geführt haben soll… Oder soll ich nach Oaxaca, dann zum Pazifik und dann „quer hinüber” nach Yucatan?
Den Daheimgebliebenen rate ich an dieser Stelle, abends vor dem Zubettgehen der Gottheit ihres Vertrauens dafür zu danken, nicht vor derartig harte Entscheidungen gestellt zu werden. Aufstehen, frühstücken, zur Arbeit gehen – damit lässt sich fertig werden, das sind überschaubare Anforderungen.

Interessanterweise weiß keiner der Anwesenden Näheres von dieser Zugfahrt zu berichten; gehört wollen zwar so manche davon haben, erlebt hat sie allerdings noch niemand – was frappierend an die Bielefeld-Verschwörung erinnert. Tina aus der Schweiz, mit der ich eigentlich am Tag zuvor zu Abend gegessen habe, die wir aber aus Gründen der narrativen Kompaktheit kurzerhand auch an diesen Tisch setzen wollen, möchte aber, nachdem sie der Hochzeit einer Freundin in La Paz beigewohnt hat, sich dieser Herausforderung stellen.

Selbst jetzt, wo Ling-An schon abgefahren ist und per Mail ihrer Freude über mein etwaiges Erscheinen Ausdruck verleiht, bin ich mir, was meine morgige Abreise angeht, nicht wirklich klarer. Der Umweg nach Norden wäre jedenfalls eine Geld- und Zeitverschwendung von der Art, die aufgrund der fehlenden Möglichkeit zur Anmeldung eines Weltreise-Privatkonkurses zu meiner frühzeitigen Heimkehr führen könnte und die zu vermeiden ich mir eigentlich geschworen habe, aber - eine der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt?

Wenn ich das nächste Mal aus Oaxaca posten sollte, ersuche ich jedenfalls um breite Zustimmung sollte ich behaupten, so großartig werde es schon nicht gewesen sein, Berge und Züge hätten wir in Österreich auch zur Genüge und dafür nach Mexiko zu reisen, entbehre jeglicher Vernunft.

„Jeder muss zusätzlich zum Gringo-Trail irgendetwas getan haben, was sonst fast niemand getan hat”, zeigt sich der Darien-Gap-Oxforder als Philosoph. „In Panama haben wir jemanden getroffen, der den Darien-Gap mit dem Motorrad bezwingen wollte, was seit den siebziger Jahren niemandem mehr gelungen ist. Er musste seine Maschine schwimmfähig machen, um durch die Sümpfe und den Dschungel zu kommen.”

„Und ist es ihm gelungen?”

„Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.”

Wenn ich schon nicht mit dem Zug fahre, dann durchquere ich zumindest den Darien-Regenwald, sage ich mir. Irgendetwas muss ich ja erzählen können, wenn ich wieder nach Hause komme.

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