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Impressionen aus dem Reich der Hochfinanz
04. Oktober 2008 von Matthias

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Zu Besuch bei Familie P.
30. September 2008 von Matthias

Mit der Post ist das nicht so einfach. Wenn es sie gibt, tut sie nicht immer das, was wir uns eigentlich von ihr erwarten (ein Paket mit meinen Foto-DVDs und zahlreichen Bungy/Skydiving/Jetboating-Devotionalien ist trotz Tracking im Nirgendwo zwischen Neuseeland und Österreich verschwunden), und wenn ich sie mal wirklich brauche, dann gibt es sie nicht.

Auf dem größten Flughafen eines Landes in einer Millionenstadt, so denke ich mir, werden sie schon ein Postamt haben und trage folglich meine teuer erworbene Wahlkarte am Abflugs- und Wahlsonntag auf den Auckland International Airport, nur um festzustellen, dass es dort bedauerlicherweise eben kein Postamt gibt. “Teuer erworben” deshalb, weil das österreichische Honorarkonsulat (für so ein Lulu-Land wie Neuseeland können wir uns nun wirklich keine eigene Botschaft leisten) in den auckländischen Vorstädten beheimatet ist, wo nur Eingeborene mit den rar gesäten öffentlichen Verkehrsmitteln hinfinden, nicht aber anginakranke fiebrige Touristen, die nur eine Stunde Zeit haben, weil der Honorarkonsul bald ins Bett gehen will, und also ein vietnamesiches Jahresgehalt für eine Taxitour ausgeben müssen. Einen herzlichen Dank jedenfalls an den guten Herrn Honorarkonsul, Herrn Simanke, der sich seinen samstäglichen Spätabend von mir unterbrechen hat lassen, obwohl der Parteienverkehr offiziell am Freitag zu Mittag endet.

Flughafen AucklandWie auch immer: postamtsloser Flughafen. Ich kaufe Briefmarken in einem Buch- und Zeitungsgeschäft, sogar einen “par Avion – International Airmail“-Sticker hat die Dame, aber den kleinen grünen Zettel für den Zoll hat sie nicht. Also pilgere ich durch die diversen Flughafenshops, vielleicht hat ja jemand sowas, weil Wählen ist schon wichtig und jetzt, wo ich schon einmal so weit gekommen bin, will ich auch nicht aufgeben. Außerdem will ich ja eigenhändig das Wahlergebnis verhindern, dass dann am Sonntag abend leider eintritt. Und es ist ja erst sieben Uhr früh (21 Uhr am Vortag, den 27. September in Österreich), Boarding ist erst um acht und mein Flug geht dann noch einmal 45 Minuten später.

Ich finde dann den gewünschten Zettel noch, gebe die Wahlkarte etwas sorgenvoll auf (warum muß da mein Name, meine Adresse, meine Passnummer und meine Unterschrift auf der Kuvertaußenseite draufstehen? Datenschutz, hallo?), kaufe noch ein Mineralwasser und trinke es hingebungsvoll-genüßlich, ehe ich mich zur Pass- und Sicheheitskontrolle aufmache.

Beim Boarding-Gate, um sieben Uhr fünfzig, stellt sich dann heraus, dass es durchaus Sinn hat, den Lautsprecherdurchsagen zuzuhören (“Last boarding call for Qantas flight number…”), weil es ist gar nicht sieben Uhr fünfzig, sondern acht Uhr fünfzig. Sommerzeitumstellung. Südhalbkugel. Sommer und Winter vertauscht.

Ich bin zwar der Letzte, aber ich darf doch noch mitfliegen; kaum ist die Flugzeugtür hinter mir zugefallen, rollen wir auch schon zur Startbahn und ich habe gerade noch genug Zeit, meinen Sitzplatz zu finden, bevor wir abheben. Als ich mich von meinem Schrecken erholt habe, sind wir fast schon in Sydney.

* * *

WalfängerFrüher war das ja auch so eine Sache mit der Post. Arbeitete man zufällig (und hier verwende ich das nicht hundertprozentig geschlechtsneutrale man ruhigen Gewissens) auf einem Walfangschiff, so war es oft monatelang nicht möglich, einen Brief an die Familie daheim zu schicken (“Liebe Mary! Hier ist es sonnig, das Meer ist blau. Gestern gab es Grog. Haben Wale gefangen. One-Eyed-Jim hat mir beim Kartenspielen die ganze Heuer abgenommen, deshalb kein Geld diesmal. Schick die Kinder Streichhölzerverkaufen in den Schnee. In Liebe, Bob.”). Damit die Matrosen nicht warten mussten, bis die nächste größere Stadt erreicht wurde, verfiel irgendein logistisch begabter Mensch auf die glorreiche Idee, auf unbewohnten Inseln, die traditionell von Walfängern verschiedener Nationen angelaufen wurden, Postaustauschtonnen einzurichten, in welche die Mannschaften ihre Briefe werfen konnten. Kam dann ein Schiff, zum Beispiel aus New York, ließ es die für die Heimat bestimmte Post dort und nahm etwa Briefe nach London mit. Was passiert sein wird, wenn dann ein europäischer Walfänger, in Richtung New York unterwegs, einhersegelte, kann sich meine Leserschaft leicht ausmalen: er nahm die für seinen Zielhafen herumliegende Post ebenfalls mit.

Warum aber erzähle ich euch das?

Poststation auf den Galapagos-Inseln, 7. August 2008So einen Postaustauschpunkt gab es im 19. Jahrhundert unter anderem auf der Insel Floreana (Galapagos). Und weil Touristen immer für so etwas zu haben sind, wird die Walfängertradition bis heute fortgeführt (die Post, meine ich,  das mit Alkohol und Karten auch, aber Wale fangen wir Touristen dort wenisgtens nicht mehr): wir schreiben Karten an unsere Lieben daheim und hoffen, dass irgendein freundlicher Mensch aus unserer Heimat, der hier vorbeikommt, sie mitnimmt und entweder zuhause aufgibt oder sogar persönlich zustellt.

Hong KongAm 31. Juli dieses Jahres schreibt die von dieser Idee bezauberte Familie P. aus Hong Kong eine Karte an sich selbst (“Whoever picks up this card is welcome to have dinner with us!”). Familie P. besteht aus Vater Michael aus Deutschland, Mutter Carina aus Kolumbien und den beiden Söhnen Nicolas und Sebastian und besitzt in Hong Kong seit siebzehn Jahren ein Textilunternehmen. Jedes Jahr besuchen sie mit einem Round The World Ticket ein paar Länder, denn Reisen sei für die Kinder viel wichtiger als großartige Ersparnisse zu haben, obwohl die geräumige Wohung im Zentrum Hong Kongs und die zwei Dienstmädchen auch nicht gerade einen kargen Lebensstandard darstellen.

Hong Kong bei NachtAls ich am 7. August auf meinem Galapagos-Trip diese Essenseinladung vorfinde, nehme ich die Karte gleich gierig an mich. Hier, in Hong Kong, hilft mir mein Geburtstag feiernder Freund Gugl dabei, die Telefonnummer der Familie P. auszuforschen (die wären sicher ein wenig überfordert damit, wenn eines Abends unangemeldet ein Ausländer vor der Tür steht und “What’s for dinner?” fragt).

Ich rufe an. “I’ve got your card from the Galapagos Islands here”, sage ich zu Carina, nachdem wir die Einleitungsflosekeln hinter uns haben.

“You’ve got to be joking.”

Familie P.Ich meine es aber ernst und nach einer Odysse durch Hong Kongs Villenviertel auf dem Hang des Stadtberges finde ich sogar rechtzeitig zum Domizil der Familie P. Und es wird ein richtig netter Abend; wir erzählen einander von unseren Reisen (beide Kinder sprechen Englisch, Spanisch und Mandarin, nicht aber das hier viel häufigere Kantonesisch) – sie empfehlen mir dringend, Namibia zu besuchen, und ich lobe Guatemala in den Himmel -, es gibt Essen und viel Bier, Sebastian spielt mit mir Autorennen und Nicolas zeigt mir seine Galapagos-Fotos, die meinen nicht wirklich unähnlich sehen.

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