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Wie ich zum dritten Mal in meinem Leben nach Lima kam
16. August 2008 von Matthias

Jeder zehnte Russe? Wow.Aus diesem Zeitungsabschnitt (siehe Bild) lernen wir, dass annähernd jeder zehnte Russe, der im Internet ist, einen Blog hat – ob das Verhältnis im deutschsprachigen Raum ähnlich ist?

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Geld sparen bekanntlich immer gut, besonders wenn die Galapagos-Inseln gerade einen Krater in die arg mitgenommene Reisekasse geschlagen haben. Aus diesem Grund verzichte ich darauf, von Ecuador nach Peru zu fliegen und entscheide mich, wie ja auch schon in ganz Mittelamerika, für den Bus, denn als echter Backpacker wäre es ja unzulässig, sich nur die Rosinen aus dem Kuchen zu klauben. Ab und an muss mensch neben den mitternächtlichen Saufgelagen in diversen Jugendherbergen auch den Mut haben, den weniger glorreichen Facetten des Reisealltags ins Auge zu sehen, in diesem Fall prognostizierten 38 Stunden Busfahren inklusive Grenze und Umsteigen.

Der Tag der Abreise lässt sich gut an, beim Foto-DVD-nach-Hause-Schicken auf dem Postamt kann ich einer Österreicherin mit der gewaltigen Summe von 85 Cent aus der Patsche helfen und beim anschließenden Frühstück entspinnt sich ein ziemlich interessantes Gespräch über Spiritualität, Lebenseinstellung, Schreiben, Reisen und Europa vs. Lateinamerika, das mir einigen Stoff zum Nachdenken für die kommenden Strapazen geben wird. So packe ich also meine sieben Sachen (je mehr ich aussortiere und da lasse, desto schwerer und unhandlicher wird mein Rucksack, verstehe das, wer will), laufe ein paar Stunden iPod-hörend durch Quito (Song zum Tag You Can’t Always Get What You Want von den Rolling Stones, auch wenn Postamt-und-Frühstücks-Erika da anderer Ansicht ist als Jagger und Richards), verabschiede mich von Romina und den anderen Leuten im El Cafecito und finde mich schließlich nach sechs Uhr abends beim Busbahnhof von Panamericana Ecke Reina Victória und Cristobal Colón ein.

Es bleibt nicht bei achtunddreißig Stunden.

Es werden achtundvierzig.

Mein GepcäcksabschnittWer so etwas nicht erlebt hat, kann sich das schwer vorstellen. 48 Stunden in einem klimatisierten Bus mit breiten, superbequemen Sitzen, die sich in eine nahezu bettartig horizontale Position bringen lassen, sind bereits eine Tortur. Die Hälfte ist schon anstrengend genug. Aber der erste Bus, der während der ersten Nacht von Quito nach Huanquillas an der Grenze kriecht, ist alles andere als bequem; für eine dreistündige Ausflugsfahrt würde er gerade noch reichen, aber als Ort zum Schlafen ist er einer rutschenden Geröllhalde in einer Gewitternacht nur dadurch überlegen, dass sich wenigstens einige Fenster schließen lassen und somit nicht alle Passagiere klatschnaß werden. Die ersten Trombose-Toten werden nach zehn Stunden achtlos aus dem fahrenden Bus geworfen.

Guter Dinge setzen sie mich an der ecuadorianischen Grenzkontrolle, die sinnvollerweise außerhalb von Huanquillas ein paar Kilometer vor der eigentlichen Grenze liegt, auf die Straße, damit ich mir meinen Ausreisestempel holen kann, teilen mir mit, dass ich mein Gepäck dann schon irgendwie im Büro der Busfirma finden werde und fahren weg. Weil nachdem wir ungefähr zwei Stunden nicht eben fahrplanmäßig damit vertrödelt haben, irgendwelche alten Mutterln über von Maultieren eifersüchtig behütete Feldwege kilometerweit in die Pampa bis vor die Haustür zu fahren, wäre es wirklich zu viel verlangt, fünf Minuten auf den einzigen Ausländer zu warten, bis der sich seinen Stempel abholt

Zwei freundliche Typen mit Moped, die neben dem architektonisch bewundernswert häßlichen Gebäude der Einwanderungsbehörde herumlungern, händigen mir die notwendigen Formulare zum Ausfüllen aus, doch als sie nach meinem Pass greifen, um mir die Arbeit abzunehmen (wer nicht richtig reden kann, wird auch nicht schreiben können, vermuten sie), muss ich sie in ihre Schranken weisen – mein Pass ist mein Pass.

Anschließend gehen wir Geld wechseln, wobei sie mir vormachen wollen, dass der Kurs bei zwei peruanischen Soles für einen Dollar liegt (anstatt bei zwei komma acht). Freundlich weise ich sie auf ihr Versehen hin, woraufhin wir alle ein bisschen lachen und uns wundern, wie schnell der Dollar nicht im Wert gefallen ist, na ja, man kennt das. Zu dritt auf einem Moped schlängeln wir uns durch LKWs und hupende Autos die letzten paar Kilometer ins Grenzdorf, wo sich herausstellt, dass diese scheinbar freundliche Hilfeleistung nun von meiner Seite doch bitte durch die Kleinigkeit von fünf Dollar zu entlohnen wäre. Und wie durch ein Wunder sollen das mit einem Mal zwanzig Soles sein. Meine Verblüffung über diesen wirklich erschreckenden Wertverlust der amerikanischen Währung führt zu einiger Verstimmung und einer langen Disukussion über Benzinpreise und Moped-Reparaturkosten, der ich mich schließlich nur durch vorgetäuschtes Unverständnis entziehen kann.

Mein Gepäck ist tatsächlich beim Busbahnhof gelandet, wo ich es mit Freudentränen in den übermächtigten Augen in Empfang nehmen darf. Eine atemberaubend hübsche, junge Peruanerin mit quengelndem Kleinkind wird von der Dame hinter dem Panamericana-Schalter damit beauftragt, mich nach Tumbes auf der peruanischen Seite zu bringen, weshalb wir uns in ein Sammeltaxi, vulgo colectivo, zwängen – zu sechst. Mit dem Fahrer sind wir sieben, und meine Kinderliebe wird durch den Kleinen, der mir seine schmutzigen Sandalen während der halbstümndigen Fahrt grob geschätzt 419 Mal ins Gesicht steckt auf eine harte Probe gestellt. Den Beifahrersitz teilen sich zwei übergewichtige Männer, die jeweils allein Platzprobleme gehabt hätten – zu zweit ergibt das ein völlig neues Körpergefühl, das sie widerstandslos ertragen. Der graubärtige Uniformierte unbestimmbaren Alters, der sich die Rückbank mit uns teilt, erträgt die Eskapaden des Kindes mit rollenden Augen.

In Tumbes verbringe ich die nächsten fünf Stunden wartenderweise auf dem wenig charmanten Busbahnhof, um dann gegen Abend endlich weiterzukommen – das Ganze wäre nicht so schlimm, wenn es nicht so hoffnungslos ineffizient wäre. Um acht Uhr früh an diesem Morgen waren wir laut Angabe meines GPS 1009 Kilometer von Lima entfernt, um neunzehn Uhr sind es 905 Kilometer, am nächsten Tag um acht Uhr früh dann 389, als die Busfahrer beschließen zu streiken und den Bus in irgendeinem Provinznest stehenlassen.

Die Passagiere meutern, schreien und brüllen überhaupt wenig würdevoll herum, während ich müde und hungrig in meinem Schafskrimi lese, den ich auf dem Galapagos-Kreuzschiff gefunden habe. Mindestens drei Stunden werde es dauern, bis die Busgesellschaft Ersatz aus Trujillo organisiert habe, wird uns mitgeteilt. Ha, denke ich mir da, da lasse ich doch glatt nocheinmal umgerechnet fünf Dollar springen und fahre mit einem anderen Bus die letzten sechs Stunden bis Lima.

“Ja, ja, wir fahren in fünf Minuten”, versichert mir der Mann am Schalter der Konkurrenz und gutgläubig händige ich ihm mein Geld aus. Zweieinhalb Stunden später fahren wir dann wirklich los und brauchen für die letzten sechs Stunden achteinhalb.

Miraflores - der gutsituierte Teil von LimaDer absolute Höhepunkt der Reise ist allerdings der Ort, wo wir ankommen, denn Lima ist nicht gleich Lima. Anstatt eines internationalen Terminals mit Geldautomaten, kalten Getränken, Taschendieben, Taxis und Touristen fahren wir auf einen unasphaltierten Parkplatz, wo rostige alte Busse ihren geheimnissvollen nächtlichen Beschäftigungen nachgehen, inmitten von halbverfallenen Lehm- und Wellblechbaracken. Es ist kein Ausdruck meiner Übertreibungsgabe, wenn ich anmerke, dass tatsächlich eine Mülltonne brennt. Männer in Unterhemden und mit schweren Säcken auf den Schultern trotten mißmutig herum, Jugendliche hängen in widerwärtigen Trauben in Schatten und Nischen und tun so, als ob sie das alles nicht wirlich etwas anginge. Ich erwarte halb, einen Rapstar anzutreffen und einen Regisseur, der Cut brüllt.

Mit meinem Rucksack könnte ich genausogut ein “Bitte rauben Sie mich aus!”-Schild herumtragen (wie das “I hate niggers”-Schild, das Bruce Willis in Die Hard 3 in Harlem um die Brust hängen hat, nur dass das in Wirklichkeit leer war und die Schrift ein filmischer Spezialeffekt, um den armen harten Mann nicht unnötig in Gefahr zu bringen, während mein Rucksack leider nur zu echt ist).

Anyway, ich tue, was Backpacker in Lateinamerika nur in Ausnahmefällen tun – in Ermangelung eines erkennbaren Taxis wende ich mich an einen Polizisten, der aus einem der Busse herausklettert (Polizei sonst immer eher Ursache denn Lösung von Backpackerproblemen) und der gute Mann bringt mich ganz ohne Bakschisch-Forderung ein paar Straßen weiter, bis wir, mitten im nächtlichen Slum, ein altes, röchelndes Taxi gefunden haben. Der Polizist fragt mich, wo ich hinfahre, notiert sich den Namen des Fahrers und die Nummer des Kennzeichens und solcherart in Sicherheit gewogen, werde ich zu meinem gewünschten Hostal gebracht.

Dass dort nichts mehr frei ist und die anschließende, frustrierende Zimmersuch-Odysee sind allerdings Teile einer anderen Geschichte, die hier gnädigerweise nicht mehr erzählt werden wird.

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Und falls es noch jemanden interessiert: die Einreise in die USA war visumfrei und völlig unproblematisch.

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 Essen mit Eva

Hier, auf diesem Steg in Miraflores (Lima) war ich mit Eva im Februar 2001 während meines ersten Peru-Aufenthalts Abschiedsessen. Nur dass es damals sonnig war.

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Posted in Ecuador, Peru | 2 Kommentare »