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Wie ich zum dritten Mal in meinem Leben nach Lima kam
16. August 2008 von Matthias

Jeder zehnte Russe? Wow.Aus diesem Zeitungsabschnitt (siehe Bild) lernen wir, dass annähernd jeder zehnte Russe, der im Internet ist, einen Blog hat – ob das Verhältnis im deutschsprachigen Raum ähnlich ist?

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Geld sparen bekanntlich immer gut, besonders wenn die Galapagos-Inseln gerade einen Krater in die arg mitgenommene Reisekasse geschlagen haben. Aus diesem Grund verzichte ich darauf, von Ecuador nach Peru zu fliegen und entscheide mich, wie ja auch schon in ganz Mittelamerika, für den Bus, denn als echter Backpacker wäre es ja unzulässig, sich nur die Rosinen aus dem Kuchen zu klauben. Ab und an muss mensch neben den mitternächtlichen Saufgelagen in diversen Jugendherbergen auch den Mut haben, den weniger glorreichen Facetten des Reisealltags ins Auge zu sehen, in diesem Fall prognostizierten 38 Stunden Busfahren inklusive Grenze und Umsteigen.

Der Tag der Abreise lässt sich gut an, beim Foto-DVD-nach-Hause-Schicken auf dem Postamt kann ich einer Österreicherin mit der gewaltigen Summe von 85 Cent aus der Patsche helfen und beim anschließenden Frühstück entspinnt sich ein ziemlich interessantes Gespräch über Spiritualität, Lebenseinstellung, Schreiben, Reisen und Europa vs. Lateinamerika, das mir einigen Stoff zum Nachdenken für die kommenden Strapazen geben wird. So packe ich also meine sieben Sachen (je mehr ich aussortiere und da lasse, desto schwerer und unhandlicher wird mein Rucksack, verstehe das, wer will), laufe ein paar Stunden iPod-hörend durch Quito (Song zum Tag You Can’t Always Get What You Want von den Rolling Stones, auch wenn Postamt-und-Frühstücks-Erika da anderer Ansicht ist als Jagger und Richards), verabschiede mich von Romina und den anderen Leuten im El Cafecito und finde mich schließlich nach sechs Uhr abends beim Busbahnhof von Panamericana Ecke Reina Victória und Cristobal Colón ein.

Es bleibt nicht bei achtunddreißig Stunden.

Es werden achtundvierzig.

Mein GepcäcksabschnittWer so etwas nicht erlebt hat, kann sich das schwer vorstellen. 48 Stunden in einem klimatisierten Bus mit breiten, superbequemen Sitzen, die sich in eine nahezu bettartig horizontale Position bringen lassen, sind bereits eine Tortur. Die Hälfte ist schon anstrengend genug. Aber der erste Bus, der während der ersten Nacht von Quito nach Huanquillas an der Grenze kriecht, ist alles andere als bequem; für eine dreistündige Ausflugsfahrt würde er gerade noch reichen, aber als Ort zum Schlafen ist er einer rutschenden Geröllhalde in einer Gewitternacht nur dadurch überlegen, dass sich wenigstens einige Fenster schließen lassen und somit nicht alle Passagiere klatschnaß werden. Die ersten Trombose-Toten werden nach zehn Stunden achtlos aus dem fahrenden Bus geworfen.

Guter Dinge setzen sie mich an der ecuadorianischen Grenzkontrolle, die sinnvollerweise außerhalb von Huanquillas ein paar Kilometer vor der eigentlichen Grenze liegt, auf die Straße, damit ich mir meinen Ausreisestempel holen kann, teilen mir mit, dass ich mein Gepäck dann schon irgendwie im Büro der Busfirma finden werde und fahren weg. Weil nachdem wir ungefähr zwei Stunden nicht eben fahrplanmäßig damit vertrödelt haben, irgendwelche alten Mutterln über von Maultieren eifersüchtig behütete Feldwege kilometerweit in die Pampa bis vor die Haustür zu fahren, wäre es wirklich zu viel verlangt, fünf Minuten auf den einzigen Ausländer zu warten, bis der sich seinen Stempel abholt

Zwei freundliche Typen mit Moped, die neben dem architektonisch bewundernswert häßlichen Gebäude der Einwanderungsbehörde herumlungern, händigen mir die notwendigen Formulare zum Ausfüllen aus, doch als sie nach meinem Pass greifen, um mir die Arbeit abzunehmen (wer nicht richtig reden kann, wird auch nicht schreiben können, vermuten sie), muss ich sie in ihre Schranken weisen – mein Pass ist mein Pass.

Anschließend gehen wir Geld wechseln, wobei sie mir vormachen wollen, dass der Kurs bei zwei peruanischen Soles für einen Dollar liegt (anstatt bei zwei komma acht). Freundlich weise ich sie auf ihr Versehen hin, woraufhin wir alle ein bisschen lachen und uns wundern, wie schnell der Dollar nicht im Wert gefallen ist, na ja, man kennt das. Zu dritt auf einem Moped schlängeln wir uns durch LKWs und hupende Autos die letzten paar Kilometer ins Grenzdorf, wo sich herausstellt, dass diese scheinbar freundliche Hilfeleistung nun von meiner Seite doch bitte durch die Kleinigkeit von fünf Dollar zu entlohnen wäre. Und wie durch ein Wunder sollen das mit einem Mal zwanzig Soles sein. Meine Verblüffung über diesen wirklich erschreckenden Wertverlust der amerikanischen Währung führt zu einiger Verstimmung und einer langen Disukussion über Benzinpreise und Moped-Reparaturkosten, der ich mich schließlich nur durch vorgetäuschtes Unverständnis entziehen kann.

Mein Gepäck ist tatsächlich beim Busbahnhof gelandet, wo ich es mit Freudentränen in den übermächtigten Augen in Empfang nehmen darf. Eine atemberaubend hübsche, junge Peruanerin mit quengelndem Kleinkind wird von der Dame hinter dem Panamericana-Schalter damit beauftragt, mich nach Tumbes auf der peruanischen Seite zu bringen, weshalb wir uns in ein Sammeltaxi, vulgo colectivo, zwängen – zu sechst. Mit dem Fahrer sind wir sieben, und meine Kinderliebe wird durch den Kleinen, der mir seine schmutzigen Sandalen während der halbstümndigen Fahrt grob geschätzt 419 Mal ins Gesicht steckt auf eine harte Probe gestellt. Den Beifahrersitz teilen sich zwei übergewichtige Männer, die jeweils allein Platzprobleme gehabt hätten – zu zweit ergibt das ein völlig neues Körpergefühl, das sie widerstandslos ertragen. Der graubärtige Uniformierte unbestimmbaren Alters, der sich die Rückbank mit uns teilt, erträgt die Eskapaden des Kindes mit rollenden Augen.

In Tumbes verbringe ich die nächsten fünf Stunden wartenderweise auf dem wenig charmanten Busbahnhof, um dann gegen Abend endlich weiterzukommen – das Ganze wäre nicht so schlimm, wenn es nicht so hoffnungslos ineffizient wäre. Um acht Uhr früh an diesem Morgen waren wir laut Angabe meines GPS 1009 Kilometer von Lima entfernt, um neunzehn Uhr sind es 905 Kilometer, am nächsten Tag um acht Uhr früh dann 389, als die Busfahrer beschließen zu streiken und den Bus in irgendeinem Provinznest stehenlassen.

Die Passagiere meutern, schreien und brüllen überhaupt wenig würdevoll herum, während ich müde und hungrig in meinem Schafskrimi lese, den ich auf dem Galapagos-Kreuzschiff gefunden habe. Mindestens drei Stunden werde es dauern, bis die Busgesellschaft Ersatz aus Trujillo organisiert habe, wird uns mitgeteilt. Ha, denke ich mir da, da lasse ich doch glatt nocheinmal umgerechnet fünf Dollar springen und fahre mit einem anderen Bus die letzten sechs Stunden bis Lima.

“Ja, ja, wir fahren in fünf Minuten”, versichert mir der Mann am Schalter der Konkurrenz und gutgläubig händige ich ihm mein Geld aus. Zweieinhalb Stunden später fahren wir dann wirklich los und brauchen für die letzten sechs Stunden achteinhalb.

Miraflores - der gutsituierte Teil von LimaDer absolute Höhepunkt der Reise ist allerdings der Ort, wo wir ankommen, denn Lima ist nicht gleich Lima. Anstatt eines internationalen Terminals mit Geldautomaten, kalten Getränken, Taschendieben, Taxis und Touristen fahren wir auf einen unasphaltierten Parkplatz, wo rostige alte Busse ihren geheimnissvollen nächtlichen Beschäftigungen nachgehen, inmitten von halbverfallenen Lehm- und Wellblechbaracken. Es ist kein Ausdruck meiner Übertreibungsgabe, wenn ich anmerke, dass tatsächlich eine Mülltonne brennt. Männer in Unterhemden und mit schweren Säcken auf den Schultern trotten mißmutig herum, Jugendliche hängen in widerwärtigen Trauben in Schatten und Nischen und tun so, als ob sie das alles nicht wirlich etwas anginge. Ich erwarte halb, einen Rapstar anzutreffen und einen Regisseur, der Cut brüllt.

Mit meinem Rucksack könnte ich genausogut ein “Bitte rauben Sie mich aus!”-Schild herumtragen (wie das “I hate niggers”-Schild, das Bruce Willis in Die Hard 3 in Harlem um die Brust hängen hat, nur dass das in Wirklichkeit leer war und die Schrift ein filmischer Spezialeffekt, um den armen harten Mann nicht unnötig in Gefahr zu bringen, während mein Rucksack leider nur zu echt ist).

Anyway, ich tue, was Backpacker in Lateinamerika nur in Ausnahmefällen tun – in Ermangelung eines erkennbaren Taxis wende ich mich an einen Polizisten, der aus einem der Busse herausklettert (Polizei sonst immer eher Ursache denn Lösung von Backpackerproblemen) und der gute Mann bringt mich ganz ohne Bakschisch-Forderung ein paar Straßen weiter, bis wir, mitten im nächtlichen Slum, ein altes, röchelndes Taxi gefunden haben. Der Polizist fragt mich, wo ich hinfahre, notiert sich den Namen des Fahrers und die Nummer des Kennzeichens und solcherart in Sicherheit gewogen, werde ich zu meinem gewünschten Hostal gebracht.

Dass dort nichts mehr frei ist und die anschließende, frustrierende Zimmersuch-Odysee sind allerdings Teile einer anderen Geschichte, die hier gnädigerweise nicht mehr erzählt werden wird.

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Und falls es noch jemanden interessiert: die Einreise in die USA war visumfrei und völlig unproblematisch.

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 Essen mit Eva

Hier, auf diesem Steg in Miraflores (Lima) war ich mit Eva im Februar 2001 während meines ersten Peru-Aufenthalts Abschiedsessen. Nur dass es damals sonnig war.

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Look, a sea lion baby!
10. August 2008 von Matthias

Der Fortschritt macht auch vor diesem Blog nicht Halt, nein, denn in einer geradezu unfassbaren technischen Anstrengung und unter Ausnutzung des WLANs im Hotel Big Sur, wo ich für meine zwölf Dollar Zimmerpreis wahrscheinlich die dreifachen Kosten durch diese kleine Upload-Orgie verursacht habe, darf ich euch die erste Fotogalerie auf DownTheRoad.at vorstellen – und welches Thema eignet sich da besser, als ein Besuch auf den Galapagos-Inseln?

[Edit: ich habe gleich mal eine neue Galerie-Seite online gestellt (oben im orangen Navigationsmenü erreichbar), auf der sich schon einmal ein paar Eindrücke meiner bisherigen Reise finden...] 

Viel Tourismus, viel Verkehr“Ich würde nie eine Kreuzfahrt machen”, habe ich meiner Schwester immer gesagt, “ich bin ein Individualreisender. Dieses ganze vorbestimmte Programm macht jegliche Spontanität zunichte.” Und weil ich für meine Konsequenz nicht umsonst bekannt und respektiert bin, buche ich in Quito eine Galapagos-Kreuzfahrt. Der Hinweis, dass die meisten Inseln nur auf diese Art überhaupt zugänglich sind, mag an dieser Stelle zu meiner Ehrenrettung erlaubt sein.

Es muss eigenartig sein für die brütenden Vögel, blue-footed boobies, Möwen, Darwin-Finken und Albatrosse, den langsam einhertrottenden Menschenherden zuzusehen, die tagtäglich ihre Runden auf den markierten Pfaden ziehen, nicht mehr als eine leichte Irritation. Paparazzi vielleicht, aber friedfertig genug, um die Nester, Küken und Eier, kaum einen Schritt vom Pfad entfernt, nicht zu stören.

Unbeirrbare blue-footed boobiesDie meisten Tiere auf den Galapagos-Inseln haben durch ihre Isolation nie gelernt, sich vor Räubern zu fürchten, die gleiche Indifferenz, die sie uns entgegenbringen, während wir den Erklärungen unseres ortskundigen Führers Pedro lauschen, zeichnet auch ihr Verhalten gegenüber Katzen, Ratten und anderen vom Menschen eingeschleppten Feinden aus. Was bereits einigen Arten zum Verhängnis geworden ist – eine der wichtigsten Aufgaben der Nationalparkwächter ist die systematische Ausrottung nicht einheimischer Tier- und Pflanzenarten.

Für den einzelnen Ziegenbock, der mit einem GPS-Sender ausgestattet durch die Landschaft streift, mag diese an sich löbliche Maßnahme aber verhängnisvoller anmuten. Ziegen suchen nach Ziegen, und sie sind dabei besser als wir Menschen (oder haben zumindest nicht viele andere wichtige Dinge zu tun, außer sich mit der Erbarmungslosigkeit eines Rasenmähers durch die einheimische Vegetation zu fressen), also warten die Parkwächter einige Zeit, bis sie annehmen können, dass der Bock ein paar Artgenossen aufgestöbert hat. Anschließend begeben sie sich zu den fraglichen Koordinaten und schießen dann alle Ziegen nieder, bis auf den Träger des GPS-Senders. Ich möchte mir das gar nicht vorstellen – überall wo ich hinkomme, folgen Tod und Verderben auf dem Fuß. Wir dürfen annehmen, dass das sogar im dämmerigen Nebel, der bei einer Ziege als Bewußtsein durchgeht, nicht spurlos vorübergeht.

Aber die Galapagos-Inseln, großteils landschaftlich erstaunlich karg, Lava, niedriges Buschwerk, Geröll, Farne und schroffe Klippen aus schwarzem Fels, türkisblaues Meer, sind ja bekanntlich weniger für ihre Ziegenfeindlichkeit als vielmehr für ihren Reichtum an Schildkröten, Pinguinen, Möwen, Haien, Leguanen und Seelöwen berühmt – und nicht zuletzt für die Tatsache, dass einem jungen Charles Darwin hier der Keim für jene Ideen gelegt wurde, die später zur Publikation von The Origin Of Species geführt haben. Aus diesem Anlass lese ich mich während der freien Zeit auf dem Sonnendeck unserer dekadenten Yacht mit dem einschlägigen Namen Fragata durch diesen wissenschaftsgeschichtlichen Meilenstein und bin überrascht, wie gut lesbar dieses doch schon 150 Jahre Werk eigentlich ist. Über Galapagos verliert Darwin allenfalls ein paar Sätze nebenher, der Großteil des Buches dreht sich um Tauben, Rinder und allerlei in England heimische Nutzpflanzen.

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Ein KrebsEs ist im wahrsten Sinne des Wortes berauschend, so viele Tiere in freier Natur so unbekümmert und aus derartiger Nähe zu erleben. Mit den Seelöwen zu schwimmen und zu schnorcheln, die mit der Grazie junger Tänzerinnen durchs Wasser tauchen, spielerisch in unsere Flossen beißen und unser Winken mit ihrer Flosse beantworten. Beim Schnorcheln bricht keine Panik aus, als wir auf dem Rückweg vom Beiboot aus Haie im Wasser sehen, im Gegenteil, wir springen alle noch einmal hinein, um uns das aus der Nähe anzusehen. Von einem verärgerten Seelöwen von einem Sonnenplatz am Strand vertrieben werden; einer Seelöwin zusehen, wie sie das frischgeborene Junge sauberleckt und ihm zeigt, wo’s die Milch zu holen gibt. Vom Schiff aus Wale beobachten oder später, am gleichen Tag, mit uralten Seeschildkröten schwimmen. Albatrosse beim Flirten beobachten, durch einen Lavatunnel wandern oder den Pinguinen und Möwen beim Fischen zusehen.

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LunchDie meisten Touristen bleiben nur vier Tage, ich und vier Italiener aber acht (Ach, was heißt hier teuer, sage ich dem Reisebüro in Quito, hier ist mein ganzes Geld, nehmen Sie sich, was Sie für richtig halten*), sodass ich in der Mitte meines Aufenthalts einen neuen Kabinenmitbewohner bekomme. Richard, der Physiklehrer aus England, dessen zwei halbwüchsige Töchter in der Nachbarkabine das gesamte Süßwasser des Schiffes wegduschen, geht, und Richard, der 25jährige Genetiker aus England, kommt (in einem dieser Zufälle, die in einem Roman völlig unmöglich wären, im wirklichen Leben aber zuhauf passieren, wird unser Führer Pedro aus Ecuador durch einen anderen Pedro aus Ecuador ersetzt). Der zweite Teil der Reise wird dadurch noch lustiger, dass wir alle sechzehn Passagiere jetzt Backpacker im Alter zwischen neunzehn und sechsunddreißig sind (wohingegen das Durchschnittsalter solcher Kreuzfahrten um die Fünfzig liegen soll) – das heißt, dass wir abends selbst bei hohem Seegang lange beisammen sitzen, die überteuerten Biere aus der Schiffsbar verschmähen, sondern unsere Supermarktbiere, Rum und Cola trinken, reden und lachen und, vor allem, das allseits beliebte israelische Kartenspiel Yannif spielen, bei dem ich mich, hoffentlich nicht allzusehr auf Kosten meines Liebeslebens, als wahrer Champion erweise. Neben Richard sind unter anderem noch Jillian und Cameron aus Alice Springs, Australien sowie Mette und Nicolas aus Dänemark mit von der Partie (Links zu deren Reiseblogs finden sich rechts); aber auch der Kapitän ist dem einen oder anderen Rum und Kartenspiel nicht abgeneigt.

AbschiedDie Fragata, unser Schiff, hat ein bewegtes Schicksal – einmal bereits gesunken wurde sie 2003 generalsaniert, scheint aber irgendwie das Schiff zu sein, auf dem alle die landen, die sonst keinen Platz gefunden haben; nahezu keiner von uns hat die Reise hier aus freien Stücken gebucht. Für mich war nichts anderes mehr frei, Camilla und ihre Freundin aus England wurden hierher zwangsupgegradet, weil ihr Schiff überbucht war, ebenso Mette und Nicolas. Aber für jemanden, der großteils in Jugendherbergen und Schlafsälen gewohnt hat die letzten Monate, sind drei Mahlzeiten am Tag (zweigängiges Frühstück) und der sonstige Luxus an Bord kein Grund zur Klage.

Da ich im Gegensatz zu den meisten anderen nicht seekrank werde (eine Gabe, die sonst eher ungenutzt brachliegt, wie ich gestehen muss), kann ich dem Aufenthalt eigentlich nur gute Seiten abgewinnen. Und mit Richard II, mit dem ich endlose Unterhaltungen zu so spektakulären Themen wie Ist Survival Of The Fittest nicht eine Tautologie?** führe, verstehe ich mich auch großartig. Mit einem dieser gut gemeinten Versprechen, in Kontakt zu bleiben, verabschieden wir uns schließlich im Flugzeug.


* Im Ernst: ich handle den Preis um etwa 250 Dollar herunter. Weil so dick hab ich’s ja auh nicht.

** Ich sehe das so wie Douglas Adams: wie anders kann ich the fittest definieren als mit “diejenigen, die überleben”? Survival Of The Fittest sagt ja nichts Anderes aus, als dass die, die am Geeignetsten sind, zu überleben, dann auch tatsächlich überleben.  Versteht mich nicht falsch: ich stehe völlig hinter dem Konzept und bin der Meinung, dass wir nicht von der Theorie der Evolution, sondern vom Gesetz der Evolution sprechen müssten, so wie vom Gesetz der Schwerkraft die Rede ist; ich finde nur den Begriff natural selection bzw. Natürliche Auslese besser als das etwas inhaltsleere Survival Of The Fittest. Sowohl Darwin als auch Richard sind da anderer Ansicht, aber was wissen die schon, der Vater der Evolutionstheo… des Evolutionsgesetzes und ein Genetiker?

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Do I plan to overthrow the US government?
31. Juli 2008 von Matthias

TeleferiQoDer TeleferiQo ist eine Seilbahn, die von Quito aus die Flanke des Vulkans Pichincha erklimmt und auf 4100 Metern Seehöhe endet. Oben ignoriere ich die überteuerten Restaurants und wandere in Richtung Gipfel, die atemberaubenden Ausblicke auf die Stadt und die karge, majestätische Landschaft genießend. Die beinharte Wahrheit und die journalistische Integrität, zu der sich dieser Blog verpflichtet fühlt, lassen mir allerdings keine andere Wahl als zu gestehen, dass ich es nicht ganz auf die 4680m schaffe, da es mit einem Mal ziemlich kalt wird und dunkle Wolken aufziehen. Aber immerhin.

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Ausblick auf Quito vom VulkanMein Reisebüro hat mir bezüglich meines Transit-Aufenthaltes in den USA zwecks Weiterreise zu den Fidschi-Inseln bereits vor einiger Zeit folgendes mitgeteilt (zur Enttäuschung der Kommentarschreiberin Roswitha, wer immer sie sein mag: ich war schon zweimal in Peru, in Bolivien, Chile und Brasilien ebenfalls, also wollte ich diesmal etwas anderes sehen):

Sehr geehrter Herr [xxx],

wir hatten unlängst einen Fall wo ein Kunde über die USA nach Mexico City geflogen ist und nach mehr als 90 Tagen von Sao Paolo via die USA nach Europa zurück wollte. Die Fluglinie hatte dem Kunden beim Rückflug das Boarding verweigert weil er kein Visum für die USA hatte. Die Regel besagt zwar dass man sich bis zu 90 Tagen ohne Visum in den USA aufhalten darf. Anscheinend wird dabei aber nicht unterschieden ob man USA dazwischen verlässt oder nicht.

Vielleicht hat Sie ja auch schon die Airline bei der Ausreise nach Mexico City auf diesen Umstand aufmerksam gemacht und Sie haben schon ein Visum. Wenn nicht müssen Sie auf alle Fälle noch ein USA Visum beantragen damit Sie wieder in die USA einreisen dürfen.

Auf folgendem Link kommen Sie zur US Botschaft in Lima:
http://lima.usembassy.gov/contact.html

Ich wünsche Ihnen weiterhin noch eine schöne Reise!

Mit freundlichen Grüßen
[xxx]
Reiseberater/Travel Adviser
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STA Travel GmbH

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Vor der US-Botschaft in Quito scheinen zu jedem Zeitpunkt Menschenschlangen zu stehen, eine kurze ist für US-Amerikaner bestimmt und eine längere für potenzielle Terroristen bzw. den Rest der Welt. Telefonisch hat mir eine Dame mitgeteilt, natürlich würde ich ein Visum brauchen, warum ich da überhaupt anrufen und ihre Zeit mit so offensichtlichen Fragen verschwenden würde. Vielleicht nicht in diesen Worten, aber ich kann ja zwischen den Zeilen lesen. Auch bei einem Telefongespräch, wo es genaugenommen nichts zum Lesen gibt.

Der Imbissbudenbesitzer auf der gegenüberliegenden Straßenseite macht ein gutes Geschäft mit den im Andensonnenschein wartenden Visa-Antragstellern, eine junge Ecuadorianerin gibt Auskünfte, hakerlt Namen auf einer Terminliste ab und weist zur allgemeinen Verblüffung darauf hin, dass auch die spanische Version des Visaantragsformulars in Englisch auszufüllen ist. Finstere Sicherheitsbeamte nicken sich hinter dunklen Sonnenbrillen versteckt verschwörerisch zu, murmeln halblaute Warnungen in ihre Walkie-Talkies und versuchen, die jungen Mädchen unter den Wartenden anzumachen, die sichtlich nicht sicher sind, ob ihnen ein klares Nein später eventuell zum Nachteil gereichen könnte.

Mein erster Termin endet nach ein paar Stunden ergebnislos vor der Tür zur Konsularabteilung, ich möge doch in drei Tagen wiederkommen, um halb zwei, jemand werde sich dann gern meines Anliegens annehmen. Visa-Antragsformulare gäbe es keine, ich solle doch auf der Website des State Department einen elektronischen Antrag ausfüllen.

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Die Linie soll der Äquator seinWeil das mit meinem Galapgos-Trip eh auch noch in der Schwebe ist, vertreibe ich mir die Zeit also mit anderen Dingen. Ich lasse ein Foto beim etwas arg touristischen Mitad del Mundo machen, wo ich mit einem Fuß nördlich und mit dem anderen südlich des Äquators stehe, auch wenn der Äquator in Wahrheit 240m weiter ist. Aber das weiß ja dann keiner von denen, die das Foto sehen.

Ich lese die Bewohnte Frau von Gioconda Belli, noch ein weiteres Buch über den Panama-Kanal und eines über den islamisch-christlichen Krieg um das Mittelmeer (die Belagerung von Malta und so weiter).

Auf halber Höhe des TurmsIch schlendere durch die Altstadt, erklimme den Uhrturm der Basilica del Voto Nacional über eine stetig waghalsiger anmutende Serie von schmalen Leitern und bewundere den Mut der einheimischen Liebespaare, die sich in schwindelerregender Höhe über den Dächern der Altstadt auf Simse an der Turmaußenseite setzen, um einander gegenseitig die Zungen in den Hals zu stecken. Ich würde mich ja dazusetzen, will aber das junge Glück nicht stören und setze meine endlosen Wanderungen anderorten fort.

Straßenhändler, Musikanten, Polizisten, aus mehreren Lautsprechern das mir bereits aus Peru bekannte und mittlerweile verhaßte El Condor Pasa in der Panflötenversion, die schon aus so manchem Mönch einen axtschwingenden Massenmörder gemacht hat, Touristen mit Kameras, Stadtplänen und Lonely Planets, Kinder, die Schokolade, Feuerzeuge und Zigaretten verkaufen und in bunte Tücher gewandete Indios, die ihre Handwerkskunst feilbieten füllen die Straßen, Gassen und Plätze zwischen den spanischen Kolonialbauten, Kirchen, Klöstern und Theatern.

“You’re the only honest American I’ver ever met”, lobt mich unvermutet ein junger Einheimischer in Motorradjacke und Lederhose anstatt eines Grußes.

Schlagfertig wie ich nun einmal bin, schleudere ich ihm ein eloquentes “Huh!?” entgegen. Er deutet auf mein T-Shirt, auf dem I never finish anyth zu lesen steht.

“But I’m from Austria”, entweicht mir ein Fendrich-Zitat, ehe ich es verhindern kann.

“That’s a shame, man.” Er geht weiter und lässt mich etwas perplex zurück.

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Dieser Schlafsaal im El Cafecito heißt Fresa (Erdbeere)Das El Cafecito ist wie die meisten lateinamerikanischen Beherbegungsbetriebe in ausländischer Hand, aber trotzdem so nett, dass ich gerne meine sieben Dollar pro Nacht dortlasse. Die Atmosphäre des Cafes (Zimmer und Schlafsäle befinden sich im ersten Stock) erinnert mich ein wenig an das Kolar in Wien, wenn auch ohne Gewölbe und Fladenbrote, also eigentlich gar nicht wie das Kolar, aber irgendwie trotzdem.

Wie so oft, wenn ich länger an einem Ort verweile, wandelt sich die geschäftsmäßige Zurückhaltung der Einheimischen mit der Zeit zu so etwas wie ehrlicher Freundlichkeit; der Wasserflaschenverkaufsmann ums Eck plaudert mit einem Mal mit mir und erzählt mir von seiner Tochter, die nach Deutschland studieren gegangen ist, die Kellnerinnen kennen mich mit Namen (und vice versa) und zu meiner Verblüffung bekomme ich sogar einen Abschiedskuss von Romina, einer von ihnen, als ich nach einem Abendessen mit Valerie aus Tschechien und Julien aus Frankreich wieder nach oben gehe.

Julien ist offensichtlich in Valerie verliebt (und es ist so offensichtlich, dass Valerie das auch wissen muss, Frauen wissen sowas ja immer), aber Valerie erzählt eigentlich ständig nur von ihrem Freund zuhause. Die beiden fliegen auf die Galapagos-Inseln und Valerie fragt mich, ob ich nicht mitkommen will. Als ich ablehne, bin ich mit einem Mal Juliens bester Freund – auch etwas Schönes.

Meine SchlafsaalmitbewohnerInnen wechseln ständig, während die Tage dahinschleichen. Da ist Jordan aus England, der in zehn Wochen nach Argentinien und dann wieder nach Brasilien will, um von Rio heimzufliegen, aber seit zwölf Tagen in Quito festsitzt und nicht weiterkommt, weil es ihm hier so gut gefällt; da ist Jaqueline aus Deutschland, die ein Monat auf den Galapagos-Inseln in einem Kindergarten gearbeitet und dort nebenbei Tauchen gelernt hat (auf den Inseln, nicht direkt im Kindergarten), und da ist Isaac aus Israel, jetzt USA, der mit einem Motorrad von Kalifornien aus bis zur Südspitze Chiles fahren will, im zweiten Anlauf. Beim ersten Mal wurde ihm sein Motorrad in Mexiko gestohlen, sodass er wieder zurück musste, ein wenig arbeiten, um sich ein neues zu kaufen.

* * *

Die Sicherheitsbeamten beim Metalldetektor und Röntgengerät in der Konsularabteilung der US-Botschaft kassieren meine Kamera ein und geleiten mich dann zu einem Schalter, vor dem ich zur Abwechslung einmal ein bisschen Schlange stehen darf. Was garnicht so schlimm ist, weil Louisa aus Mexiko, die ein Studentenvisum für ihren Sohn beantragen will, mir mit allerlei Anekdoten die Zeit vertreibt.

Ich habe mittlerweile auch nach bestem Wissen und Gewissen den Online-Visa-Antrag ausgefüllt und ausgedruckt und ein zugehöriges Bild in der verlangten Größe von 50×50 mm bei einem Fotografen anfertigen lassen (3 Dollar für zwei Abzüge), weil normale Passbilder, die ich ja eigens für solche Zwecke mithätte, sind den US-Behörden anscheinend zu schnöde. Es ist eines der wenigen Fotos von mir, die mir gefallen. Lustig finde ich den Hinweis auf dem Antrag, dass es nicht automatisch bedeute, dass ich kein Visum erhalten würde, wenn ich eine der vielen Fragen, von denen eine “Are you or have you ever been a member of a terrorist organisation?” lautet, mit Yes beantworte.

Ich gebe Antrag, Bild und Reisepaß ab und erkkläre der Dame hinter dem kugelsicheren Glas mein Begehr. Da müsse ich einmal 131 Dollar auf ein bestimmtes Konto bei einer bestimmten Bank einzahlen und mit der Einzahlungsbestätigung wiederkommen, dann würde mein Antrag binnen eines Monats bearbeitet. Mein Einwand, ich wolle aber bereits am 15. August in das Land von Freiheit und Coca Cola einreisen, löst allerdings nicht die von mir erwartete Welle der Hilfsbereitschat aus. Das könne ich dann bei meinem Termin mit dem Konsul vorbringen.

“But I’m not even sure that I really need a visa”, versuche ich es anders herum.

“So why did you fill out an application, then?”

Gute Frage. Ich erkläre das mit meinem Reisebüro. “As an Australien citizen you’re part of the visa waiver program and do not need a visa, if you haven’t stayed in the US for longer than 90 days”, teilt sie mir schließlich mit.

Ich bedanke mich für diese Information, gebe aber zu bedenken, dass sie für die vorliegende Situation nur von bedingter Relevanz ist, da ich… und ich bringe wieder das Fendrich-Zitat an. Obwohl ich natürlich nichts gegen Australien hätte, sicherlich auch ein sehr schönes Land.

“Well”, sagt sie unbeeindruckt, “that’s the same story, though. Austria is part of the visa-waiver program, right?”

Ich vermeine, mich verhört zu haben. “I hope so”, sage ich. Und erkläre das mit den 90 Tagen und dem Mittelamerikaaufenthalt und dem Reisebüro und dem anderen Reisenden, der in der gleichen Situation wie ich war, erneut.

Langsam verliert sie die Geduld mit mir. “I keep telling you, you don’t need a visa, sir. Is there anything else?”

Ob sie mir das vielleicht schriftlich geben könne, zur Sicherheit.

“We are not allowed to issue that kind of statement, sir. Please check the website of the State Department and the Department for Homeland Security for further information.”

Ob ich vielleicht mit dem Konsul sprechen könne.

“Do you have a PIN?”

Einmal mehr bringe ich nur ein Rufzeichen mit nachfolgenden Fragezeichen hervor.

Sie seufzt. Diese Ausländer, wirklich. Kein Wunder, dass es der Rest der Welt zu nichts gebracht hat und sie alle in die USA wollen. Aber sie ist das ja gewohnt, also schluckt sie ihre gerechtfertigte Verägerung hinunter und erklärt mir, dass ich bei obiger Bank um zwölf Dollar einen PIN kaufen müsse, mit dem ich dann telefonisch einen Termin beim Konsul beantragen könne. In zwei bis drei Wochen ungefähr.

Also gehe ich wieder. Kein Visum hat sie gesagt.

* * *

Dear Mr. [xxx]:

Since you traveled outside of the U.S. (including neighboring countries, such as Mexico, Canada, Bahamas, Bermudas, etc.) and did not remain there for more than 90 days, you may use the Visa Waiver Program again.
Only if you would have remained in Mexico (as a neigboring country plus the U.S. for more than 90 days) you would not be eligible for Visa Waiver Program travel any more.

Please note, that in your as in all other cases, only the U.S.
immigration officer at the U.S. port of entry makes the final determination if and for how long any traveler is permitted into the U.S.

Sincerely,

Visa Unit
Consular Section
U.S. Embassy Vienna, Austria

* * *

Mein Reisebüro ist trotzdem nicht überzeugt.

Sehr geehrter Herr [xxx],

ich habe leider auch schon die unterschiedlichsten Infos von der Botschaft diesbezüglich erhalten. Auf folgendem Link wird jedoch darauf hingewiesen, dass man ein Visum beantragen muss wenn nach Einreise USA, zwischenzeitlicher Ausreise nach Mexico und nochmaliger Einreise mehr als 90 Tage liegen:

http://www.usembassy.at/de/embassy/cons/niv_waiver.htm (ziemlich weit unten)

Hoffentlich wissen das die Herrschaften beim Check-in nicht denn mit dem Visum beantragen wird es zeitlich wahrscheinlich knapp werden.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Glück!

Mit freundlichen Grüßen
[xxx]

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