Der Indio, der unser kleines Boot steuert, mit dem wir tagsüber von Insel zu Insel tuckern, nicht viel mehr als ein Kanu mit Außenbordmotor, scheint dem Alkohol nicht abgeneigt. In unserer ersten Nacht auf Nalunega betrinkt er sich derartig, dass er nicht umhin kommt, seinem überbordenden Temperament und seiner Lebensfreude durch lautstarkes anhaltendes Trommeln Ausdruck zu verleihen – bis zwei Uhr früh.
„Aber es ist doch nur Musik“, wischt er die Einwände anderer Dorfbewohner nachlässig beiseite, wie er höchstselbst am nächsten Abend nicht unstolz im Schein einer Öllampe berichtet, während das Meer phlegmatisch kleine Wellen an den Strand wirft und der Mond sich auf die kommende Vollmondnacht vorbereitet.
Nalunega bedeutet „Red Snapper Island“, was ja, da es sich beim red snapper um einen der vor Ort so zahlreich vorkommenden vorzüglich schmeckenden Fische handelt, mit dessen Fang der Großteil der überschaubaren Inselbevölkerung ein karges Auslangen finden muss, noch ein durchaus sinnvoller Name für diese kleine, weißbestrandete, kokosnusspalmenbestandene Karibikinsel ist (ach, wirft die verwöhnt-gelangweilte Leserschaft an dieser Stelle ein, schon wieder eine Karibikinsel, wir wollen Dschungelabenteuer und Gewaltmärsche durch von Paramilitärs und Drogenbanden kontrollierte Grenzgebiete, aber da muss sie, die Leserschaft, an andere Blogs verwiesen werden, hier gibt’s nur Karibikinseln). Anders zum Beispiel Isla de Perros (Dog Island), eine Bezeichnung, die wir dank des völligen Fehlens von Hunden und der absolut nicht hunde- weil eiförmigen Beschaffenheit des fraglichen Eilandes als unzutreffend zurückweisen möchten.
Einzuräumen ist allenfalls, dass eine Benennung von mehreren hundert Inselchen im San Blás-Archipel anhand charakteristischer Merkmale äußerst schwerfallen würde, da sich die meisten so wenig unterscheiden, dass dabei gezwungenermaßen Namen wie „Insel mit 17 Palmen und drei Hütten“ und „28-Palmen-Zwei-Hütten-Eiland“ oder auch „Nur-Eine-Palme-im-weißen-Sand-wie-aus-einem-Cartoon-Insel“ herauskommen müssten. Da wollen wir mal ein glubschiges Fischauge zudrücken und auch noch den etwas weit hergeholten Namen „Pelikan-Insel“ durchgehen lassen, zumal ja zumindest „Ukuptupu“, „Wichub-Walá“ oder „Kuanidup Grande“ (das geradezu winzig sein soll, aber alles ist relativ) sich durchaus angenehm ins Ohr schmeicheln.
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Die Comarca de Kuna Yala umfasst neben den knapp vierhundert San Blás-Inseln auch einen 226 km langen Teil der panamesischen Küste und wird von den Kuna seit einem Aufstand in den späten neunziger Jahren selbstverwaltet. Ausländer (und andere Panamesen) dürfen weder Land besitzen noch dauerhaft hier wohnen, sogar die Forscher vom Smithsonian wurden von ihrem kleinen tropischen Paradies gekickt. Die Kuna leben in einfachen Bambushütten – nur knapp fünfzig der Inseln sind bewohnt – mit strohgedeckten Dächern, verkaufen jährlich etwa 30 Millionen Kokosnüsse an die Kolumbianer und molas an Touristen, traditionelle, bunte, kunstvolle mehrlagige Tücher, die von den Frauen als Kleidung getragen werden, sich aber im heimischen europäischen Salon auch gut als Tischdeckchen machen.
Noch kommen wenige Touristen hierher, einige tausend im Jahr sollen es sein.
Das hier, sage ich zu Brigitte, als wir vom Schnorcheln zurückgekommen im Schatten einer Palme liegen, plaudern und lesen, kommt der Postkartenidylle vom Paradies im türkisblauen Meer wohl am nächsten – es ist nicht notwendig, den Blickwinkel fürs Foto so zu wählen, dass die Liegestühle, der Hotelkomplex oder die aufgedunsenen Bäuche gröhlender Sangriakampftrinker nicht im Bild sind, nein, es gibt das alles hier nicht. Die größten Inseln fassen vielleicht drei Dutzend Bambushütten und ein Betonhaus (die Schule) und sind so klein, dass für eine der wenigen vorhandenen Landebahnen für Propellerflugzeuge, von denen es insgesamt vier oder fünf gibt, zusätzlich Land aufgeschüttet werden musste. Kaum eine Insel im Archipel, die sich nicht in fünfzehn Minuten zu Fuß umrunden ließe, die meisten in zwei oder drei.
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„Aber sicherlich gibt’s da Schwierigkeiten im Paradies?“ drängt sich den Blogrezipienten da die Frage auf, zumal sie ja brav den Titel gelesen haben. Nun, in der Tat, da liegen sie nicht falsch.
Und damit ist nicht nur der Fluch des Tourismus an sich gemeint – notwendig auf der einen Seite, da er Geld bringt (alle Beherbergungsbetriebe, von der einfachen Hütte ohne fließendes Wasser und Plumpsklo bis zum luxuriösen Kuna Lodge befinden sich exklusiv in Kuna-Hand), problematisch auf der anderen (wer will schon wie im Zoo leben, ständig fotografiert werden und vom Lockruf des Geldes verdorben die eigene Kultur schulterzuckend an den Nagel hängen, um in der großen weiten Welt Karriere zu machen?).
Nein, ganz konkret spreche ich von den während unseres kurzen Aufenthaltes offenbar gewordenen Brüchen, die in einer Gemeinschaft auftreten müssen, wenn an einem Ehestreit wortwörtlich die ganze Dorfgemeinschaft teilhaben kann und die weiteste Rückzugsmöglichkeit ohne Boot acht Schritte von der nächsten Hütte entfernt liegt. Nach der kleinen Alkoholeskapade unseres Bootsfahrers liegen wir in der zweiten Nacht in der elektrizitätslosen Dunkelheit und lauschen dem Wind und dem Meer, als dieser vielbesungene Dialog der Naturelemente von einem Schuss unterbrochen wird. Aufgeregtes Geplapper und Durcheinanderrufen folgen. Ein Streit um Geld, ein Kleinkind auf dem Arm eines der beiden Kontrahenten, ein Faustschlag, ein Warnschuss und der Vollmond sind die Ingredienzien dieser kleinen Tragödie, wie wir am nächsten Tag erfahren.
„Was wohl heute passieren wird?“ frage ich vor dem Zubettgehen am Abend darauf, und wir lachen ein wenig unsicher darüber. Die Sonne versinkt in einer rotgoldenen Farbexplosion, während unser androgyner Hotelbesitzer, der Wirt, Koch und Zimmermädchen in Personalunion ist, die Lampen anzündet.
Es ist dann jedoch wieder nur eine dezente Rum-Trinkerei, die in einen singenden Bootsfahrer und einen abwechselnd gröhlenden und lallenden australischen Backpacker mündet, der sich in den frühen Morgenstunden mit Wortspenden wie „Have a fucking good night, you crazy motherfucker“ und herzlichem Gelächter von seinem singenden Trinkkumpanen verabschiedet und seine genervte Freundin mit gestammelten Wortspenden und tollpatschigem Herumstolpern in der Dunkelheit beglückt.
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Paul Gauguin, Zeitgenosse von Van Gogh und selbst der unbekanntesten Maler nicht einer, habe, so erlese ich mir aus The Path Between The Seas von David McCullough, am Bau des Panamakanals mitgearbeitet. Nicht in irgendeiner ausschlaggebenden Funktion, sondern mehr so als einer von vielen, der es nur deshalb in diesen Blog geschafft hat, weil er letztlich mit etwas ganz Anderem berühmt geworden ist, und damit auch die minutiösesten Details aus seiner Biographie mit einem Mal interessant werden.
Eigentlich war er gemeinsam mit seinem Freund Charles Lavalé, überraschenderweise nicht Hufschmied und auch nicht Taubenzüchter, sondern ebenfalls Maler, nach Panama gereist, um sich auf der Isla Taboga, südlich von Panama City im Pazifik, ein Grundstück zu kaufen, und sich dem süßen Nichtstun hinzugeben, aber da die beiden ihre Reisekasse schon bei der Ankunft geleert hatten, blieb ihnen anscheinend nichts anderes übrig, als bei den Amerikanern anzuheuern und die Hacke zu schwingen. In Briefen an seine Frau beklagte er sich bitterlich über die unmenschlichen Arbeitszeiten und –bedingungen. Als Lavalé allerdings von Arbeitskollegen Porträts für Geld anzufertigen begann, weigerte sich Gauguin, es ihm gleichzutun, da nur „Porträts in einem ganz bestimmten und sehr schlechten Stil“ Abnehmer fänden.
Da schuftete er lieber, bis er genug Geld hatte und Panama den Rücken kehren konnte. Er schiffte sich nach Martinique ein.
Und ich werde es ihm nun auch gleichtun. Gut, vielleicht hinkt der Vergleich etwas, denn der Panama Kanal ist schon lange fertig und auch an seinem bis 2014 geplanten Ausbau werde ich nicht mitwirken, auch werde ich keine Malerkarriere einschlagen und weder ist mein nächstes Ziel Martinique noch werde ich mich mit einem Schiff dorthin aufmachen (obwohl das kurz zur Debatte gestanden ist, dann aber aus Zeitmangel gestrichen wurde), aber ich habe mit Gauguin (und, zugegeben, fast allen anderen Touristen) gemeinsam, dass ich Panama den Rücken kehre. Brigitte ist nach drei ausgefüllten und hoffentlich schönen Wochen bereits unterwegs nach Österreich.
Mich hingegen zieht es nach Ecuador (diese Zeilen poste ich auf dem Flughafen von Bogotá in Kolumbien), und von dort aus werde ich mich dann auch das nächste Mal melden. Bis dahin kann ich euch die Lektüre von The Path Between The Seas ans Herz legen, das, obwohl ein Sachbuch, spannender und intrigenreicher als die meisten Thriller und Krimis ist. Und wer wollte nicht schon immer wissen, wie der Panama-Kanal nun wirklich gebaut wurde?
Also, husch-husch ins Buchgeschäft.
