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So fucking fragile
08. Juni 2008 von Matthias

Das hier – in Tegucigalpa, im tristen Stadtteil Comagüela – muss das mit Abstand traurigste und heruntergekommenste Internetcafe sein, in dem ich je war. Drei antike Rechenknechte, von denen einer ein rein ornamentales Dasein fristet und nicht einmal eingeschaltet ist, zwei Ventilatoren und ein abgehalfteter Typ hinter dem Tresen, der honduranische Talkshows schaut.

Als ich mit meiner Infektion zu Dr. John komme (wir befinden uns für die Dauer des restlichen Beitrags wieder auf Utila, jener Karibikinsel, die in so starkem Kontrast zu der honduranischen Hauptstadt steht wie… nun, wie das, was mensch sich gemeinhin unter einem Arzt vorstellt zu Dr. John), muss ich erst einmal warten. Aber ich bin vorgewarnt, Dr. John zu sehen sei, so informiert man mich, eine Tagesbeschäftigung. Offziell ist die Utila Community Clinic zwischen zehn und zwölf Uhr für Patienten geöffnet, aber meist taucht Dr. John erst gegen Mittag auf und widmet sich dann den Rest des Nachmittages ausführlich seinen Patienten.

Dr. John, eigentlich Dr. John Patrick McVay, ist aus Ohio (USA) und lebt seit sechs oder sieben Jahren auf Utila, wo er in seiner Kapazität als Unikum, Sonderling und hervorragender Arzt über das Schicksal seiner Schutzbefohlenen wacht.

Er hat wirres Haar, das sogar meine Frisur wie aus einer Friseurwerbung wirken lässt, einen wuchernden Bart und läuft mit nacktem Oberkörper oder in Hawaiihemden herum, kurz er wirkt wie eine Mischung aus Obdachlosem und gestrandetem Hippie nach einer langen, interessanten Drogenkarriere. Dass der Mann Arzt ist (und will ich den Berichten der anderen Glauben schenken, ein verdammt guter noch dazu, mit einem eigenen Fanclub auf Facebook), erscheint geradezu absurd.

“Aren’t you scared”, fragt er mich. “I would be scared if my doctor looked like a bum.” Er grinst.

“On a scale from one to ten, ten being the most serious, this is a nine”, konstatiert er etwas später, meine Infektion betrachtend. “You’re sure you’re not in pain? You should be climbing the walls, screaming for painkillers about now.”

“It’s annoying, but it’s not painful”, sage ich. Mein Freund Peter, der meine Weltreise sorgenvoll verfolgt und mich bereits vor Jahren als hoffnungslosen Hypochonder enttarnt hat, wenn es ums Reisen geht, kann bei Bedarf bestätigen, dass ich niemand bin, der trotz peinigender Schmerzen die Zähne zusammenbeißt und so tut, als ob nichts sei; nein, diese harte Männer-Romantik überlasse ich gern leidensfähigeren Zeitgenossen. Wenn mir etwas nicht wehtut, dann tut es nicht weh.

In den folgenden Tagen, während Dr. John mit zunächst geringem Erfolg versucht, mich mit Antibiotika wiederherzustellen, haben wir Gelegenheit, einander etwas besser kennen zu lernen. Das Eis bricht, als ich mit meinem Neil Young T-Shirt bei ihm auftauche (“What do you have there?” fragt er und ich starre verunsichert an mir herunter, sicher, dass er irgendein weiteres Symptom gefunden hat. “No, there, your T-Shirt.”) Er habe Neil Young mindestens hundert Mal live gesehen, eigentlich sei er ja gar kein Fan, aber seine Exfreundin sei einer gewesen, und was tue man(n) nicht alles, ich wisse das sicher. Trotzdem überlege er, mein T-Shirt zu erwerben. Nicht verkäuflich, muss ich ihm bescheiden, ein Memento an einen gelungenen Abend.

Er persönlich sei ja seit seiner Collegezeit ein Lou Reed-Fan. Der ehemalige Velvet Underground Frontman sei auch der Grund, warum er heute noch immer Sonnebrillen trage, auch in der Nacht, wenn er durch Utilas Bars streife.

“If it’s that serious…”, sage ich und deute auf meine Infektion. Vielleicht sollte ich ein Spital aufsuchen, denke ich.

“You don’t see me running to get you on a boat, do you? As long as I’m noyt nervous, there’s no reason for you to freak out. I can deal with this.”

Und das kann er, auch wenn es wesentlich länger dauert, als geplant (ich bleibe fast eine ganze zusätzliche Woche auf Utila). Im Zuge meiner Behandlung lädt er mich auch zu sich nach Hause ein, ein geräumiges Holzhaus auf Pfählen direkt neben dem Friedhof. Die Veranda ist mit Flaggen und Tüchern verhängt – “I¡m a big fan of privacy” – und wir sitzen auf einer eingesunkenen Couch und trinken… Wasser. Der Couchtisch ist sein Grabstein, den er bereits anfertigen hat lassen, nur das Todesdatum fehlt noch.

“I’m fifty-fuckin’-four years old, my life’s over anyway. Humans were never meant to live that long. Raise your kids and then die, that’s the deal. My life is basically behind me, there’s no way it’s gonna be like it was.”

Er erzählt von seinem Leben in Ohio, von seiner Collegezeit und seiner Liebe zur (Rock)-Musik, die sich erst hier auf Utila zu einer Liebe zur elektronischen Musik gewandelt hat. “I fell in with an European crowd here, I met this girl. She was into rave and all that stuff. You know how it is, man meets girl, man follows girl.”

Von da ist es nur ein kleiner Sprung zu Extasy, das direkt von Toronto und Rotterdam nach Utila kommt (er weiß, wer Tabletten en gros einkauft und wer hier auf der Insel Tabletten herstellt) und anderen Drogen (“Three quaters of all the divers here are on drugs”) und dann berichtet er von Patienten, wer anstrengend sei (die aus den USA und aus Israel), welche ihm am liebsten seien (Australier – “just rough girls and guys. They don’t scare easily”) und welche er verloren habe. Ein Patient sei in einem öffentlichen Spital in La Ceiba gestorben, weil das für die behandelnden Ärzte einfacher sei als zwei Stunden Arbeit.

“I brought him in and asked them for oxygen. ‘We don’t have any’, they said, but, I tell you, the whole fucking emergency room was lined with oxygen bottles. I asked them for a suction machine, because the guy was bleeding, but they couldn’t be bothered. That’s when you realise that life is so fucking fragile. And when it’s over, it’s over. Let me give you a tip: always, always go to a private doctor here. And live your life while you still can.”

Das Leben auf der Insel, so idyllisch es erscheinen möge,  empfinde er zeitweise als anstrengend. “If you take the small town mentality and put it on an island, man, then things really start to get interesting. If your grandfather wasn’t born on this island, then you’ll never really belong here. They’ll smile at you and take your money, but that’s it.” In seiner Funktion als Arzt und Leichenbestatter genieße er aber zumindest den Respekt derEinheimischen.

“Being the undertaker is strange, though. You talk to them in the street one day and tie up their penises the next.”

Tie up their penises!? Alles muss ich nicht wissen.

Manches von dem, was Dr. John zum Thema zu erzählen hat, lässt Six Feet Under wie eine Gutenachtgeschichte für Kinder wirken. Kein Wunder, dass der Mann eine Legende auf Utila ist, in Blogs und Webseiten gewürdigt. Und hiermit auch hier – siehe rechts unter “Begegnungen” für einen Link zu mehr Infos und Bildern von Dr. John.

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James Bond
01. Juni 2008 von Matthias

Die nachtschwarze See ist unruhig und stürmisch, als wir auftauchen. Gegen den rückwärts gerichteten Scheinwerfer des auf den Wellen schaukelnden Bootes zeichnet sich der fallende Regen als goldener Vorhang ab, die Küstenlinie lässt sich allenfalls anhand verinzelt glimmender Lichtpunkte am Horizont ausmachen. Es erfordert einige Anstrengung, mit der klobigen Ausrüstung zur Bootsleiter zu schwimmen, die wegen des hohen Seegangs beunruhigend gegen den Rumpf schlägt.

Um das Boot herum sind die anderen lediglich anhand der tanzenden Lichter ihrer Tauchlampen zu erkennen. Margaret bricht wenige Augenblicke nach mir durch die Wogen, ein breites Lächeln im Gesicht; nicht nur die Euphorie unseres ersten Nachttauchgangs, sondern auch die Erleichterung, mich wiedergefunden zu haben, sind aus ihren Zügen deutlich abzulesen. Wir haben einander auf den letzten Metern beim Auftauchen verloren.

“Never, ever, let your buddy out of your sight”, hat uns Tracy aus Australien, unsere Tauchlehrerin, beim Briefing vor dem Tauchgang noch einmal eingeschärft. “That’s especially important on a night dive. Your buddy is your responsibility – and you his or hers. I’ll be counting your torches every 30 seconds, and I want to see five torches on every time. If you turn off your torch and then dare to come back to the boat, I swear I’ll fucking kill you.” Okay, vielleicht hat sie auch nur “you’ll have to buy me a beer” gesagt, aber wir wissen alle, wenn Tracy etwas ernst meint. Und ihr Tonfall ist ein “I’ll fuicking kill you”-Tonfall.

Eigentlich sind wir mittlerweile ein ganz gut eingespieltes Team, Margaret und ich; das tolpatschige Herumtaumeln und Gegeneinander-Prallen unseres ersten Open Water Dives ist zwar nicht gerade der schwerwlosen Eleganz gewichen, mit der Tracy aus Australien, Kerri aus Irland und Jerry aus den USA, unsere Tauchlehrer, durch die Unterwasserwelt gleiten, aber im Großen und Ganzen haben wir die ganze Auftriebsgeschichte und wie wir unsere Position allein durch unsere Atmung kontrollieren können, ganz gut verinnerlicht. Diesmal aber beschlägt Margarets Tauchbrille nahezu in dem Augenblick, in dem die Wellen über unseren Köpfen zusammenschlagen, und trotz mehrfachem Abnehmen der Brille unter Wasser (eine nützliche Fertigkeit, die uns nicht umsonst ganz am Anfang beigebracht worden ist), gelingt es ihr nicht, sie dauerhaft klar zu bekommen.

Während der etwas mehr als 45 Minuten, die wir unter Wasser zubringen, bleibe ich dicht bei ihr, warte, wenn sie mit ihrer Ausrüstung kämpft und zeige ihr mehrmals die Richtung, in die die anderen unterwegs sind. Erst beim Auftauchen, beim dreiminütugen Sicherheitsaufenthalt in fünf Meter Tiefe, um dem überflüssigen Stickstoff Zeit zu geben, aus unseren Körpern zu verschwinden und decompression sickness vorzubeugen, lasse ich sie kurz aus den Augen, weil das Schauspiel der ins schwarze Nichts zeigenden Lichtstrahlen unserer Lampen und die scheinbar im luftleeren Raum hängenden Silhouetten unserer Tauchkollegen mich für einen Moment gefangen nehmen. Ohne den Grund sehen zu können, sei es erstaunlich einfach, die Orientierung zu verlieren und zu vergessen, wo oben und wo unten sei, wurden wir gewarnt, in Panik zu verfallen sei allerdings eine suboptimale Reaktion auf dieses Phänomen. Besser wäre es, vorläufig einmal anzunehmen, die Richtung, in die die Luftblasen sich bewegen, sei oben.

Und hier, schwebend in nahezu vollkommener Dunkelheit, das Leuchten meines Teams um mich herum, kann ich das zum ersten Mal wirklich glauben.

* * *

Auf dem Tauchboot ‘Martini’s Law’

v.l.n.r.: James, Margaret, Feebie, Marie-Claire und Martine

Eine Aufnahme von unserem National Geographic KursDas Gefühl, nahezu mühelos über ein Korallenriff zu schweben, mit einmal tief Luftholen über ein Hindernis zu steigen und beim Ausatmen wieder leicht zu sinken, ist wieder einmal eine Empfindung, der meine bescheidene Beschreibungsgabe nicht gewachsen ist. Vielleicht, wenn ich mehr Zeit hätte, und mir meine Worte nicht hier im Internetcafe bei laufender Uhr zurechtlegen müsste (jede Minute ein Lemp, die honduranische Währung, Lempira wird bei uns Rucksackreisenden unweigerlich zu Lemps verunglimpft), vielleicht gelänge es mir dann, euch meine Begeisterung für diese vollkommen neue Welt nahezubringen, die sich mir hier erschließt. Aber wahrscheinlich eher nicht; die von euch, die tauchen, wissen, wovon ich rede, und die anderen müssen mit diesen zaghaften Zeilen vorlieb nehmen.

Ich wünschte nur, ich hätte zehn Jahre früher angefangen – das hier ist, von gewissen Tätigkeiten, die den Austausch von Körperflüssgkeiten beinhalten einmal abgeshen, unter den fünf großartigsten Sachen, die ich je gemacht habe. Warum erzählt einem sowas niemand? Mein ewiger Dank an meine Ausbildnerin Tracy, die mich nicht nur durch die Kurse gebracht hat, sondern mir die Begeisterung fürs Tauchen erst mitgegeben hat.

Eines der Boote am Dock

* * *

Ein Wort zu Superlativen. Mir ist ja bewusst, dass ich damit um mich werfe, als gäbe es kein Morgen, und nur zu gern würde ich in der Tradition eines Hunter S. Thompson über die dunklen Seiten der menschlichen Seele und meine mitleiderregenden Reisedesaster berichten, ja ich fände durchaus eine gewisse Genugtuung darin, die wüste Ödnis des alleine Reisenden in all ihrer desolaten Wirklichkeit darzustellen, aber selbst meine Negativerfahrungen haben zumindest Abenteuercharakter und sind eher nicht der Rede Wert (unter Umständen ist das aber auch nur eine Einstellungsfrage und ich sehe das erst jetzt so). Von einer Spinne gebissen zu werden ist – nur so als Beispiel – mitunter durchaus schmerzhaft, und als ich alter Hypochonder, der ich nun einmal bin, wegen der nicht unbeachtlichen Schwellung drei Tage spaeter zu einem Doktor gegangen bin, den mir Jerry vom UDC (Utila Dive Center – rated no. 1 dive center in the world by PADI) empfohlen hat, habe ich ja maximal mit einem mitleidigen Blick und einer Creme gerechnet, aber gleich zwei Injektionen, einen Haufen Antibiotika und Entzündungshemmer bekommen.

Aber eigentlich will ich mich einfach an Anne-Chantals (die Schweizerin aus Tulum) Rat halten:

[...] da ist es doch ein glück, wenn man auf dem eigenen weg so gute leute trifft. und frag nicht, weshalb alles wie am schnürchen läuft – geniess es einfach! es kann auch ganz anders kommen!

und nicht fragen.

Margaret, my dive buddy“It’s like you said last night”, sagt Margaret zu dem Thema, Margaret, die vor einem Jahr ihren gutbezahlten Job als advertisement executive in New York hingeschmissen hat (achtzig Wochenstunden durchaus Standard), um zu reisen und zu schreiben, “I’ve never been so fuckin’ happy in my life. I’m living out of a backpack, my T-Shirts smell, I don¡’t shower for days, I don’t shave my legs for two weeks and I’m happy as a pig in shit.”

Manche finden einfach die perfekten Worte.

Nochmal Margaret- diesmal unter Wasser

* * *

Noch eine Unterwasser-AufnahmeWenn schon das Auftauchen in der Nacht an eine Szene aus einem James Bond-Film erinnert hat, so war das Hinuntertauchen zu einem Transportshiffwrack der Firma Halliburton (ja, die Bösen mit der Irak-Connection) Bond-Kost pur. Korallenüberwucherter Schiffsrumpf, ein rostiges Fahrrad, jede Menge Fische, die über das Steuerrad und durch die Brücke schwimmen – kurz, siehe obige Kurzbemerkung zum Thema unbeschreiblich. Jede Minute erwarte ich das Erscheinen von Bösewichtern mit Harpunen, die die Verfolgung aufnehmen. Es liegt nicht nur an der Tiefe (durch den hohen Druck verbraucht ein Taucher in 30 Metern Tiefe viermal soviel Luft wie an der Oberfläche), sondern auch an der surrealistischen, trüben Atmnosphäre, dass unsere Luftvorräte weniger lang halten als sonst.

Dass das Schiff vor zehn Jahren von einigen Tauchschulen auf Utila erworben und absichtlich versenkt wurde, mag zwar ein wenig an Disneyworld-Tourismus gemahnen, ist aber – seien wir uns ehrlich – eigentlich belanglos.

Und ich darf mich jetzt zurecht als PADI Advanced Open Water Diver und als National Geograpohic Diver bezeichnen.

* * *

And now for something completely different… Eine Katze verwandelt sich, nachdem sie von einem Auto überfahren wurde, in eine Frau. Und wenn’s in der Zeitung steht, dann muss es ja schließlich stimmen:

http://www.tribune.com.ng/22052008/news/news2.html

* * *

Noch was: wenn ihr glaubt, dass ich euch noch eine Antwort auf ein oder mehrere Emails schudlig bin: ich habe alle Emails beantwortet; derzeit gilt aber anscheinend der GMX-Mailserver (der einzige, den ich noch benutzen kann), als SPAM-Server (sogar wenn ich mir selbst ein Mail schenke, landet es im Spamverdacht-Ordner), was bedeutet, dass meine Mails mitunter in eurem SPAM-Filter hängen bleiben könnten.
Also im Zweifelsfall bitte nochmal schreiben, damit ich weiss, was ich nochmal beantworten muss. Danke.

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Move over, Shakespeare
29. Mai 2008 von Matthias

Große Enttäuschung an der Grenze zu Honduras: wir bekommen keinen neuen Stempel in unseren Pass, die neunzig Tage Aufenthaltsgenehmigung für Guatemala gelten auch für Honduras und El Salvador. Damit fällt mit einem Schlag der Hauptgrund für einen zukünftigen Besuch dieses kleinsten Landes Mittelamerikas (El Salvador eben) weg. Adie, kurz für Adrien, den Barbara und ich zusammen mit seiner Begleiterin Claire bereits in El Retiro und danach in Flores getroffen haben, hat seine neunzig Tage sowieso bereits übreschritten und dürfte daher nur nach einer Nachzahlung von hundertfünfzig Dollar einreisen.

Da er allerdings über nur unzureichende Barmittel verfügt, reicht zu unserer Verwunderung seine Versicherung, in fünf Tagen wiederzukommen und das Geld nachzubringen – da es sich ohnehin nicht um eine offzielle Strafe handelt, sondern eindeutig um einen Unter-der-Hand-Handel, nehmen wir das alle nicht sonderlich ernst. Im Endeffekt muss er nicht einmal die drei Dollar Einreisegebühr bezahlen, die wir anderen berappen müssen, die wir noch gültige Visa unser Eigen nennen.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf dem Weg von Lanquin nach Flores zu Barbara gesagt habe, dass ich Adie nicht unbedingt symphatisch finde: er ist laut, direkt, findet sich unheimlich lustig, glaubt, dass alle im Bus unbedingt seine iPod-Musik hören wollen und macht anzügliche Witze zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten.

Jetzt, ein paar Tage später (Barbara ist nicht mit nach Honduras gekommen, sie verabschiedet sich mit Vorwürfen von mir und zieht es vor, sich noch ein wenig länger in Guatemala zu verlustieren), muss ich meine Meinung revidieren. Adie ist unheimlich lustig, aber auch großzügig, voller verrückter Einfälle und ein interessanter Gesprächspartner. Anstatt eines Tagebuchs schreibt er Songtexte und Gedichte – und gar nicht einmal von der peinlichen Sorte (er verdient seinen Lebensunterhalt als Produzent elektronischer Musik).

Er und Claire sind erst seit etwa zwei Wochen gemeinsam unterwegs; sie am Ende und er in der Mitte seiner Weltreise.

Im Bus von San Pedro Sula nach La Ceiba, inspiriert von einem fanatioschen Prediger, der unter frenetischem, irgendwie für mich jedoch befremdlichen Beifall der einheimischen Fahrgäste den Weg Jesu als den einzig richtigen anpreist, schreiben wir im Schein einer unruhigen Taschenlampe gemeinsam – jeder eine Zeile – ein Gedicht, das zwar so manchen wortgewandten Lyriker vor Neid erblassen ließe, dessen zahlreiche Insideranspielungen es aber nicht zur Veröffentlichung in diesem kleinen Blog geeignet erscheinen lassen. Der Anfang

Going to Honduras on a bus
Where an annoying preacher causes a fuss
Going to the islands just to chill,
Looking for excitement and maybe a thrill,
Gonna head to the beach to get a good tan,
Eat local food and drink what we can

mag dem poesieverfallenen Publikum als kleines Appetithäppchen genügen.

* * *

Sonnenuntergang auf UtilaUtila, eine der Bay Islands vor der Küste von Honduras, ist eine idyllische Karibikinsel, die vom Tourismus ziemlich überrumpelt worden ist. Und Tourismus bedeutet in diesem Fall Tauchtourismus; auf Utila kann mensch in der treffenden Formulierung von Chris aus Wien nicht viel mehr machen als Tauchen und Saufen.

“You know that it’s getting hot when the locals start to complain”, erklärt uns Tracy aus Australien, von der ich in Kürze in meinem nächsten Beitrag mehr erzählen werde. Kaum lässt die Hitze etwas nach, kommen die Sandfliegen zum Vorschein und foltern alle Anwesenden, außer mich. Mich mögen nicht einmal die Sandfliegen.

* * *

Auf der Suche nach unserem Zimmerschlüssel fördere ich neben dem obligatorischen iPod auch ein Taschenmesser, meine Digitalkamera, einen Reserveakku, eine Reserve-SD-Card und ein Bündel unappetitlicher Geldscheine aus den diversen Taschen meiner Trekking-Hose zu Tage (warum das Geld hier und in Guatemala mit der Zeit eine geradezu widerwärtige Konsistenz gewinnt, ist ein ungelöstes Mysterium).

“I have more things in my trousers than other people in their backpacks”, murmle ich.

“Yeah, man. I’ve got the exact same problem”, sagt Adie. Claire bricht in Gelächter aus, und ich stehe wieder einmal auf der Leitung.

* * *

Beach Partz vom UDC.

Beim Ausgehen in der Nacht davor (Treetanic! Treetanic! Solltet ihr jemals nach Utila kommen, that’s the place to be. Erinnert sich noch wer an die Faszination, die Baumhäuser auf die meisten von uns ausgeübt haben, als wir Kinder waren, eine Faszination, die mit der Pubertät vom Reiz des Anbandelns und Komasaufens ersetzt wurde? Treetanic kombiniert diese ultimativen Kicks; es ist eine beliebte Bar hoch in den Baumkronen, wo halbnackte Jugendliche – und solche, die es noch sein wollen – in bester Aprés Dive-Manier Cocktails und Biere hinunterstürzen); beim Ausgehen also haben wir leicht angeheitert beschlossen, zur Beachparty in Togas zu erscheinen, die wir aus den Leintüchern unserer Schlafsaalbetten anfertigen.

Wir fallen auf jeden Fall auf damit. Ryan aus Kanada, der wie wir auch im Mango Inn logiert und dem die halbe Insel zu Füßen liegt (die Hälfte mit dem Östrogen) bringt mir Hula-Hooping bei. “That’s so gay”, ist der negativste Kommentar des ignoranten Pöbels, allgemein überwiegt die Begeisterung.

Claire, Ryan und Anna

v.l.n.r: Claire aus London, Ryan aus Kanada und Anna aus Thüringen
auf einem Katamaran

Bin das nur ich, oder scheinen auf dieser Reise ein Haufen Annes, Anas und Annas meinen Weg zu kreuzen? Die aus diesem Blog sind ja nur eine Auswahl.

* * *

Drogen sind hier ja, wie fast überall sehr leicht zu bekommen, Alkohol wird ohne Alterskontrolle ausgeschenkt. Wie furchtbar die Verhältnisse allerdings tatsächlich sind, offenbart erst dieses schonungslose Foto, das ein alkoholisiertes Kind am Steuer eines Mopeds zeigt:

Lasst euch dieses Bild eine Warnung sein

* * *

Als Adie und Claire nach El Salvador weiterreisen, verfassen wir drei die folgenden Verse bei einem gemeinsamen Abendessen in geselliger Runde, während die anderen Lyrikverweigerer Bewunderung heucheln (darunter Sineads Freundin Sian, die ich im vorherigen Beitrag als Shawn bezeichnet habe, und die unvermutet im Mango Inn aufgetaucht ist):

Sitting in Utila
    With friends one last night
Having Indian curry

    And beers by candlelight,
Sandflies are the only things
    That make us want to leave;
Having parties and fun
    Dressed in a way you wouldn’t believe
Admiring Ryan baring his arse
    On a boat to the setting sun,
Then heading back to the beach
    For more toga and hula fun.
Hanging by the pool
    Or chilling on the beach,
Watching TV on a bed,
    Air-con instead of heat,

Meeting Antonia, Phillip and Sian,
    Friends some of us already know,

On this, our last evening
    In Utila, before we finally go.

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